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Mein Lieber Nachbar
Immer zu einem Plausch bereit

Mein Lieber Nachbar: Immer zu einem Plausch bereit
Gottfried Gelbhaar ist gern und viel mit dem Rad unterwegs. FOTO: ati
Neuss. Wenn der Nachbar im Urlaub und die Post zu sammeln ist, wenn die nächste gemeinschaftliche Ölbestellung bevorsteht, oder wenn es nur der kurze Plausch an der Straße ist: Gottfried Gelbhaar ist zur Stelle. Von Bärbel Broer

Er kennt alle seine Nachbarn, und alle kennen ihn. "Das ist doch wohl das Mindeste, dass man sich grüßt. Es stört mich, wenn die Leute nicht mehr miteinander reden", sagt der rüstige 80-Jährige. Früher - in seiner Heimatstadt Dresden - hätten sich alle Leute in direkter Nachbarschaft gekannt und miteinander gesprochen. Und so hält er es noch heute in Kaarst, wo er seit 1992 mit seiner Frau lebt.

Gelbhaar hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Als uneheliches Kind war er in seiner Heimat wie gebrandmarkt und kam zunächst ins Kinderheim. Seiner Tante verdankt er, dass er wieder zurück zur Familie durfte. "Bis zu meinem achten Geburtstag lebte ich bei meinen Großeltern", erzählt er.

Der 23. Februar 1945 - der Tag, an dem Dresden bei den schweren Bombenangriffen nahezu zerstört wurde - hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. "Überall waren Schuttberge, und die Stadt stand in Flammen. Wie durch ein Wunder haben wir es rausgeschafft und konnten nach Radebeul fliehen." Die Tante hatte einen Splitter im Bein und nicht mehr laufen. "Wir haben sie in einem Fahrradanhänger mitgezogen", so Gelbhaar.

In einem alten Postbahnwaggon, der auf einem großen Grundstück in Radebeul aufgebockt war, fanden er und seine Mutter vorerst ein neues Zuhause. Den Entbehrungen und Kriegserfahrungen zum Trotz: "In dem Waggon zu wohnen, war ein schönes, abenteuerliches Leben."

Zwei Jahre nach Kriegsende konnte seine Mutter mit ihm in eine kleine Wohnung umziehen. 1953 mussten beide erneut fliehen: "Wir hatten die Wahl: wntweder Kommunisten zu werden oder frei zu bleiben." Der damals 18-Jährige, der soeben seine Lehre als Maurer abgeschlossen hatte, kam über Umwege nach Düsseldorf. 25 Jahre lange arbeitete er bei der Holthausen KG als Maurer, später als Polier. Er heiratete und bekam zwei Söhne.

Diese waren neun und sieben Jahre alt, als ihre Mutter an Krebs verstarb. Für den Witwer kam das neue Jobangebot, als Hausmeister der Caritas-Obdachlosenunterkunft in Mörsenbroich arbeiten zu können, wie gerufen. "Teilweise haben rund 500 Berber - heute sagt man ja Nichtsesshafte - dort übernachtet", sagt Gelbhaar, der mit seinen Söhnen eine Wohnung auf dem Gelände bezog. Dort lernte er auch seine spätere zweite Frau Sonja kennen, die als Stationsangestellte arbeitete. In der Obdachlosenhilfe ist Gelbhaar bis heute aktiv. Einmal im Monat fährt er nach Düsseldorf und hilft im Gemeindesaal einer Kirche bei der Essensausgabe.

Seit fast 30 Jahren ist er ehrenamtlich tätig. Gelbhaar, der nahezu täglich per Rad in Kaarst unterwegs ist, macht auch kein Aufhebens darum. Das ist so selbstverständlich für ihn wie Blumengießen oder nach der Post des Nachbarn schauen.

Quelle: NGZ
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