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Volleyball
Merkurs letzte Volleyballer

Volleyball: Merkurs letzte Volleyballer
Einmal in der Woche stehen die Männer in der Turnhalle des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums am Netz. Es ist die letzte Volleyball-Herrenmannschaft, die der VfL Merkur Kleve noch hat. FOTO: Markus van Offern
Kleve. Die Volleyballer des VfL Merkur Kleve dominierten in den 80er und 90er Jahren das Geschehen beim größten Sportverein der Stadt. Die Abteilung bestand aus zahlreichen und hochklassigen Teams. Eine Herren-Mannschaft ist übrig geblieben. Durchschnittsalter - um die 70 Jahre. Von Peter Janssen

Der Blick zurück ist meistens ein verklärter. Doch gibt es kaum etwas Objektiveres als Zahlen, die belegen, wie es in der Vergangenheit aussah. Der VfL Merkur Kleve besaß einst eine Abteilung, deren Entwicklung über zwei Jahrzehnte hinweg nur eine Richtung kannte: steil bergauf. Als der Verein 1995 sein 100-jähriges Bestehen feierte, gab es eine Jubiläumsschrift, in denen allein die Volleyballer 27 Seiten füllten. Bis in die 3. Liga stieg die erste Sechs auf. 15 Teams spielten in einer Saison für den VfL, die Senioren gehörten einige Jahre zu den besten Mannschaften in der Republik.

Dienstag, 18.15 Uhr, Turnhalle Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Herman Reijers (71) sitzt auf einer Bank und schaut zehn Volleyballspielern im gesetzten Alter zu. Reijers trägt Sportsachen, doch eingewechselt wird er nicht. Der Mann spielt leidenschaftlich gern Volleyball, ist derzeit aber verletzt. Trotzdem zieht er sich um. "Wegen einer Knieverletzung muss ich noch vier Wochen pausieren. Der Sport war immer ein Teil meines Lebens. Ob als Aktiver oder Schiedsrichter. Ich will einfach dabei sein." Die Männer auf dem Feld könnten Reijers hervorragend gebrauchen. Mangels Masse fehlt in jeder Mannschaft ein Akteur. Die Spieler, denen Reijers hier zuschaut, bilden die 1. Herrenmannschaft des VfL Merkur Kleve, denn es gibt keine andere mehr. Gespickt mit Männern jenseits der 70. Der rasante Abstieg einer Abteilung endet an einem Trainingstag am Dienstag.

Bei den Senioren werden die Bälle nach dem Aufschlag gern direkt wieder in die andere Hälfte zurückbefördert. Ein Angriff über drei Stationen sorgt auf beiden Seiten für Freude. Läuft es zu einseitig, werden Spieler getauscht. Dafür ist Rudolf Früke verantwortlich. Früke ist 76 Jahre alt und zugezogen. "Ich war immer im Sportverein. Hier in der Mannschaft fühle ich mich wohl", sagt er. Als Früke 2011 nach Kleve kam, bestand die Abteilung noch aus 15 Spielern. Nicht nur für ihn geht es neben der Bewegung, guten Ballwechseln auch um den Kontakt untereinander. Wie bei Alt-Herren-Sportlern nicht unüblich, trifft man sich anschließend noch. Das Restaurant Bergmann an der Hoffmannallee ist seit jeher ein beliebter Treffpunkt von Volleyball-Teams.

Einer, der für sein Alter mehr als nur ordentlich spielt, ist Willi Paal (65). Paal gehört zu den Jüngeren und ist seit Jahrzehnten Mitglied beim VfL Merkur. Mitte der 70er Jahre trainierte er den Leichtathletik-Nachwuchs des Vereins für Leibesübungen, als auch der noch breiter aufgestellt war. "Man hat mich gefragt, ob ich nicht mitspielen will", erklärt der 65-Jährige, der zusätzlich noch in einer Mixed-Gruppe am Netz steht. Auch wenn das Spiel hier "aufschlaglastig" ist, er kommt gern, denn er weiß: "Im Alter startet man eben nicht mehr so schnell."

Die Gruppe ist stets auf der Suche nach Verstärkung. Aber darauf zu hoffen, dass plötzlich 40-Jährige in der Halle stehen, wäre vermessen. Doch gelegentlich kommen neue Interessierte. Getrieben von enormem Ehrgeiz, kehren sie nach dem ersten Abend mit einem Muskelfaserriss wieder nach Hause - und nie mehr zurück zum Training. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen wurde noch lange nicht jeder genommen. Mit Hinweisen, wie die Bälle und das Netz seien privat, wurde den aussortierten Kandidaten die Hallentür gewiesen.

Wenn es bei der Gruppe keine Ausfälle gibt, stehen 13 Männer in der Halle. Wolfgang Graß (77) gehört dazu. Graß ist seit 1948 Mitglied beim VfL, war 17 Jahre Vorsitzender und eigentlich Handballer. Wenn er anfängt, von den glorreichen Zeiten zu erzählen, wird es schwer, ihn wieder einzufangen. Mit einem Hauch Wehmut blickt er auf die 80er und 90er Jahre zurück, in denen zeitweise allein sechs Männerteams für den VfL in der Meisterschaft spielten.

Ein Grund für Aufstieg und Niedergang der Abteilung sind aus Graß' Sicht die fehlenden Persönlichkeiten und vor allem Trainer. Ob Gottfried Herzberg, Wolfgang Sonnenschein, Manfred Verholen, Hermann Kemper oder Jürgen Thissen - stets besaß der VfL Männer, deren enormer Einsatz dazu beitrug, dass Volleyball im Kleverland populär wurde. Aber auch national rückte die Sportart in den Fokus. So trug die TV-Übertragung des olympischen Turniers 1972 von München, zu dem Boom bei. Den Rest erledigten damals die Lehrer. Es war eine Generation, bei denen der Sportunterricht zu großen Teilen am Netz stattfand. So stieg in den 70er Jahren innerhalb von vier Jahren die Mitgliederzahl beim Deutschen Volleyball-Verband (DVV) von 46.000 auf 133.000. Zudem ist das Spiel die einzige Mannschaftssportart, in der man keinen Körperkontakt mit dem Gegner hat, was einer friedensbewegten Gesellschaft entgegenkam.

Bei den Männern im fortgeschrittenen Alter fehlt die Explosivität. Der Wille, ein gutes Spiel abzuliefern, jedoch nicht. Nach einer Kombination mit fünf oder sechs Ballwechseln steigt die Stimmung in der Halle spürbar. Mit dem Ende eines Satzes werden beim Seitenwechsel ein paar Minuten Pause gemacht. Herman Reijers, der Mann in Sportsachen und ohne Ballkontakt, reicht Getränke. Ex-Vorsitzender Graß nimmt einen Schluck. Große Hoffnungen, auf eine Renaissance der Abteilung, hat er keine. "Das Ende des Volleyball-Sports bei uns ist abzusehen", sagt Graß und schaut in die Runde. Die Auszeit ist abgelaufen, die letzten Volleyballer des VfL Merkur Kleve gehen zurück aufs Feld. Drei Minuten Pause sind vorbei. Schön war die Zeit.

Quelle: RP
 
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