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Christoph Spengler
"Musik ist eine Brücke zu Gott"

Remscheid. Kirchenmusikdirektor Christoph Spengler probt das Pop-Oratorium "Luther".

Kirchenmusikdirektor Christoph Spengler leitet am 16. September das Pop-Oratorium "Luther" in der Remscheider Wagenhalle. Im BM-Interview spricht er über den Reformator, die Bedeutung von Pop-Musik in der Kirche und seine "musikalische Ehe" mit Nicole Berendsen.

Herr Spengler, welche Bedeutung hat Martin Luther für Sie persönlich?

Christoph Spengler Eine besondere und vor allem auch in diesem Jahr. Für mich war Luther immer der erste Aufklärer, noch lange bevor Kant zu Gange war. Luther hat immer dafür plädiert, dass die Menschen selber denken und aus ihrem eigenen Denken heraus etwas entwickeln. Sie sollten sich nicht von der Obrigkeit sagen lassen, was richtig ist. Er war ein Vorbote der Aufklärung, der auch unsere Sprache geprägt hat. Dabei denke ich an die große Leistung seiner Bibelübersetzung. Abgesehen davon: Luther war der erste Popmusiker der Kirche. Er hat den Leuten aufs Maul geschaut, die populären Lieder aus den Schänken geholt und mit neuen Texten in die Kirche gebracht. Das war eine starke Leistung.

Wie haben Sie das Lutherjahr bislang erlebt?

Spengler Das Luther-Oratorium begleitet mich durch das Jahr. Ich hatte die große Ehre, das Stück schon in Hamburg, Halle/Westfalen und im EU-Parlament in Brüssel leiten zu dürfen. Auch bei der Aufführung in Düsseldorf war ich dabei, Remscheid und Berlin kommen auch noch. Da erlebe ich das Lutherjahr immer am intensivsten.

Das Luther-Musical ist ja ein riesiges Projekt - wie schwierig ist es, alles unter einen Hut zu bekommen?

Spengler In Düsseldorf waren 3000 Chorsänger dabei, in Hamburg und Halle je über 1500. In Remscheid werden es wegen der Dimension der Wagenhalle nur jeweils 125 Sänger sein. Das Schöne ist: Mit der "Creativen Kirche Witten" steht ein ganz starker Veranstalter hinter dem Projekt. Da kümmern sich ganz viele Menschen um den organisatorischen Ablauf, so dass ich tatsächlich bislang als Dirigent anreisen konnte, ohne mich groß um Bestuhlung, Räumlichkeiten, Licht und Ton etc. kümmern zu müssen. Auch in Remscheid arbeitet die "Creative Kirche" eng mit den Stadtwerken zusammen. Ich muss mich "nur" um die Organisation der Chöre und des Orchesters kümmern.

Wie kann man sich den Probenprozess vorstellen?

Spengler In Remscheid haben wir ja auch die Darsteller und die Band, die schon die ganze Tour mitgefahren sind. Die können das ja schon. Neu sind Orchester und die Chöre. Ich freue mich sehr auf die Arbeit mit den Bergischen Symphonikern. Sie sind ja Profis, die phantastisch spielen. Kurz vor der Aufführung probe ich mit dem Orchester zweimal zusammen. Das ist auch ganz normal so. Nach den Ferien gibt es eine sehr intensive Probenphase mit den Chören. Letztlich ist kein großer Unterschied mehr, ob da nun 40 oder 3000 Sänger vor einem stehen. Schön ist bei kleineren Chören, dass man mehr im Detail proben kann, das geht bei 3000 nicht so leicht.

Freuen Sie sich schon auf die Vorstellungen in Ihrer Heimatstadt?

Spengler Ja, natürlich. Als Komponist Dieter Falk mit der Idee zum Oratorium zu mir kam, habe ich direkt gesagt: Wenn ich mich so dafür engagiere, dann möchte ich auch, dass es in meiner Heimatstadt aufgeführt wird. Denn das war schon immer mein Traum, so große Projekte mit Profis und Amateuren an Bord auch nach Remscheid zu bringen. Dafür schlägt dann mein Herz besonders, weil ich eben Remscheider bin.

Fällt man nach einer derartig großen Produktion eigentlich erst einmal in ein Loch?

Spengler Das Loch kenne ich, klar. Ich nenne das immer den "Konzertkater", denn der kommt nach jedem Konzert. Nach einem so großen Projekt natürlich besonders stark. Die einzige Rettung ist: Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Ich habe jetzt schon viel Ideen, was in den nächsten Jahren kommen könnte. Für mich wäre es sehr schlimm, wenn ich sagen müsste: Danach kommt nichts mehr. Dann könnte ich mich gleich einsargen lassen...

Für wie wichtig halten Sie Popmusik im Kirchenleben?

Spengler Ich halte es für sehr wichtig - als eine Farbe im kirchenmusikalischen Spektrum. Ich habe nämlich nie gesagt, dass wir die Klassik durch den Pop in der Kirchenmusik ersetzen sollten. Kirchenmusik muss eine große Vielfalt haben. Das Problem liegt in der Ausbildung: Viele Kirchenmusiker meiner Generation haben Popmusik schlicht nicht gelernt. Ich bin seit zwei Semestern als Dozent an der Pop-Akademie in Witten. Dort gibt es den europaweit ersten Bachelor-Studiengang Kirchenmusik Popular. Das ist ein kleines Pflänzchen, denn da ist jahrzehntelang viel versäumt worden. Popmusik ist die Musik unserer Zeit - in den Kirchen wurde immer die Musik der jeweiligen Zeit gespielt. Das fehlt mir heute und ich glaube, dadurch halten wir viele Menschen aus den Kirchen fern.

Würden Sie sich mehr Popmusik im Gottesdienst wünschen?

Spengler Auf jeden Fall. Ich habe das Glück, dass ich in meiner Gemeinde viel machen kann und meine Gemeinde auch mitmacht. Aber das ist eine Einzelerscheinung. Wenn ich da etwa ins Rheinland gucke, kann ich oft nur den Kopf schütteln.

Sie selbst sind ja in der E-Musik ebenso zuhause wie in der U-Musik - was liegt Ihnen eigentlich mehr?

Spengler Ich finde beide Bereich wichtig. Ich weiß durchaus, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Beispielsweise bin ich kein besonders guter Organist, das können andere um Längen besser - und davor habe ich jeden Respekt! Dafür kann ich gut Pop und bin ganz gut im Dirigieren und Orchesterleiten. Ich glaube auch nicht, dass jeder alles können muss, sondern dass man sich gut gegenseitig ergänzt. Im Kirchenkreis gehen wir sehr gut mit diesen Unterschieden um, wir respektieren uns untereinander.

Wenn Sie mit Nicole Berendsen musizieren, sieht das nach musikalischer Seelenverwandtschaft aus. Wie würden Sie Ihre musikalische Beziehung beschreiben?

Spengler Wie eine musikalische Ehe. Wir sind engste Freunde und machen schon seit 1999 zusammen Musik. Wir wissen genau, wie der andere musikalisch tickt. Ich spüre, was sie will, wenn ich sie am Klavier begleite - umgekehrt auch. Sie ist die beste Sängerin, mit der ich im Pop-Bereich bisher gearbeitet habe. Wir gehen auch ganz unterschiedlich an die Musik heran, aber es ist eine musikalische Liebe mit allem was dazugehört - auch dem Ehekrach, wenn man sich mal nicht einig ist...

Können Sie sich noch an Ihr erstes gemeinsames Konzert erinnern?

Spengler Ja, das bei Jesus Christ Superstar. Aus ihrem Vorsingen hat sich dann übrigens auch die Reihe "Rockin' Around The X-Mas Tree" entwickelt.

Wie ist es um die Chorszene im Bergischen bestellt?

Spengler Viele Chöre leiden aus Altersproblemen an Mitgliederschwund - das betrifft nach meiner Einschätzung aber nicht die Gospel- und Pop-Chöre. Man hat sich zu lange auf bestimmte Genres beschränkt, vor allem in den Männerchören. Ich finde das Chorsterben sehr traurig, aber viele von den Chören haben sich zu spät um die Jugendarbeit gekümmert. Sie fangen jetzt an damit, und ich hoffe und wünsche den Chören, dass sie das Ruder noch einmal rumgerissen bekommen. Denn Singen ist gerade im Bergischen ja eine Tradition. Bei Projekten wie dem Luther-Oratorium sieht man übrigens, dass singen wieder sexy ist - da singen teilweise drei Generationen gemeinsam. Wir brauchen mehr solcher Projekte.

Haben Sie ein Lieblings-Chorwerk?

Spengler Immer das nächste Stück, das ich mache. Im Herbst wird es das Requiem von John Rutter sein. Und das ist dann für die Zeit, in der ich mich damit beschäftige, mein jeweiliges Lieblingswerk.

Und habe Sie auch einen Lieblings-Popsong?

Spengler Ich bin großer Fan von Al Jarreau, der mich seinerzeit zur Popmusik gebracht. Ich habe lange Zeit nur Klassik gehört. Al Jarreau ist mein Held. "I Will Be Here For You" ist ein Lieblingslied, da könnte ich heulen, wenn ich es höre. Aber das ist nur eines von vielen.

Ist Musik ein Gottesbeweis?

Spengler Für mich ist Musik eine fantastische Art, Gott ganz nahe zu kommen. Wie eine Brücke zu Gott. Das ist ein schönes Bild, das mir besser gefällt als ein Beweis.

WOLFGANG WEITZDÖRFER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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