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Leverkusen
Holocaust-Überlebende Bausch erst in Opladen, dann beim Bundespräsidenten

Leverkusen. Dieses Bild ging um die Welt. Die 97 Jahre alte Jüdin Betty Bausch Polak umarmte vor einigen Wochen Bundespräsident Joachim Gauck in Israel freundschaftlich. Eine Geste der Verbundenheit zu dem Land ihrer einstigen Peiniger. Am heutigen Donnerstag werden sie sich wiedersehen - das deutsche Staatsoberhaupt lädt die Holocaustüberlebende zu Kaffee und Kuchen ins Schloss Bellevue ein. Von Severin Trompetter

Zwei Tage zuvor tat sie jedoch das, was sie sich zur Aufgabe gemacht hat. Sie berichtete Schülern von ihrem Leben in den Niederlanden unter dem Nazi-Regime.

Am Dienstag-Vormittag war sie zu Gast in der Aula des Landrat-Lucas-Gymnasiums (LLG). Die Bundesverdienstkreuzträgerin, das sie für den "unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen" erhalten hat, ist zum wiederholten Male auf Lesereise und trug aus ihrer Autobiographie "Bewegtes Schweigen" vor. Bewegtes Schweigen - das ist auch im Saal zu spüren. Die Schüler des LLG und der Marienschule hören gespannt zu. "Diese Frau ist keine typische Oma, sie reist durch die halbe Welt um euch Wichtiges zu erzählen", stellt sie Lehrer Klemens Büsch vor.

Bausch, die ihren Ehemann, ihre Eltern, eine Schwester und ihre Schwiegereltern durch die Nazis verloren hat, möchte die schlimmen Erinnerungen am Leben behalten, damit die Jugendlichen für eine bessere Zukunft und gegen den Rassismus kämpfen. "Es läuft nie alles perfekt, aber wir müssen dankbar sein, dass wir frei leben dürfen." Die 97-Jährige redet mit bedrückter Stimme darüber, wie sie Reden Hitlers im Radio hörte. "Worte können töten!" Doch Bausch hörte genau hin und ließ sich nicht unterkriegen. Sie und ihr Mann lebten unter einer anderen Identität, mit falschen "schlecht gefälschten" Papieren, um vor den Nazis unerkannt zu bleiben.

"Ich habe jeden Tag eine Stunde vor dem Spiegel meinen Gesichtsausdruck geübt für den Moment, falls jemand erkennt, dass ich eine Jüdin bin." Im November 1944 wäre ihr Geheimnis fast aufgedeckt worden, doch dank ihrer Vorbereitungen konnte sie die Nazis vom Gegenteil überzeugen. Ihr Mann hingegen wurde einige Tage später mit fünf weiteren Männern erschossen.

Fast zur selben Zeit ereignete sich in Opladen ein schwerer Bombenangriff. Insgesamt wurden 167 Häuser zerstört, dazu 317 schwer und 311 mittelschwer beschädigt.

Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse hatte sie nie den Wunsch, in einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort als Amsterdam aufgewachsen zu sein. Heute lebt sie in Tel Aviv.

"Ihr merkt, Frau Bausch hat ein Leben, dass so reich an Erinnerungen ist, sie könnte noch bis heute Abend weiter erzählen", sagt Lehrer Büsch gegen Ende der Lesung. Da wundert es nicht, dass sich mehr als 20 Schüler ihr Buch nach der Vorlesung zulegen - handsigniert von Betty Bausch.

Quelle: RP
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