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Interview Tony Trapp
Flüchtlinge haben es im Römerbrunnen gut

Das JHQ wird zur Flüchtlingsunterkunft
Das JHQ wird zur Flüchtlingsunterkunft FOTO: Dieter Weber
Mönchengladbach. Der Sozialarbeiter Tony Trapp kümmert sich ehrenamtlich um die Asylbewerber, die im Römerbrunnen untergebracht sind. Er findet ihre Lebensbedingungen vergleichsweise angenehm. Er fordert von der Stadt weitere Sozialarbeiter und Wohnungen von den Gesellschaften.

Herr Trapp, Sie sind bereits viereinhalb Jahre in Pension. Warum haben Sie sich entschieden, wieder zu arbeiten - und dann auch noch ehrenamtlich?

Tony Trapp Ich hatte meinen Spaß in den vergangenen Jahren, bin viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, habe viele Reisen unternommen und Konzerte besucht. Aber ich wollte wieder etwas Soziales machen. Wie früher. Als ich hörte, dass im Römerbrunnen Wohnungen von Flüchtlingen bezogen werden, habe ich sofort meine Unterstützung angeboten.

Sie kennen den Römerbrunnen ja in- und auswendig, oder?

Trapp Ja, ich habe über 30 Jahre im Römerbrunnen im Auftrag des Jugendamtes gearbeitet, 15 Jahre als Koordinator der Sozialarbeit in der Begegnungsstätte BÜZ. Ich kenne die Strukturen und Leute vor Ort. Am ersten Tag nach meiner Rückkehr hieß es überall nur "Toni, Toni, Toni". Es geht dort sehr familiär zu.

Wie sind denn die Verhältnisse im Römerbrunnen für die Flüchtlinge?

Trapp Die Stadt hat dort 46 Wohnungen angemietet. Die sind zwischen 60 und 120 Quadratmeter groß. Die Familien haben dort genügend Stühle, Tische, Spinde für ihre Sachen, und jede Person hat auch ein Bett. Dazu gibt es in jeder Wohnung eine Küche, um Essen zubereiten zu können. Im Gegensatz zu dem ehemaligen Aldi-Markt an der Aachener Straße gibt es hier richtiges familiäres Wohnen.

Das heißt, solche Zustände wie zuletzt in Duisburg, als sich Menschen wegen der widrigen Lebensbedingungen töten wollten, kann es im Römerbrunnen nicht geben?

Trapp Da auf gar keinen Fall. Allerdings an der Aachener Straße und in den Notunterkünften Luisental, Bockersend und Hardter Straße schon eher. Die Menschen sind dort mit den Lebensumständen unzufrieden, glaube ich.

Wie groß ist die Fluktuation in den Hochhäusern am Römerbrunnen. Viele Menschen müssen das Land ja wieder verlassen, andere dürfen im Land bleiben?

Trapp Die Fluktuation im Römerbrunnen ist relativ gering. Hier leben überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund. Familien aus Syrien bekommen derzeit wegen der unsicheren politischen Verhältnisse in ihrem Heimatland sehr schnell Asyl (zunächst für drei Jahre). Nach drei bis vier Monaten müssen diese Familien Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt anmieten. Familien etwa aus dem Kosovo müssen bereits nach einigen Monaten ihre Wohnung verlassen (beschleunigte Verfahren).

Sie kommen mit den Flüchtlingsfamilien auch ins Gespräch. Was sind das für Familien? Wo kommen sie her?

Trapp Die Menschen kommen aus aller Herren Länder. Im Römerbrunnen haben wir viele Syrer und Eritreer im Moment. Viele Einheimische glauben ja, es handelt sich bei den Familien um die Ärmsten ihres Landes. Aber das stimmt nicht. Sie gehören in ihren Ländern zu der Mittel- oder sogar zu der Oberschicht. Sonst könnten sie nicht die Schlepper bezahlen, die sie nach Europa holen.

Was lassen sich die Schlepper für eine solche Flucht bezahlen?

Trapp Das kostet oft 25 000 Dollar für eine fünfköpfige Familie. Und das ist noch günstig.

Was haben die Menschen denn auf ihrer Flucht erlebt?

Trapp Da läuft es mir immer kalt den Rücken runter, wenn ich diese Geschichten höre. Viele mussten alles zurücklassen, selbst einige Familienangehörige, von denen sie nicht wissen, ob sie sie jemals wiedersehen.

Können sie ein Beispiel nennen?

Trapp Ich kenne eine Familie, die flüchtete, weil die syrische Armee die Aufstände in ihrer Heimatstadt niederknüppeln ließ, es gab viele Tote. Mit der Hilfe von Schleppern flüchtete sie über den Libanon in die Türkei. Nach etwa drei Wochen haben die Schlepper die Familie aus einem völlig überteuerten Hotelzimmer in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgeholt und in ein Boot gesetzt. Fünf Tage musste die Familie, mit insgesamt vier Kindern auf dem Mittelmeer hilflos ausharren, bis sie endlich Sizilien erreichten.

Wie kommt eine Familie dann nach Deutschland?

Trapp Das regeln auch alles die Schlepper. Die Familie wurde zuerst in einen Zug nach Mailand gesetzt. Von dort aus ging es direkt weiter nach Deutschland. Übrigens taucht diese Familie in Italien nicht in den Akten auf. Offenbar wird dort bewusst ein Auge zugedrückt, um nicht jede Familie aufnehmen zu müssen.

Was erhoffen sich die Menschen, wenn sie einmal Asyl in Deutschland gewährt bekommen haben?

Trapp Die meisten Menschen sind gut ausgebildet und hatten vorher alle einen Job, waren vielleicht Apotheker oder Bauingenieur, verdienten also gutes Geld und waren glücklich. Das wollen sie hier auch wieder werden, solange sie in Deutschland sind. Dazu müssen sie ihren Job wieder aufnehmen und fortführen können. Deshalb besuchen sie die Sprachkurse, um Deutsch zu lernen. Ihre Kinder sollen in den Kindergarten und in die Schule gehen. Zusammenfassend kann man sagen: Sie wollen nach Wochen der Angst endlich wieder ein selbstbestimmtes Leben führen.

Wie kann man Flüchtlingen hier am besten helfen?

Trapp Viele Familien spenden. Teilweise sogar ganze Küchen. Zum Glück kann ich auf einen Kleinlaster der Stadt zurückgreifen, sonst könnte ich die Spenden gar nicht abholen. Das hilft uns sehr. Am besten ist aber, die Spenden ans Deutsche Rote Kreuz, den Volksverein oder an Hephata zu übergeben. Dort wird das bestens koordiniert. Im Römerbrunnen gibt es keine Lagerräume, und die Logistik fehlt.

Wie sieht es denn mit der medizinischen Versorgung aus?

Trapp Die funktioniert eigentlich sehr gut. So lange die Flüchtlinge auf Asyl warten, müssen sie sich beim Sozialamt einen Krankenschein holen. Mit dem können sie jeden Arzt besuchen. Sobald sie aufgenommen worden sind, bekommen sie SGB 2 - das Arbeitslosengeld - und somit auch eine ganz normale Krankenkarte. Aber: Nur eine Krankenschwester ist derzeit für alle Flüchtlingsheime in der Stadt zuständig. Und das nur halbtags. Das ist einfach zu wenig.

Gibt es bei den Behördengängen denn Sprachbarrieren?

Trapp Ja. Leider oft. Es heißt manchmal, dass die Amtssprache Deutsch sei. Das stimmt zwar. Aber man könnte auch mal ein Auge zudrücken und wenigstens versuchen, auf Englisch zu kommunizieren. Aber bei Problemen helfe ich gerne den Familien. Ehrenamtliche Begleiter und Übersetzer wären hier sehr hilfreich.

Wo sehen sie weitere Defizite in der Stadt?

Trapp Die Stadt Mönchengladbach gibt sich große Mühe und zeigt viel Engagement. Wir brauchen aber mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Ganz klar. Vielleicht zwei, oder drei, die hauptamtlich die Lücken füllen, die es gibt. Das, was die beiden für die Flüchtlinge zuständigen Sozialarbeiterinnen leisten, ist einfach großartig. Aber die Bedürfnisse aller 1420 Asylsuchenden können sie nicht erfüllen. Das ist unmöglich. Sie brauchen Unterstützung.

Kommt Mönchengladbach an eine Grenze, dass die Stadt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen kann?

Trapp Eigentlich nein. Es gibt genügend Platz in der Stadt, nur unsere städtischen Wohnungsbaugesellschaften ziehen nicht mit. Im Stadtgebiet gibt es so viele Wohnungen, die leer stehen, die genutzt werden könnten. Es gibt genügend Platz, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Aber man sträubt sich dagegen. Im Moment machen sich die Wohnungsbaugesellschaften einfach keinen guten Namen. Die Kirchen dagegen sind sehr aktiv. Aber es werden auch privat viele Wohnungen angeboten. Es bleibt abzuwarten, was aus den JHQ-Plänen wird.

Erkennen Sie eine Willkommensstruktur in Mönchengladbach?

Trapp Ja, und nicht zu knapp. Ich spüre alleine in unseren Arbeitskreisen richtige Power. Für Kinder gibt es nun auch die mobile Kita namens "Mogli". Einen Tag pro Woche ist im Römerbrunnen Kinderbetreuung. Der Abenteuerspielplatz ist für Kinder und Jugendliche auch sehr spannend. Und für die Eltern existiert das Elterncafé. In den Stadtteilen werden immer wieder Willkommenspartys und gemeinsame Grillfeste angeboten. Toll.

Was halten Sie von der rechtspopulistischen Partei Pro NRW und Herrn Roeseler, der ja auch vor einem Flüchtlingsheim demonstrierte?

Trapp Wenn ich ehrlich bin, würde ich am liebsten einmal vor Herrn Roeselers Haus demonstrieren. Das wäre das gleiche, wie seine Protestaktion vor dem Flüchtlingsheim im ehemaligen Aldi an der Aachener Straße, wo er den Menschen Angst einjagen wollte. Das empfand ich damals als sehr unverschämt und beschämend.

Was sagen Sie Flüchtlingen, wenn diese Rechtspopulisten erleben?

Trapp Ich nehme ihnen die Sorgen und sage ihnen, dass es sich bei den Rechtsradikalen nur um eine Minderheit handelt und betone: "Solche fehlgeleiteten Menschen gibt es leider überall, auch bei euch zu Hause". Mit christlichem Gedankengut hat dies gar nichts zu tun.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN GABI PETERS, INGE SCHNETTLER UND KILIAN TRESS

Quelle: RP
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