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Rp-Serie Krefelder Märtyrer
"Der Vater der Armen" in Auschwitz verbrannt

Rp-Serie Krefelder Märtyrer: "Der Vater der Armen" in Auschwitz verbrannt
Kapuzinerpater Anizet Koplin wurde im KZ Auschwitz bei lebendigem Leib verbrannt. Er hatte sich für jüdische Mitmenschen eingesetzt. FOTO: CG
Krefeld. Der Kapuzinerpater Anizet (Adalbert) Koplin wurde in Krefeld zum Priester geweiht. In Warschau war er als Beichtvater für viele Polen ein beliebter Seelsorger - auch für den späteren Papst Pius XI. Die Nazis verbrannten ihn im Alter von 66 Jahren bei lebendigem Leib im KZ in Auschwitz. Von Henning Rasche

Adalbert Antonius hatten die Koplins ihr zwölftes Kind genannt, oder etwas kürzer: Albert. Sie leben damals in Preußisch-Friedland in der Provinz Westpreußen, die am 30. Juli 1875, Adalberts Geburtstag, noch zu Deutschland gehört. Der Junge wird in eine Welt geboren, in der gerade der preußische Kulturkampf tobt, ein ideologischer Kampf gegen die Kirche. Doch Adalberts Vater Lorenz, ein Arbeiter, und seine Mutter Berta erziehen ihren Sohn treu katholisch. Sie tun das mit solch einer Überzeugung, dass Adalbert mehr als 100 Jahre später als "Vater der Armen" selig gesprochen wird.

Der Kulturkampf hält an, wütet in Westpreußen ungehemmt bis 1887 weiter. Doch die Familie Koplin festigt dieser Kampf in ihrem Glauben; sie beginnt sich verstärkt für katholische Belange einzusetzen. Adalbert ist sieben Jahre alt, als er sterbenskrank wird. Der Arzt gibt ihn auf, sagt den Tod des zwölften Kindes voraus. Der kleine Junge aber legt sein Schicksal in die Hände Gottes. Nur er sollte darüber entscheiden, was mit ihm geschieht. Und ganz für den Fall, dass er es schafft, dass er den Arzt und dessen Todesprognose widerlegt, nimmt sich Adalbert vor, dem Kapuzinerorden beizutreten.

Am 23. November 1893 erfüllt Adalbert mit 18 Jahren das Versprechen, das er Gott gegeben hat: Er tritt in Singolsheim im Elsaß in das Noviziat der Rheinisch-Westfälischen Kapuzinerprovinz ein. Dort erhält er seinen Ordensnamen: Anizet. Kurz darauf nimmt er das Philosophiestudium in Kleve auf, während er in Krefeld und Münster Theologie studiert. In der Klosterkirche Krefeld empfängt Anizet Koplin am 15. August 1900 im Alter von 25 Jahren vom niederländischen Bischof Emanuel van den Bosch die Priesterweihe.

Anizet beginnt sich für die Polenseelsorge zu spezialisieren. Die Sprache kennt er gut aus seiner Jugend, allerdings kehrt er, um Polnisch auch sprechen zu lernen, für drei Monate aus Krefeld in seine Heimat nach Westpreußen zurück. Anizet Koplin aber hat Sprachgefühl, es fällt ihm nicht schwer, sich mit der Umgangssprache der Polen vertraut zu machen, die für die alltägliche Seelsorge so wichtig ist. Koplin verfasst außerdem etliche Gedichte und Verse - auf Deutsch und auf Latein.

Zwischen 1904 und 1911 ist Pater Anizet Koplin in Werne und Sterkrade stationiert, wo er jeweils als Priester arbeitet. 1913 führt ihn sein Weg wieder zurück ins niederrheinische Krefeld, sein Studienort, der Ort, in dem er zum Priester wurde. Von Krefeld aus kümmert sich Koplin im gesamten Ruhrgebiet um die polnischen Gemeinden. Der junge Seelsorger ist unheimlich beliebt, weil er sich nicht nur um die seelischen, sondern auch die leiblichen, irdischen Belange bemüht. In dieser Zeit trainiert der Kapuzinerpater sich nicht bloß im Dichten, sondern auch im Gewichtheben. Der stattliche Mann fährt in diesem seltenen Hobby etliche Preise und Medaillen ein.

Kurz nach Koplins Ankunft in Krefeld bricht der Erste Weltkrieg aus. Für Polen und Litauen jedoch beginnt mit dem Friedensvertrag von Brest-Litwosk vom 3. März 1918 wieder die Selbstständigkeit. Auch die katholische Kirche kann das als Neubeginn begreifen. Nur fünf Tage nach dem Friedensvertrag wird Anizet Koplin vom Kapuzinerorden nach Warschau geschickt. Dort soll er die Deutschen betreuen und am Aufbau der polnischen Ordensprovinz mitarbeiten. Doch Pater Anizet fällt bei den Bischöfen, Erzbischöfen und anderen Oberen in Warschau vor allem als begnadeter Beichtvater auf.

Anizet Koplin trifft dort auf einen gewissen Monsignore Achille Ratti, dem er wiederholt die Beichte abnimmt. Ratti, der Italiener, mit dem Koplin sich gut versteht, wird Jahre später zu Papst Pius XI. Er geht nach Rom, wird Oberhaupt der katholischen Kirche. Koplin aber bleibt in Warschau, übernimmt wieder, wie schon in Krefeld, die Betreuung der Polen. Er arbeitet vor allem im Beichtstuhl, tröstet Menschen in Not, ist ihnen eine Stütze. Koplin wird zum "Vater der Armen von Warschau", wie ihn Monsignore Ratti getauft hat.

Während des Aufstiegs der Nazis sorgt sich Koplin zunehmend auch um seine jüdischen Mitmenschen. Er hilft, wo er kann. Das wird ihm zum Verhängnis: Gleich zweimal lädt ihn die "Gestapo" 1941 zum Verhör. Sie sucht regelrecht nach Beweisen, dass Pater Koplin gegen Gesetze verstößt. Doch beide Male lassen die Nazis Koplin und seine Ordensbrüder wieder frei - sie wollten sie nicht zu Märtyrern machen.

Am 28. Juni 1941 schließlich verhaftet die "Gestapo" den gesamten Konvent bei einem Fliegeralarm. 22 Männer verschleppen die Nazis, zunächst ins Gefängnis "Pawiak", wo man Koplin die deutsche Staatsbürgerschaft entzieht. Fortan ist er der Pole Koplinski. Drei Monate später transportieren die Nazis Pater Koplin und 19 seiner Mitbrüder ins Konzentrationslager Auschwitz. Anizet landet sofort im Todesblock.

Was er genau in Auschwitz erlebt, ist nicht klar. Pater Brzezinski, der Auschwitz überlebt hat, berichtet später: "Pater Anizet hat viel geschwiegen und gebetet. Er blieb immer still und ruhig." Der 16. Oktober 1941 soll Koplins Todestag sein. Er wird mit ungelöschtem Kalk bestreut und bei lebendigem Leib von den Nazis verbrannt.

Am 13. Juni 1999 spricht Papst Johannes Paul II. Pater Anizet selig.

Quelle: RP
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