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Kaarst
Musikwochen erzählen von der Flucht

Kaarst: Musikwochen erzählen von der Flucht
Dramaturgin Verena Kleist, Kantor Wolfgang Weber und Schauspielerin Susanna Weber (v.l.) freuen sich auf die Musikwochen. FOTO: Lothar Berns
Kaarst. Am kommenden Freitag beginnen die Kirchenmusikwochen in der Auferstehungskirche. Bei den fünf Veranstaltungen bis zum 4. Dezember stehen zum Teil sehr persönliche Geschichten von Flucht und Vertreibung im Mittelpunkt. Von Bärbel Broer

Sie eint das identische Schicksal: Flucht. Die Geschichten von sieben Menschen, die von 1945 bis heute nach Kaarst geflohen sind, stehen im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung zu den diesjährigen Musikwochen der evangelischen Kirchengemeinde in Kaarst. "Es fiel nicht schwer, für dieses Jahr ein Thema zu finden", sagt Kantor Wolfgang Weber, der für die Konzeption und künstlerische Leitung verantwortlich zeichnet. Das Thema Flucht sei so präsent, nicht nur aktuell bei den in Kaarst lebenden Flüchtlingen und den vielen Helfern, so Weber. "Sondern auch bei jenen, die 1945 geflüchtet sind." Schirmherrin der fünf Veranstaltungen, die bereits zum siebten Mal stattfinden und am Freitag, 11. November, um 20 Uhr in der Auferstehungskirche beginnen, ist Bürgermeisterin Ulrike Nienhaus.

Zur Auftaktveranstaltung wird ein Kammerorchester Werke von Vivaldi, Bach und Telemann interpretieren, zudem werden Flüchtlinge auf ihren Instrumenten - einer auf dem Saiteninstrument Sithar, einer auf der zither-ähnlichen, persischen Santur - ihre Musik spielen. Auch der Pianist Jeremias Mamegahmi tritt auf.

Die Musik hat Weber mit Bedacht ausgewählt: "Sie umrahmt die einzelnen Fluchtgeschichten. Mal korrespondiert sie damit, mal bricht sie absichtlich", erklärt er. Vorgetragen werden die zum Teil sehr persönlichen Fluchterfahrungen von den Schauspielern Susanna Weber und Vittorio Alfieri. "Wir wollten den Flüchtlingen nicht zumuten, ihre Erzählungen selbst vorzutragen", so Susanna Weber. "Die meisten wären sofort wieder in ihrem Trauma. Das wollten wir nicht zusätzlich triggern."

Aus unterschiedlichen Perspektiven haben Geflüchtete ihre Erfahrungen zu Krieg und Vertreibung, Verlust und Angst aufgeschrieben oder sie haben ihre Erfahrungen Verena Kleist direkt erzählt. Der Dramaturgin oblag die schwierige Aufgabe, den persönlichen Berichten einen Spannungsbogen zu verleihen und gleichzeitig den Respekt vor den jeweiligen Texten und Erzählungen zu wahren. "Wir wollen nicht über Flüchtlinge sprechen, sondern den Betroffenen Raum geben", so Kleist.

Dass Flucht unmittelbar mit dem Tod in Verbindung stehen kann, wird beim Mozart Requiem deutlich. Die zweite Veranstaltung passend zum Totensonntag, 20. November, ab 17 Uhr in der Lukaskirche ist dem Gedenken an die Menschen, die auf der Flucht ihr Leben gelassen haben, gewidmet. Dazu hatte Wolfgang Weber das "Zentrum für politische Schönheit" angeschrieben, ein Zusammenschluss von Humanisten und Künstlern, die nach eigenen Angaben "auf Menschlichkeit als Waffe" setzen und mit spektakulären Aktionen gegen Flüchtlingsabwehr aufmerksam machen. "Von ihnen habe ich die Listen tausender Toter erhalten, die auf der Flucht gestorben sind", so Wolfgang Weber. Zwischen den 13 Sätzen des Requiems, das von Mitgliedern der Düsseldorfer Symphoniker gespielt wird, werden von Schauspielern die Namen gestorbener Flüchtlinge verlesen sowie Stellen aus der Bibel, dem Koran oder dem Talmud rezitiert.

Der erste Adventsgottesdienst in der Auferstehungskirche befasst sich mit dem Thema "Flucht in der Bibel". Dazu tritt der Chorus of Joy auf. "Lieder auf der Flucht" stehen im Mittelpunkt der vierten Veranstaltung am 2. Dezember in der Lukaskirche. Musik von Hanns Eisler, Kurt Weill, aber auch den Komponisten des Barock korrespondiert mit Texten der Lyriker Bertolt Brecht und Friedrich Hölderlin.

Zum Abschluss der Kaarster Musikwochen wird es dann ein gemeinsames Konzert von Flüchtlingen und Deutschen geben - am 4. Dezember in der Lukaskirche. Kantor Weber: "Jeder, der ein Instrument spielt, ist eingeladen, mitzumachen. Es muss nicht perfekt werden, sondern soll eine offene Bühne für alle sein."

Quelle: NGZ
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