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Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (5)
"Was haben wir denn getan?"

Serie Zeitzeugen Berichten Über Den Krieg In Kempen (5): "Was haben wir denn getan?"
Katja Scholz sah als Letzte die deportierten Kempener Juden. FOTO: Kaiser
Kempen. Die Ermordung der Juden vollzog sich in Gebieten Osteuropas, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg erobert hatte. Aber ihre Verfolgung setzte schon Jahre vorher ein. Von Hans Kaiser

22. November 1944: Ein Tag der Freude für die jüdische Familie Winter aus Kempen. Als dort die Schilder "Juden unerwünscht" auftauchten, sind der Vater, der Notar Dr. Karl Winter, seine Frau Bertha und die beiden Töchter Mirjam und Ruth 1936 in die Niederlande emigriert. Als 1942 auch in den Niederlanden die Transporte nach Auschwitz einsetzen, werden sie einzeln vom holländischen Untergrund versteckt, von einer Bleibe zur anderen weiter gereicht. Von hilfsbereiten Einwohnern, die dabei ihr Leben riskieren. Seit dem Sommer 1944 haben die Winters Unterkunft in dem katholischen Dorf Sevenum gefunden.

Der Ort liegt nordwestlich von Venlo am Rand der Grote Peel, eines kaum begehbaren Sumpfgebiets; nur selten kommen deutsche Besatzer in die unwegsame Gegend. In ihren Häusern und Gehöften haben die 3000 Einwohner etwa 1000 untergetauchte Menschen versteckt - abgeschossene alliierte Flieger, politische Flüchtlinge, an die 100 Juden und sogar zwei russische Kriegsgefangene und zwei deutsche Deserteure. Noch am 8. Oktober hat hier deutsches Militär in einer umfassenden Razzia alle männlichen Einwohner zwischen 16 und 60 Jahren festgenommen. Jetzt, nach heftigen Schusswechseln mit deutschen Fallschirmjägern, werden die Untergetauchten von Soldaten der 15. schottischen Division befreit.

Auf einer Tafel der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ist neben anderen Orten in Nordrhein-Westfalen auch "Kempen" verzeichnet. FOTO: Vera Meyer-Rogmann

Am Vormittag des 22. November sitzt Mirjam Winter mit etwa 20 anderen in einer Tischlerei an einem großen Tisch und bekommt von den Schotten Tee, Kaffee und Schokolade. "Die schönen Sachen hatten sie von Zuhause geschickt bekommen", berichtet die Kempenerin, die später einen ihrer ersten Retter, den Lehrer Gerrit-Jan Honig, geheiratet hat. "Jetzt teilten sie sie freigiebig mit uns."

Was für ein Glück haben die Winters gehabt! Von 77 Juden, die zurzeit des "Dritten Reiches" in Kempen und St. Hubert lebten, sind 35 nachweislich umgebracht worden. Aber die Winters aus Kempen sind am Leben geblieben. Am 13. Mai 2015 besuchte Mirjam Honig geborene Winter, 93 Jahre alt, noch einmal die Kempener Realschule und erzählte einer Klasse von der Verfolgung und dem Leben im Versteck.

Es ist erstaunlich, wie viele Zeitzeugen über die Verfolgung und Deportation der Kempener Juden berichten können. Aber suchen muss man sie schon, denn über dieses Kapitel der Stadtgeschichte wird normalerweise geschwiegen. Die Kette der erinnerten Ereignisse beginnt mit der Emigration jüdischer Bürger in den 1930er-Jahren. Wie die des Viehhändlers Leopold Servos (66), er wohnte an der Hülser Straße 15, und seiner Ehefrau Betty (64). Als sie im September 1938 die Auswanderung zu ihrem Sohn Siegfried nach Illinois in den USA antreten wollen, kauft ihnen ihre Nachbarin Gerda Geiger, Telefonistin bei der Kreisverwaltung, die damals noch in Kempen sitzt, die Fahrkarten in die Niederlande: "Zu diesem Zeitpunkt trauten sich die Eheleute Servos nicht mehr an den Bahnschalter", hat sich ihre Nachbarin Änne Rütten, damals ein junges Mädchen, erinnert.

Zwei Monate später laufen auch in Kempen die Ausschreitungen der Pogromnacht ab: Als "Vergeltungsaktion" für den Tod eines deutschen Diplomaten, den in Paris ein siebzehnjähriger Jude angeschossen hat. Für die nationalsozialistische Propaganda steckt eine jüdische Verschwörung dahinter. Am Vormittag des 10. November 1938 zünden Kempener Nationalsozialisten (aber keine Auswärtigen, wie oft noch dargestellt wird) die Synagoge an der Umstraße an.

"Es war etwa 10 Uhr, als ich an der Synagoge vorbeikam", berichtet Katja Scholz, damals eine achtjährige Schülerin. "Aus ihren Fenstern schlugen helle Flammen. Fünf bis sechs uniformierte SA-Leute standen davor. Sie gebärdeten sich sehr euphorisch, einige von ihnen vollführten regelrechte Freudentänze. Als sie uns Kinder sahen, schickten sie uns weg." Dann demolieren SA- und SS-Männer, aber auch ein Polizist fast alle jüdischen Geschäfte und Wohnungen in Kempen und St. Hubert. Wie die der Familien Bruch und Goldschmidt, Vorster Straße 2 - heute Café Amberg. "Als wir vorbeikamen, hörten wir gewaltigen Lärm und blieben stehen", erinnert sich Katja Scholz. "Da sahen wir, wie die Trümmer eines Klaviers aus dem mittleren der drei Fenster auf die Straße flogen. Ich erinnere mich noch, wie im Fensterrahmen der Polizist Ludwig Oberdieck auftauchte und neben ihm der SS-Mann Fritz Holtermann, auf dem Kopf die Schirmmütze mit dem silbernen Totenkopf. Im offenen Fenster links daneben aber stand die kleine Ilse Bruch und weinte herzzerreißend."

Als ob nichts geschehen wäre, zieht am Abend des 10. November der Martinszug an der noch qualmenden Synagoge vorbei. Die Kinder recken die Hälse; aber vor der Ruine halten noch Kempener Feuerwehrleute die Brandwache. "Singen! Weitergehen!", drängen sie. "Wir zogen singend daran vorbei", erinnert sich Erich Wüllems und fügt hinzu: "Immer, wenn der St.-Martins-Zug durch Kempen zieht, kommen die Bilder aus der Vergangenheit zurück."

Drei Jahre später setzen die Deportationen ein. Zur Vorbereitung werden die noch in Kempen lebenden Juden im November/Dezember 1941 in so genannten Judenhäusern zusammengezogen: Engerstraße 38, Schulstraße 10, Josefstraße 5 (an der Stelle des heutigen Hauses Heilig-Geist-Straße 21), Josefstraße 7. Hier leben sie in qualvoller Enge: In dem schmalen Haus Schulstraße 10 acht Menschen, an der Josefstraße 5 elf.

Der "arischen" Bevölkerung ist jeder Kontakt mit ihnen verboten. Angst und Propaganda wirken in der Bevölkerung. Ein Beispiel: Auf dem Kirchplatz, in der Nähe des Portals von St. Marien, trifft die sechsjährige Elisabeth Dambacher, später verheiratete Brünen, die Jüdin Selma Bruch und deren Tochter Ilse. Die ist nur ein Jahr älter als Elisabeth, und arglos spricht das Kind die Beiden an. "Auf der linken Brusthälfte trugen sie den Judenstern", erinnert sie sich. Da stürzt aus einem anliegenden Haus eine unbekannte Frau heraus, zerrt das "arische" Mädchen von Selma und Ilse Bruch weg und fährt sie an: "Mit denen darfst du nicht erzählen!" "Natürlich darfst du mit denen sprechen", tröstet zu Hause Mutter Magdalena Dambacher ihre verstörte Tochter. Selma Bruch aber wird am 2. November 1943 im Getto von Riga ihrer zwölfjährigen Tochter Ilse auf den Weg nach Auschwitz in die Gaskammer folgen; freiwillig, damit ihr Kind im Sterben nicht allein ist.

Am 10. Dezember 1941 findet die erste Deportation statt. Sie bringt zwölf Juden aus Kempen und St. Hubert nach Riga, in den von der Wehrmacht besetzten Teil der Sowjetunion. In St. Hubert sind einige Juden vor ihrer Deportation in den Bäckerladen Pasch gekommen. Den Bäckersleuten, deren Einstellung gegen die Nazis ortsbekannt ist, können sie ihre Ängste anvertrauen. "Einige haben geweint. Es war eine ältere kleine Frau dabei von gebückter Gestalt", erinnert sich Jupp Pasch. "Ich weiß noch, dass sie unter Tränen sagte: ,Was haben wir denn getan?'" Die Frau war die 1891 geborene, an hochgradiger Neurasthenie leidende Wilhelmine Mendel. Als eine der ersten wird sie, weil sie arbeitsunfähig ist, in einem Wald bei Riga auf der abgedichteten Ladefläche eines Lkw mit Autoabgasen erstickt werden.

Die zweite Deportation erfolgt ein halbes Jahr später. Mit einem Lkw, den die Kempener Polizei vom Fuhrunternehmer Max Nauels an der Bahnstraße angemietet hat, werden am Nachmittag des 24. Juli 1942 die letzten 16 Kempener Juden aus ihren Wohnungen abgeholt und nach Krefeld gebracht. In Kempen besteigen sie einen Waggon der Industriebahn, des "Schluff", heute bekannt als Ausflugszug, der mit fröhlichen Menschen vom Krefelder Nordbahnhof nach Hüls dampft. "Von der Burgstraße rollte der Lkw mit den Deportierten auf der offenen Ladefläche über die Thomasstraße, überquerte den Ring und fuhr weiter in Richtung des Güterbahnhofs und des Bahnhofs der Industriebahn", hat sich Katja Scholz erinnert. Sie war wohl die letzte, die die Todgeweihten gesehen hat. Ein halbes Jahr später war es in Kempen ein offenes Geheimnis, dass diese Fahrt in den Tod geführt hatte. Ein Beispiel ist der Kempener SA-Mann Josef Renkes, der im Januar 1943 in einem Brief an die Kempener NS-Ortsgruppe von den Deportationen ganz offen von der "Judenausrottung" sprach; nachzulesen in Akten des Landesarchivs.

Es gibt auch Beispiele für Hilfe, oft unter Lebensgefahr. In St. Hubert war es der schon genannte Bäckermeister Josef Pasch, der den jüdischen Viehhändler Max Mendel vor den Nachstellungen der örtlichen Nationalsozialisten versteckte. Und es war ausgerechnet der damalige Ortsgruppenleiter Heinrich Ruland, ein gläubiger Katholik, der den Bäckermeister eines Nachts vor einer gezielten Suchaktion warnte, woraufhin Max Mendel Unterschlupf beim Obstbauern Tilman Peters fand. Trotzdem wurde er - nach der Denunziation durch Nachbarn und dem Zusammenwirken verschiedener Behörden, darunter der Kempener Polizei - nach Auschwitz deportiert und dort am 16. April 1943 ermordet.

Aus den Mitteilungen der Zeitzeugen geht hervor: Es waren keine Monster, die in Kempen an der Vernichtung der Juden beteiligt waren. Es waren ganz normale Menschen, staatsloyal und unter dem Einfluss einer übermächtigen Propaganda. "Anständige Leute", wie man so sagt. Wie der menschlich umgängliche Bürgermeister Dr. Gustav Mertens, der mit seiner Ortspolizei, durchweg angesehenen Bürgern, die Abfahrt in den Tod organisierte. Nach dem Krieg wurde er Oberkreisdirektor des Landkreises Geldern. Mertens handelte auf Anweisung des Kempener Landrats Jakob Odenthal. Der führte, obwohl innerlich ein Gegner des Nationalsozialismus, die Anweisungen der Gestapo zur Deportation der Juden pflichtgetreu aus. Bei Beiden können verbrecherische Motive nicht unterstellt werden, aber beide trugen bei zum Massenmord. Das sollte nachdenklich machen.

Quelle: RP
 
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