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Krefeld
De Costers Roman zur kollektiven Verunsicherung

Krefeld. Mit Vogelzwitschern vom Band zu elektronisch erzeugter Musik nach einem Kinderliedmotiv begann die letzte Krefelder Lesung des Literarischen Sommers, die im kleinen Saal des Stadtwaldhauses stattfand. Denn der Roman "Wir und ich", mit dem die Belgierin Saskia de Coster angereist war, spielt in einem ebenso noblen flämischen Villenviertel. Zur Musik von Inne Eysermans sprach de Coster einen Text, der ebenfalls auf das Kinderlied Bezug nahm, ehe sie sich dem Gespräch mit Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW stellte.

Erstaunt zeigte sich die Autorin, dass es hierzulande bei Lesungen üblich ist, den überwiegenden Teil der Zeit Originaltext vorzulesen und einen kleineren Raum dem Gespräch über das Gelesene zu widmen. Zumindest im flämischen Sprachraum sei das umgekehrt, erklärte sie, deshalb hatte sie auch nur drei relativ kurze Passagen zum Lesen vorbereitet. Um so detailreicher sprach sie über die realen Hintergründe ihres fiktiven Schreibens. Dabei flocht sie - auch als Songtexterin tätig - die reizvolle These ein, dass Bob Dylan ebenso wie Franz Kafka einfach zu gut sei, um den Literaturnobelpreis zu erhalten. Auslöser für ihren fünften Roman, der als erster auch auf Deutsch erschienen ist, sei gewesen, dass sie sich mit den Facetten ihrer eigenen familiären Prägung beschäftigt habe.

Und dann gewährte sie den Hörern der auch diesmal ausverkauften Veranstaltung Einblicke in das wahrlich skurrile Innenleben der luxuriösen Villa Vandersanden in der Nachtigallenlaan. Stefan, ursprünglich nicht aus dem Geldadel stammend, aber beruflich höchst erfolgreich, erklärt sich selbst sein Leben als Aneinanderreihung von Bob-Dylan-Zitaten. Seine Frau Mieke, die eigentliche Erbin des Familienvermögens, hat auch vor kleinsten Unruhemomenten panische Angst und kompensiert diese durch hingebungsvolles Kämmen der Teppichfransen im Haus. Sarah, die halbwüchsige Tochter, spürt, dass ihre Eltern nicht glücklich sind, und will raus aus dem goldenen Käfig. De Costers Schilderungen erreichten mitunter karikaturistische Qualitäten, obwohl die eigentliche Handlung erst später im Buch in Fahrt kommt, wenn Miekes Bruder, der Tunichtgut der Familie, die erstarrte Konstellation aufmischt. "Ich hoffe, es ist mir gelungen, einen misslungen-naturalistischen Roman zu schreiben", kommentierte die Autorin ihr Werk, das sie auch als Reflex auf die gegenwärtige kollektive Verunsicherung der Menschen in Europa verstanden wissen möchte. Sie beschloss den Abend mit Inne Eysermans und der englischsprachigen Text- und Sound-Collage "One Mississippi", die an die Beatnik-Poetry der 1950er Jahre erinnerte.

(MoMe)
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