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Serie Pape läuft (Folge 8)
Jede Jeck is anders

Beeck. "Jede Jeck is anders" - das rheinische Sprichwort gilt auch beim Laufen. Das stellte Christian Pape während seiner langen Trainingsrunde fest.

Am Samstagmorgen wage ich mich zum ersten Mal auf die 27-Kilometer-Distanz. Viele Läufer versuchen mit MP3-Playern und Kopfhörern der Monotonie der Langstrecke zu entfliehen und ballern sich laute Musik in die Gehörgänge. Für mich ist das nichts. Ich bin da eher so ein bisschen wie meine Frau Silvia. Sie setzt sich im Sommer schon mal ganz gerne in ein Straßencafé - "Leute gucken". Ich gucke mir bei meinen langen Läufen zur Ablenkung auch gerne Leute an, die sich mit mir die Feldwege teilen und sich mehr oder weniger zügig auf zwei Beinen fortbewegen.

Ich trabe los und begegne schon bald einem Jogger mit Kinderwagen, der seinen kleinen Racker hoch motiviert durch die Landschaft schiebt. Das ist ja quasi "Kindererziehung to go". Mitfühlend strecke ich ihm meinen erhobenen Daumen entgegen. Respekt, Kollege!

Dann muss ich grinsen. Ein Ehepaar mit puterrotem Gesicht hechelt mir angestrengt entgegen. Wahrscheinlich hat der Hausarzt zu mehr Sport geraten, weil die Cholesterin- und Leberwerte zu hoch sind und ein Herzinfarkt droht. Er und Sie laufen im Pärchenlook und sehen aus wie eineiige Zwillinge. Sie tragen das gleiche Outdoor-Jogging-Outfit aus der aktuellen Tchibo-Kollektion. Selbst die eng geschnallten Gürtel über der Laufhose samt Trinkfläschchen sind identisch. Das nenne ich sehr optimistisch, wenn sie denken, sie können beim Laufen so schnell abnehmen, dass ihnen schon unterwegs die Hose zu weit wird.

Ich finde immer besser in meinen Laufrhythmus und nehme mehr Fahrt auf. Höre ich da hinter mir etwa Schritte? Ich lausche. Tatsächlich, die Schritte kommen unaufhaltsam näher. Ich lasse mich nicht überholen, nicht auf meiner Laufstrecke! Also beschleunige ich abrupt und gegen jede Trainingsanweisung mein Tempo. Gazellengleich fliegen meine Füße über den Feldweg. Oder wie heißt das große graue Tier mit dem Rüssel? Verflucht, ich spüre den Atem in meinem Nacken! Ich mobilisiere alle Kraftreserven, doch dann zieht dieses Prachtexemplar von Langstreckenläufer mit einem lässig triumphierenden "Hi!" an mir vorbei - mit extra Gewichten an den Beinen! Klar, durch sein Training ist dieser Typ so dürr, dass seine Knochen nur noch von Haut und Sunblocker zusammengehalten werden. Und ohne Gewichte würde er wohl von der Straße wehen.

Gedemütigt biege ich in den nächsten Waldweg ein. Vielleicht macht die Waldluft meinen Kopf frei und lässt mich diesen läuferischen Tiefschlag vergessen. Da vernehme ich ein gleichmäßiges, kratzendes, scharrendes Geräusch. Füchse? Rehe? Wildschweine? Doch dann biegen sie um die Ecke: Walker! Fußgänger, die im Sommer in ihren behandschuhten Händen Skistöcke spazieren tragen. Das Konzept des Nordic Walking wurde eigentlich in Skandinavien als Bestandteil des Sommer-Trainingsplans für Skiläufer entwickelt. Durch den ausholenden Einsatz von Stöcken soll zusätzlich die Muskulatur des Oberkörpers beansprucht werden. In unseren Breitengraden lassen Walker jedoch meistens die Arme schlapp am Körper runterhängen und ziehen mit den Stöcken eine tiefe Schneise in den Waldboden. Da kann man locker hinter ihnen Kartoffeln einpflanzen. Walker treten nie alleine auf. In der Regel sind es zwei bis drei Busenfreundinnen, die weder vor Anstrengung hecheln noch nach Luft japsen. Sie reden! Und das pausenlos. Sie unterhalten den ganzen Wald und versperren die Waldwege.

Ich flüchte hinter einen Busch, halte mir die Hände vor die Augen und warte, bis das Rudel vorbeigezogen ist und der Staub sich wieder gelegt hat. Nicht auszudenken, wenn mich diese Stöcke erwischt hätten. Was am Ende des Tages wohl alles an deren Stöcken hängt?!

Nach dieser Nahtoderfahrung hätte ich beinahe die Flinte ins Korn geworfen und statt zu joggen einfach auf Facebook gepostet: Christian Pape ist mit der Funtastic-App 27 Kilometer gelaufen. Doch einen guten Läufer zeichnet Durchhaltevermögen aus. Also immer weiter! Ich taumele Richtung 25-Kilometer-Marke. Und dann ereilt mich ein Phänomen, das wohl der Natur geschuldet ist. Am Horizont taucht die Silhouette einer Läuferin auf. Mit federnden Schritten bewegt sie sich anmutig auf mich zu. In einer solchen Situation versucht der männliche Sportler genetisch gesteuert, das weibliche Geschlecht zu beeindrucken. Eben noch völlig ausgepumpt und vor Anstrengung nach vorne gebeugt, richtet sich nun mein Körper wie von Geisterhand auf, die Brust geht raus, der Bauch rein und mein Schritt wird schneller. Wir kommen uns immer näher. Nur noch zehn Meter, fünf, drei - da fängt meine Pulsuhr wie verrückt an zu piepen und zu blinken. Ich habe meinen Maximalpuls um ein Vielfaches überschritten. Mit angespannten Gesäßmuskeln sprinte ich an ihr vorbei und höre mich aufschneiderisch sagen: "Diese Pulsuhr macht vielleicht einen Radau bis ich meine untere Herzfrequenz erreicht habe..." Als ich außer Sichtweite bin, stürze ich halb ohnmächtig ins Gras. In meiner linken Pobacke ein dumpfer Schmerz, der über die Hüfte bis in den Oberschenkel zieht. Aua! Humpelnd quäle ich mich über die letzten beiden Kilometer und lasse mich im Anschluss von Silvia sofort zu meinem Physiotherapeuten fahren. "Christian, Du hast das sogenannte ,Priformis-Syndrom'. In den nächsten drei Wochen werden wir Dich täglich dehnen, stretchen und mit Strom behandeln müssen. Und Du solltest in dieser Zeit etwas kürzer treten. Wie wäre es mit unserem praxiseigenen Nordic Walking-Kurs?"

Autor Christian Pape (42) ist Humorist und Hobbyläufer. Am 2. Oktober 2016 geht er mit RP-Redakteur Michael Heckers (42) beim Köln-Marathon an den Start.

Quelle: RP
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