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Kaarst
"Wir haben hier die Freiheit, kein Kopftuch tragen zu müssen"

Kaarst. Ihre Kopftücher tragen sie nicht mehr. Ganz bewusst. "Wir haben hier die Freiheit, kein Kopftuch tragen zu müssen", sagt Reem Mahzia stellvertretend für Mutter Nabeela und die jüngere Schwester Raghad (18). Die 27-jährige Zahnärztin, die mit ihrem Sohn Karam in Kaarst lebt, freut sich darüber. "Es ist bequemer und ich brauche hier keinen Schutz."

In ihrer syrischen Heimat dagegen habe sie immer ein Kopftuch getragen. "Wenn alle Frauen eins tragen, ist es sehr merkwürdig ohne." Sie sei zwar überzeugte Muslima, doch das Kopftuch als religiöses Symbol brauche sie nicht, so Reem. Sogar ihre Mutter legte nach über einem Jahr in Deutschland das Kopftuch ab. Zuvor hatte die 52-Jährige mit ihrem Mann Yahia, der damals noch illegal im Libanon lebte und auf sein Visum für Deutschland wartete, per Telefon darüber gesprochen. Der Physiker reagierte gelassen. "Es ist ihre Entscheidung", übersetzt Sohn Aiham das damalige Gespräch seiner Eltern.

Obwohl Reem diese Freiheit genießt und bewusst alles daran setzt, sich hier zu integrieren, ist ihre Situation sehr prekär. Denn sie und ihr Sohn warten nach wie vor auf die Anerkennung ihrer Asylanträge. Am 28. Dezember vergangenen Jahres hatte sie diese gemeinsam mit ihrem Bruder Majd gestellt.

Während Majd seine Anerkennung bereits seit Februar hat, ist ihr Status noch vollkommen unklar. Ihr Antrag sei beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) offenbar verloren gegangen, erzählt sie. Vor etwa drei Wochen hatte sie einen Anhörungstermin beim BAMF. Bei dem Gespräch war eine Übersetzerin dabei. "Die hat aber sehr viel falsch übersetzt", erzählt Reem, "so dass ich nachher alles selbst auf Deutsch erklärt habe." Die Zahnärztin übt derzeit für das B1-Sprachzertifikat.

Sie durfte nach Zahlung einer Kaution mit ihrem Sohn per Visum nach Deutschland einreisen. Zuvor hatte sich die Zahnärztin mit ihrer kleinen Familie drei Monate lang illegal im Libanon aufgehalten. Das Geld für die Kaution reichte nicht für ihren Mann. Seit über einem Jahr lebt er daher illegal im Libanon. Dort kann er nicht arbeiten, muss sich bei Freunden verstecken, ist darauf angewiesen, dass ihm seine in Katar lebende Schwester hin und wieder Geld schickt.

Seiner Frau kann er nicht nach Deutschland folgen, weil deren Status unklar ist. Den kleinen Sohn hat er über ein Jahr lang nicht gesehen. "Wir wissen nicht, ob das BAMF Reems Antrag nach den alten Gesetzen oder nach den neuen bearbeiten wird", so Aiham. Das ist nicht unwichtig: Würde Reem eine Anerkennung nach den Gesetzen zum Zeitpunkt ihres Antrag erhalten, hätte sie Anspruch auf Familiennachzug. "Wenn mein Mann nicht kommen darf", beginnt Reem ihren Satz, doch dann erstickt ihre Stimme und sie kann nicht weiter sprechen. Aiham steht ihr bei: "Da er ohne Erlaubnis aus Syrien ausgereist ist, dürfte er auch nicht zurück. Und im Libanon hat niemand eine feste Arbeit. Es ist so schon kaum zu ertragen, dass er Frau und Kind über ein Jahr lang nicht gesehen hat."

Reem leidet sehr: Unter der Trennung von ihrem Mann, ihrem ungeklärten Aufenthaltsstatus und der beruflichen Unsicherheit. Zudem fehlt ihr als junger Mutter der Kontakt zu anderen Müttern. Soweit es die Zeit mit dem kleinen Karam erlaubt, büffelt sie Vokabeln. Denn sie will das Sprachzertifikat B2 schaffen. Dann könnte sie ihre Approbation als Zahnärztin beantragen.

(bb)
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