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Moers
HIV-infiziertes Kind nach Hause geschickt – Gemeinde wehrt sich gegen Vorwürfe

HIV-Kind nach Hause geschickt – Gemeinde sich gegen Vorwürfe
Pfarrer Heinrich Bösing (sitzend) und Hans-Dieter Pütz vom Gemeindevorstand (Mitte) mit Rechtsanwalt Thorsten Kornelius. Er vertritt die Gemeinde vor Gericht. Marcells Eltern fordern rund 3800 Euro - neben Kosten der Ameland-Freizeit geht es um weitere Flug- und Hotelkosten. Ein Vergleichsvorschlag wurde abgelehnt. FOTO: kdi
Moers. Heinrich Bösing, Pfarrer an St. Martinus, nimmt Betreuer der Ameland-Freizeit in Schutz. Der HIV-positive Junge sei aufgrund von Unklarheiten bei der Medikamentenvergabe nach Hause gebracht worden. Die Mutter habe die Auskunft verweigert. Von Josef Pogorzalek

Die Geschichte des HIV-positiven Marcel (Name geändert), der im Sommer 2015 aus einem Ferienlager auf Ameland zurück nach Hause geschickt wurde, hat weit über Moers hinaus für Betroffenheit und Entrüstung gesorgt. "Erstaunt und betroffen" zeigte sich gestern auch Heinrich Bösing, Pfarrer der Gemeinde St. Martinus, die das Lager ausgerichtet hat und sich Vorwürfen ausgesetzt sieht, das kranke Kind sei diskriminiert worden. "Für uns stellt sich vieles anders dar", sagte Bösing, der nach der Rückkehr von einer Reise nach Rom zu dem Fall Stellung bezog, den in der vergangenen Woche die Mutter des Kindes und die Aidshilfe Duisburg/Kreis Wesel publik gemacht hatten.

Nach Darstellung der Gemeinde trifft es nicht zu, dass Marcel, damals zehn, wegen seiner HIV-Infektion das Lager verlassen musste. Diese Entscheidung habe das Leitungsteam vielmehr "aufgrund erheblicher Unklarheiten über die korrekte Medikamentengabe und somit auch im Interesse der Gesundheit des Kindes getroffen", wie es in einer Erklärung der Gemeinde heißt. Marcel habe eine Medikamentenbox dabeigehabt, die nur für eine Woche bestückt gewesen sei, obwohl die Freizeit zwei Wochen dauerte. Und: Die Box habe noch Medikamente für den Sonntagmorgen (den Tag der Ankunft) enthalten, obwohl Marcel gesagt habe, dass seine Großeltern ihm das Medikament an diesem Tag bereits verabreicht hätten.

Fünf Fragen zu HIV/AIDS FOTO: AP

Die Lagerleitung habe nicht gewusst, was passieren könnte, wenn der Junge sein Medikament zweimal am Tag oder gar nicht bekommt. Ein Beipackzettel sei nicht vorhanden gewesen. Der Versuch, den behandelnden Arzt des Kindes zu erreichen, scheiterte, ein Gespräch mit der Großmutter (sie sei von den Eltern als Kontaktperson angegeben worden) habe keine Klarheit gebracht. Die Großmutter habe schließlich ein Telefongespräch zu den Eltern vermittelt, die sich im Urlaub in der Türkei befanden. Aber die Mutter habe sich geweigert, irgendwelche Angaben zu machen. "Sie sagte, sie sei dazu nicht verpflichtet", berichtete Bösing gestern. Auch eine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" des Arztes habe die offenen Fragen nicht klären können. Dort stand zwar, dass Marcel "ohne Einschränkung" an der Freizeit teilnehmen konnte, Angaben zur Einnahme der Medikamente wurden aber nicht gemacht. Vor diesem Hintergrund hätten sich die Lagerleiter entschlossen, das Kind nach Hause zurückzubringen. "Die Lagerleitung ist nicht befugt, nach eigenem Ermessen und ohne eindeutige Absprache mit den Eltern Medikamente zu verabreichen", erklärte Bösing das Problem, vor dem die Betreuer standen.

Es treffe auch nicht zu, dass es eine Lagerärztin gegeben habe, die für Klarheit hätte sorgen können, so der Pfarrer weiter. Zum Lagerteam habe zwar eine Frau mit abgeschlossenem Medizinstudium gehört. "Sie war aber als Küchenhilfe dabei", sagte Bösing.

Dass auch Tommy (Name geändert), der jüngere Bruder von Marcel nach Hause zu den Großeltern gebracht wurde, sei nicht aus Angst geschehen, dass Tommy sich bei Marcel angesteckt haben könnte. "Es geschah aus pädagogischen Erwägungen", sagte Bösing. Man habe es Tommy, einem der jüngsten Kinder im Camp, nicht zumuten wollen, ohne seinen Bruder auf Ameland zu bleiben. Dietmar Heyde von der Aidshilfe hatte dies als "Sippenhaft" kritisiert.

Aus Sicht der Gemeinde hätten einige offene Worte der Mutter alle Unklarheiten beseitigt. In einer "Belehrung" für die Eltern der Ferienkinder bat die Gemeinde um "Offenheit und vertrauensvolle Zusammenarbeit". Dieser Bitte sei die Mutter leider nicht nachgekommen.

Quelle: RP
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