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Serie Denkanstoß
Eis-Zeit

Serie Denkanstoß: Eis-Zeit
Der "Eismann" war früher vielerorts eine Institutionen - wenn seine Glocke erklang, sprinteten die Kinder los. FOTO: Andreas Probst
Mönchengladbach. Will man keine Flüchtlinge, so muss man erträgliche Bedingungen vor Ort schaffen: Klaus Hurtz beschreibt, in seinem heutigen Beitrag, wie jedes Eiscafé auch die Geschichte einer gelungenen Integration erzählt. Von Klaus Hurtz

In sommerlichen Tagen konnte man in meiner Kindheit zwar selten, dafür umso eindringlicher plötzlich und unverhofft den kräftigen Klang einer Handglocke hören, die signalisierte, dass das "Eismännchen" unterwegs war. So klein man war, so war sofort jedes Spiel unterbrochen, und man lief rasch zur Mutter, um sich einen Groschen oder zwei zu erbetteln, die allein wahres Glück verhießen; denn mit ihnen konnten eine oder zwei Kugeln Eis erstanden werden.

Und so wartete man an der Hand der älteren Geschwister und gemeinsam mit den anderen Kindern der Straße ungeduldig und aufgeregt, dass endlich der Eiswagen um die Ecke bog. Ob ein schlichter Handwagen, ein stolzes Pferdefuhrwerk oder gar ein hochmodernes Auto kam, dafür hatte ich keinen Blick, ich ersehnte nur, dass endlich die hohen silbernen Eishauben zur Seite geschoben wurden, damit der Verkauf beginnen konnte. Dabei war die Auswahl recht bescheiden, eigentlich gab es nur drei Eissorten: Vanille, Schokolade, Erdbeere; und manchmal mit viel Glück auch Nuss-Eis. Aber wenn man endlich seine Waffel in der kleinen Hand hielt, war die Eis-Seligkeit vollkommen.

Eis war in den 50er Jahren wirklich etwas Besonderes; so erinnere ich mich, dass es die absolute Krönung einer Festtafel war, wenn es zum Nachtisch die "Eis-Bombe" gab, der martialische Ton mag die nicht weit zurückliegenden dunklen Zeiten beschworen und gebannt haben. Die Jugend traf sich nach Schule oder Arbeit, soweit das Geld reichte, in Milchbars und Eiscafés; und was für den Mann der sonntägliche Frühschoppen war, das war für die ältere Dame nach dem Sonntagsspaziergang die Einkehr ins Eiscafé. Natürlich musste es ein "Italiener" sein, und ebenso natürlich wusste damals niemand, wieso und warum die Eismacher ihre Heimat verlassen hatten, um in den warmen Monaten in der Fremde zu arbeiten und zu leben.

Die Antwort ist einfach: Es war die nackte Not! Denn die Alpentäler, aus denen sie kamen, konnten nicht mehr alle Menschen ernähren; der Hunger vertrieb sie von Haus und Hof. In unserer Nachbarstadt Neuss läuft noch bis September im Clemens-Sels-Museum eine Ausstellung, die darüber profunde Auskunft gibt. Hier erfährt man auch, dass es in unserer Stadt ein Eiscafé gibt, das seit 1894 (mit kurzen Unterbrechungen) in vierter Generation geführt wird, und damit zu den ältesten Gründungen am Niederrhein gehört. Doch besonders in den Fünfzigern schossen die Eiscafés wie Pilze aus den Boden, so dass sie heute aus unserem Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind. Und jedes sagt uns letztlich, dass seit biblischen Zeiten, seit den "Fleischtöpfen Ägyptens", der Mensch dahin geht, wo er überleben kann. Jeder Mensch hat ein Urrecht auf sein Leben, und will man keine Flüchtlinge, so muss man erträgliche Lebensbedingungen vor Ort schaffen.

Aber jedes Eiscafé erzählt auch die Geschichte einer gelungenen Integration. Wo immer man sich mit seinen Möglichkeiten auf eine fremde Gesellschaft einstellt und sich einbringt, da wird sie vollzogen; selbst in einer mitunter recht spießigen und engen wie der unsrigen in den fünfziger und sechziger Jahren. Als Kind habe ich natürlich nichts davon bemerkt, doch bin ich heute sehr dankbar und froh über manche Weitungen und Veränderungen. Allerdings ist mir die Liebe zum Eis geblieben, und ich kann nur von Herzen der Einstellung des großen Theologen Karl Rahner beipflichten, der selber leidenschaftlich gerne Eis aß. Wann immer man ihn auf diese kleine Schwäche ansprach, pflegte er zu antworten: "Der liebe Gott hat die guten Dinge nicht nur für die Spitzbuben gemacht." Eben!

DER AUTOR IST PFARRER VON ST. MARIEN UND VOM TROSTRAUM ST. JOSEF, GRABESKIRCHE.

Quelle: RP
 
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