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Jeckes Pro Und Contra
Ist das Winterbrauchtum auch sommertauglich?

Jeckes Pro Und Contra: Ist das Winterbrauchtum auch sommertauglich?
Gökçen Stenzel plädiert mit einem Augenzwinkern fürs Pragmatische.
Hilden. Ja unbedingt. Es ist nicht nur tauglich, sondern drängt sich dem Sommer geradezu auf. Wann feiert es sich schließlich open air am besten? Na bitte. Wer hat gern wenig am Körper, weil er sexy auftreten will und außerdem die ganze Zeit tanzt und schunkelt? Eben! Mit der Verlegung der Rosenmontagszüge in einen wärmeren Monat - der Mai ist gerade im Gespräch - haben die Karnevalisten ja schon selbst einen Schritt in die richtige Richtung getan. Warum nicht gleich so?

Gut, es bedarf natürlich noch der klärenden Gespräche mit den Schützen als den Vertretern des Sommerbrauchtums. Ziel sollte sein, zu einem Tausch der Brauchtümer zu kommen. Pragmatismus muss dabei vorherrschen, Traditionen sind gut und wichtig - aber was nützen sie, wenn die Veranstaltungen deshalb ausfallen? Also: Karneval im Frühsommer und Schützenfeste im Winter. Die Vorteile liegen auch für die Schützen klar auf der Hand! Ihre Uniformen sind schwer und trotzen auch dem kältesten Wind. Sie sind sturmfest behütet und gegürtet, halten sich zudem durch den Paradeschritt warm. Zu warm ist ihnen aber derzeit. Wie oft haben wir es erlebt, dass das Schützenwesen bei Temperaturen um die 35 Grad im Schatten geradezu in die Knie ging? Dann nützen auch die Marscherleichterungen nicht viel, da müssen die Verantwortlichen für Wassertanks und Abkühlungspausen sorgen - Bier ist bei der Hitze auch nicht wirklich das Getränk der Stunde. Die Jecken könnten im Gegenzug auf eisgekühlte Cocktails ausweichen, könnten die Samba-Gruppen deutlich ausweiten und bis in die (helle) Nacht draußen weiterfeiern. Düstere Säle, die heute noch völlig überteuert angeboten werden, hätten ausgedient.

Hilden, wo viele sowohl dem Karneval als auch dem Schützenwesen innig verbunden sind, könnte wieder einmal Vorreiter sein. Jecker Gedanke? Genau. Helau! (gök)

Thomas Gutmann sagt: Der Karneval gehört vor, nicht hinter die Fastenzeit. FOTO: Selfie

Nein - nur ausnahmsweise. Wer wegen einer steifen Brise meint, den Rosenmontagszug in die Sommersaison verlegen zu müssen, soll das tun. Wenn's dem ramponierten Ansehen im Narrenvolk dient . . . Aber bei Schlechtwetter-Prognosen unterhalb der Sturmwarnungsschwelle gehört der Karneval unbedingt vor die Fastenzeit und nicht dahinter - nicht dahin, wo ihn Meteoro-Mimosen gerne hätten. Wer sich im rheinischen Fasteleer zu verkühlen fürchtet, der kann ja Rio buchen oder Venedig. Jedenfalls sollte diese Wetterfühligkeit uns nicht dazu bringen, einen uralten Jahreskreislauf durcheinanderzuwirbeln.

Karneval im Sommer? Wer zum Teufel soll dann den Winter austreiben? Der Frühling? Wie oft schon ist es im März noch mal saukalt geworden - ohne Karneval hätte es der Lenz in solchen Jahren noch schwerer. Und wer jammert dann besonders laut: "Hört das denn nie auf mit dieser Scheißkälte"? Richtig, die Mimosen.

Den Winter erschrecken - das ist die germanisch-alemannisch-heidnische Wurzel des Karnevals. Die andere - die christliche - steckt im Karneval wortwörtlich drin: carne vale - Fleisch, lebe wohl! Manch ein Brauchtumsforscher hält den lateinischen Vokativ für herbeigedichtet, aber egal. Dann nehmen wir eben "Fastnacht". Die Nacht vor der Fastenzeit! So wie die Fastenzeit erst durch Ostern geadelt wird, so wird Karneval erst durch die Fastenzeit sinnig. Wir Rheinländer und mit uns ein paar andere Völkchen lassen es vor Aschermittwoch noch mal so richtig krachen - feiern, trinken, tanzen, flirten -, ehe wir für sechseinhalb Wochen kreuzbrav werden. Oder es zumindest versuchen . . .

Dann kommt Ostern - und mit der Auferstehung der Frühling. Ein Frischluft-Vergnügen reiht sich ans nächste, erst recht der Sommer wird wieder voll davon sein. Gerade dann brauchen wir keinen Karneval. (gut)

Quelle: RP
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