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Kr Wie Krefeld
Grüße aus der Provinz an Europa

Krefeld. Wer mit offenen Augen durch Krefeld läuft, stößt auf europäische Schicksalsfragen. Grüße an Brüssel fallen zurzeit unfreundlich aus. Und bitter.

Bei Jubiläumsfeierlichkeiten interessieren gemeinhin die Kürze der Grußworte, die Länge des Buffets und die Güte des Weins. Ausnahmsweise war es beim Empfang zur Feier des 125-jährigen Bestehens der Volksbank Krefeld nicht so, jedenfalls nicht nur. Plötzlich hörte man gebannt zu, was Klaus Geurden als Vorstandsvorsitzender und Uwe Fröhlich als Deutschland-Präsident der Volksbanken über die Geldpolitik Europas zu sagen hatten. Am Ende verließ man die Veranstaltung mit dem unguten Gefühl, dass Brüssel zurzeit "mit stoischer Ruhe" (Fröhlich) daran arbeitet, ein deutsches Erfolgsmodell zu schwächen - nämlich das Modell regional verwurzelter Banken wie Sparkasse oder Volksbank. Und man dachte unwillkürlich über den traurigen Anblick nach, den Europa zurzeit bietet - aus der Ferne der Provinz gesehen.

In der Flüchtlingskrise bleibt es dabei: Die Staaten liefern ein erbärmliches Bild unsolidarischen Verhaltens untereinander und gegenüber Flüchtlingen ab. Man ist andererseits kein Schönfärber, wenn man dagegenhält: Solidarität funktioniert zurzeit nicht auf Staatenebene, sondern in der Provinz, in einer Stadt wie Krefeld, dort wo Menschen sich um Menschen kümmern. Die Bilanz von Krefelds Flüchtlingskoordinator Rehbein ist ermutigend: Mitgefühl und Unterstützung sind ungebrochen stark und dominierend. Die Bürgergesellschaft ist, aufs Ganze gesehen, entschlossen, den Menschen, die hierher geflohen sind, die Hand zu reichen. Allen Unkenrufen zum Trotz, dass "die Stimmung kippt", kippt sie eben nicht.

Was seit der fatalen Silvesternacht von Köln dazugekommen sein mag, ist ein gerüttelt Maß an Realismus und Wachsamkeit. Das ist aber kein Mangel an humanitärer Wärme und Energie. Auch Helfer dürfen nüchtern sein, Naivität ist nicht mit Nächstenliebe zu verwechseln. Nachtgedanken zu Europa beschleichen einen auch beim Thema Einbruch. In Stadt und Land veranstaltet die Polizei Schwerpunkt-Kontrollen auf Ausfallstraßen und Autobahnen, um osteuropäische Einbrecherbanden zu stellen. Im Grunde sind das nichts weiter als Grenzkontrollen, die ins Hinterland verlegt werden, weil sie an der Grenze nicht mehr erlaubt sind. Anders als echte Grenzkontrollen sind diese Fächerfahndungen aber uneffektiv, und sie waren auch letztens in Krefeld nicht erfolgreich, auch wenn die Polizei von einer positiven Bilanz sprach. Mehr als 1000 Menschen wurden kontrolliert; gefangen wurden Ladendiebe und Haschischschmuggler - die Einbrecher, um die es ging, waren nicht dabei. Ein Schlag gegen das organisierte Verbrechen sieht anders aus. So profitieren Einbrecher - wie zuletzt Terroristen - weiter von einem Europa der freien Fahrt.

Darf man dies alles bedenken und sich Grenzkontrollen zurückwünschen? Allein das Gedankenspiel zeigt: Es steht nicht gut um Europa. So fallen die Grüße aus der Provinz an Brüssel unfreundlich aus. Und ratlos. Europa ist immer noch die beste Idee des Jahrtausends. Hoffentlich besteht sie. Jens Voss

Quelle: RP
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