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Analyse
Ein Lehrer steht vor Gericht - Pro und Contra

Neuss. Phillip Parusel, Musiklehrer an der Realschule in Kaarst, steht wegen Freiheitsberaubung vor Gericht. Er hat seine Schüler über das Unterrichtsende hinaus nicht aus der Klasse gelassen. Ist es richtig, wenn Eltern und Kinder sich gegen solche Strafen wehren - notfalls vor Gericht?

Pro - Kinder lernen, sich zu wehren

Im Mai steht in Darmstadt ein Ex-Mitarbeiter eines Kindergartens vor Gericht, der den sexuellen Missbrauch an mehreren Mädchen zugibt. 2015 zeigt die Mutter eines zehn Jahre alten Jungen einen Trainer des Sportvereins TuS Holstein Quickborn an, weil er sich an dem Jungen vergangen haben soll. Im April 2002 stürmt der 19-jährige Robert Steinhäuser das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, er erschießt 16 Menschen und tötet sich schließlich selbst. Sieben Jahre später verlieren in Winnenden neun Schüler, drei Lehrer und drei Passanten ihr Leben, ehe der Amokläufer im Schusswechsel mit der Polizei stirbt. 2012 werden bei einer Ferienfreizeit auf Ameland Jungen von nicht wesentlich älteren Jugendlichen missbraucht.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Philip Parusel ist kein Vergewaltiger oder Kinderschänder oder Mörder. Es geht vielmehr darum, dass Kindergärten, Schulen, Feriencamps sichere Orte sein sollten. Die es aber nicht sind. Oder nicht mehr. Und das wissen Kinder. Fälle wie die in Darmstadt oder Holstein oder Ameland häufen sich, in Medien und Sozialen Netzwerken wird immer schneller, immer intensiver über die Taten und vor allem über die Folgen für die Opfer berichtet. Schon von klein auf bekommen Kinder antrainiert, sich zu wehren, eine Stimme zu haben, und die im Notfall einzusetzen. Eltern, Lehrer und die Gesellschaft erwarten von Kindern, selbstdenkende Individuen zu sein. Dass sie sagen, wenn sie etwas stört, dass sie Gut von Schlecht unterscheiden. Philip Parusel hat Schüler, die den Unterricht gestört haben, nachsitzen lassen. Eine Strafe, die sicher jeder einmal mitgemacht hat. Ob Nachsitzen heute noch zeitgemäß ist oder nicht, steht auf einem anderen Papier. Für den Jungen jedenfalls, der die Polizei gerufen hat, war das Verhalten des Lehrers Unrecht. Weil seine Eltern ihm das so beigebracht haben, und sie ihn auch jetzt vor Gericht bei seiner Entscheidung unterstützen.

Googeln Sie doch mal die beiden Stichwörter "Selbstverteidigung" und "Kinder". Mehr als eine halbe Million Treffer wird Ihnen die Suchmaschine anzeigen, von Kids-WingTsun über verschiedene Kampfsportarten bis hin zu Angeboten der Polizei. Selbst in Kindergärten stehen die Selbstbehauptungskurse inzwischen auf der Tagesordnung. Weil die Angst von Müttern und Vätern immer größer wird. Heute ist nicht mehr nur der fremde Mann der Alptraum aller Eltern, der das Kind ins Auto zerrt und verschleppt. Heute müssen sich Kinder wehren gegen Terror, Hass und Mobbing. Und wenn ein Schüler die Polizei ruft, weil der Lehrer die Klasse nicht nach Schulschluss gehen lassen will, dann hat der Junge sich gewehrt. Vielleicht hat er überreagiert in diesem Moment, vielleicht hat er die Situation falsch gedeutet. Dem Jungen wurde es so beigebracht, von seinen Eltern, seinen Erziehern im Kindergarten und schließlich auch von seinen Lehrern. Und vielleicht müssen wir uns fragen, ob Lehrer wie Philip Parusel einfach nicht mehr umgehen können mit selbstbewussten Kindern, weil sie es nicht gelernt haben. Es ist nämlich gut, dass Kinder eine Stimme haben, und ihre Stimme nutzen. (Nicole.Scharfetter @ngz-online.de)

Contra - Auch Lehrer verdienen Respekt

Der Fall des Lehrers, der Sechstklässler an einer Kaarster Realschule nach Schulschluss noch eine Strafarbeit fertigstellen ließ und sich nun vor Gericht wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung verantworten muss, hat eine längst fällige Diskussion ausgelöst: Was dürfen Lehrer? Wie weit dürfen sie gehen, um eine ruhige und konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der es möglich ist, den Unterrichtsstoff zu vermitteln? Welche pädagogischen Maßnahmen sind erlaubt? Worüber wir hier nicht reden brauchen: Körperliche Züchtigung oder seelische Demütigungen sind selbstverständlich tabu.

Doch auch das erzieherische Instrumentarium der Lehrer wird seit Jahren immer stärker eingeschränkt. Mit dem Resultat, dass mancher stark verunsichert ist, was er denn überhaupt noch tun darf, um sich Respekt zu verschaffen. Denn - seien wir mal ehrlich - nicht jeder, der vor einer Klasse steht, strahlt schon von Natur aus Autorität aus. In einer idealen Welt wäre das vielleicht so. In einer idealen Welt würden aber auch Heranwachsende demjenigen, der sich um sie bemüht, der ihnen etwas fürs Leben beibringen möchte, Wertschätzung entgegenbringen. Respekt aber wird häufig nur für sich selbst eingefordert.

Dass auch das Gegenüber, in diesem Fall die Lehrkraft, Anspruch darauf hat, respektiert zu werden, wird dann gern vergessen. Statt dessen sehen sich Lehrer einem Klassenzimmer mit 25 oder 30 Individualisten gegenüber, die nicht gelernt haben, sich mal zurückzunehmen. Und das ist oftmals auch kein Wunder: Immer mehr junge Menschen wachsen mit einer geradezu narzisstischen Eigenliebe und in dem Glauben heran, der Nabel der Welt zu sein, um den sich gefälligst alles andere zu drehen habe. Vielfach haben die Eltern ihnen - bewusst oder unbewusst - diese Überzeugung vermittelt: etwa durch inkonsequentes Handeln und zu große Nachgiebigkeit, wenn es um materielle Wünsche des Nachwuchses geht, der dadurch nur verinnerlicht, dass seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen und unbedingt und möglichst sofort zu erfüllen sind.

Mütter und Väter, die zu Hause nur abfällig über Lehrkräfte reden, können zudem nicht ernsthaft erwarten, dass die Jugendlichen denselben Lehrern im Unterricht dann mit Achtung begegnen. Mitunter ist schon von Grundschülern zu hören, die alle Register ziehen, um ihre Lehrer auf die Palme zu bringen, sich dann frech grinsend vor ihnen aufbauen und verkünden: "Meine Mama hat gesagt: Der Lehrer darf Dich nicht anfassen, sonst zeigen wir den bei der Polizei an."

Wenn ich früher aus der Schule kam und mich vom Lehrer völlig schuldlos (und natürlich zu Unrecht) bestraft fühlte, fragten meine Eltern zuerst einmal, inwieweit mein Verhalten den möglicherweise die Ursache für die Entscheidung des Lehrers gewesen sein könnte. Heute schlagen sich Eltern, ohne die Darstellung ihrer Kinder überhaupt kritisch zu hinterfragen, sofort auf die Seite ihrer Sprösslinge und machen mit ihnen Front gegen die Schule. Da reicht mitunter eine Note, die nicht den Erwartungen entspricht, um mit dem Anwalt zu drohen. Wie wäre es, erst einmal ein Gespräch mit Lehrer und Schule zu suchen? (Susanne.Niemoehlmann @ngz-online.de)

Quelle: NGZ
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