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Serie Chancen Für Flüchtlinge Und Gesellschaft
Pakistanischer Friseur als Praktikant

Serie Chancen Für Flüchtlinge Und Gesellschaft: Pakistanischer Friseur als Praktikant
Die Mitarbeiter von Franc Braun, Michael Lufen (l.) und Matthias Kabbe (r.), helfen dem pakistanischen Kollegen Yasir Saleem, sich in einem deutschen Friseurgeschäft zurecht zu finden. FOTO: Anja Tinter
Neuss. Yasie Saleem hat in seiner Heimat Pakistan als Friseur gearbeitet, ist von dort geflohen und lebt seit fünf Monaten in Kaarst. Friseur Franc Braun hat den 23-Jährigen schnell und unbürokratisch zu einem Praktikumsplatz verholfen. Von Bärbel Broer

Kaarst Spontaner geht's nicht: Eine Kundin, die ehrenamtlich in der Kaarster Flüchtlingshilfe engagiert ist, sprach Franc Braun, Inhaber des gleichnamigen Kaarster Friseursalons an, ob er sich vorstellen könne, einem jungen pakistanischen Friseur ein Praktikum zu ermöglichen. "Sofort", meinte Braun kurz und knapp. Bereits am Nachmittag kam die Kundin erneut gemeinsam mit Yasir Saleem zu einem kurzen Vorstellungsgespräch. Seit vergangener Woche arbeitet der 23-Jährige vier Tage die Woche in dem Salon an der Maubisstraße, wäscht Haare, massiert Köpfe und hilft beim Putzen.

"Ich habe als Unternehmer gelernt, wie wichtig es ist, spontan zu reagieren", sagt Braun. "Daher war es für mich eine Selbstverständlichkeit, ihm eine mögliche Perspektive zu bieten." Die Verständigung ist noch recht schwierig. Denn Saleem spricht nur ein wenig Englisch und kaum Deutsch. Trotzdem funktioniert die Einarbeitung. Das Team habe ihn sofort willkommen geheißen und auch die Kunden würden durchweg positiv reagieren, sagt Braun. Nachdem die ersten Arbeiten im Herrenbereich gut verliefen, kleidete Braun den pakistanischen Praktikanten neu ein: "Da wir alle schwarz gekleidet sind, brauchten wir auch für ihn entsprechendes Outfit." Zudem schenkte ihm der Chef eine Haarschere.

"I'm so lucky" , verrät Saleem und erzählt stockend weiter: Nach der Schule habe er im Barber-Shop seines Bruders in Muridke - eine Stadt mit rund 100.000 Einwohnern nahe Lahore - gearbeitet. Zehn Jahre lang, dann sei er geflohen. Weil er zu den Ahmadiyya-Moslems, einer islamischen Sondergemeinschaft, gehört, sei er religiös verfolgt worden. Seine Eltern, sein Bruder und die vier Schwestern sind geblieben.

Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich kam er nach Deutschland. Seit fünf Monaten lebt er in Kaarst, zunächst in der Turnhalle in der Bussardstraße, mittlerweile in Vorst. Friseure hätten in Pakistan kein gutes Image, erzählt Saleem. Auch in Deutschland habe das Friseurhandwerk keinen herausragenden Ruf, sagt Braun, aber: Er fordert mehr Selbstbewusstsein und macht es vor. "You should say: Hey, I'm a barber! Not: I'm just a barber" (ich bin nur ein Friseur).

Um sich verständigen zu können, behilft sich Saleem mit Sprach-Apps mit unterschiedlichsten Übersetzungsoptionen auf seinem Smartphone. Braun freut sich über das Engagement des neuen Praktikanten: "Seine Wissbegierde ist groß, wir müssen versuchen, die Sprachbarrieren zu überwinden." Er hofft, dass die vor Monaten deutlich stärkere Willkommenskultur wieder zurückkehrt: "Wir haben ein großes demografisches Problem in Deutschland. Wo sollen wir denn - gerade im Dienstleistungssektor - unsere neuen Azubis herholen?" Braun warnt davor, dass es irgendwann zu Engpässen im Handwerk kommen könnte, sobald das Personal fehle. "Folge wäre, dass Dienstleistungen deutlich teurer würden. Und das will auch keiner."

Quelle: NGZ
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