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Alpen
40 Jahre Veener Ferienlager

Alpen. Samstagmorgen starten in Veen 80 Kinder und Jugendliche ab in den Urlaub. Die Reise ins Voralpenland ist das 40. Ferienlager der "Flachlandtiroler" aus dem Krähendorf. Inzwischen ist die dritte Generation an Bord. Und einer ist in den Herzen dabei: "Charly" Schweden. Von Bernfried Paus

Heute werden von 17 Uhr an am Pfarrheim St. Nikolaus die Koffer aufgebeben. Um 19 Uhr beginnt in der Kirche ein Gottesdienst für einen Mann, dessen Name auf ewig mit dem Veener Ferienlager verbunden bleibt. Charly Schweden gilt als "Vater" der Aktion, der Jahr für Jahr mit einer Hundertschaft junger Veener in die Sommerferien gefahren ist und das Ferienlager zur Institution im Krähendorf gemacht hat. Für Charly, wie ihn jedes Kind nennt, war's keine Frage, wie, wo und mit wem er den Großteil seiner Sommerferien verbringt.

Bis es seine schwere Krankheit vor zwei Jahren nicht mehr zuließ, dass er mitfuhr. Im Herbst 2015 ist er gestorben. Doch im Herzen der rund 80 Ferienkinder und ihrer 27 Begleiter, da darf man ganz sicher sein, sitzt "Charly" mit im Bus, wenn's am Samstag früh um 8 Uhr nach dem Reisesegen Richtung Bayern geht. Ziel ist das Schullandheim "Stoffelberg" im Allgäu, genauer in Niedersonthofen am See. Das Dorf im Voralpenland ist mit 900 Einwohnern in etwa so klein wie Veen. Besonderheit ist neben der Kirche St. Alexander und Georg die 170 Jahre alte Schwarznuss, mit 4,70 Meter Stammumfang der dickste Nussbaum in Deutschland.

Es ist eine ganz besondere Fahrt, zu der die Veener Kinder übermorgen aufbrechen. Das 40. Ferienlager ist eine Marke, an der es lohnt mal zurückzublicken zu den Anfängen. Rund 4000 Kinder und Jugendliche, so haben Kenner wie "Knutschi" (Cornelia) Gietmann ausgerechnet, haben in den zurückliegenden vier Jahrzehnten in den Bergen, in Wäldern oder an Seen unbeschwerte Ferien erlebt. Der Schatz an schönen Erinnerungen ist unermesslich.

Am Anfang war das Zeltlager für die Nachwuchskicker der Veener Borussia und eine zündende Idee des damaligen Borussen-Präsidenten Willi Spettmann, heute 85 Jahre alt. Er wollte Ende der 70er das Ferienvergnügen öffnen für alle Kinder und Jugendliche des Dorfes. Und er fand im Junglehrer Karl-Heinz Schweden einen beseelten Idealisten, der diesen Gedanken "mit Begeisterung" lebte, der in seiner Wirkung für das Krähendorf sehr viel tiefer geht, als für ein wenig Abwechslung zu sorgen für die Jugend im Dorf und die Grenzen nach draußen und den Horizont zu weiten.

Erstes Ziel war im Sommer 1978 ein Pfadfindercamp im belgischen Herentals. Die drei Ferienwochen in Flandern waren der Beginn einer wundervollen Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist. Die treuen Veener schlugen alle fünf Jahre ihre Zelte im waldigen "Paradies für Kinder" auf, das irgendwann aber Reiz einbüßte. So ging's ans Meer, meist aber zog's die "Flachlandtiroler vom Niederrhein" in die österreichischen oder schweizer Alpen oder auch mal in den Schwarzwald. Die Unterbringung wurde komfortabler, feste Häuser lösten die Zelte ab. Aber der solidarische Geist des Anfangs blieb unverändert lebendig. Die Truppe trägt Uniform. Trikots und Halstücher sind gelb, die Farbe der Borussia, auch wenn die Trägerschaft der Aktion längst vom Fußballclub auf die Kirchengemeinde St. Nikolaus übergegangen ist.

"Wir verstehen uns als eine große Gemeinschaft", sagt Michael van Beek, der als Charlys Nachfolger als Lagerboss neben Cornelia Gietmann in ziemlich große Fußstapfen getreten ist. Jungen und Mädchen zwischen acht und 16 Jahren - die Gemeinschaft hat eine beachtliche Bandbreite. "Das ist eins unserer Markenzeichen", sagt van Beek. Dafür, dass Sommer für Sommer zusammenwächst, was zusammen gehört, sorgt der Betreuerstab, der in der Summe über eine große Lagererfahrung verfügt und die unterschiedlichsten Talente vereint.

"Alle sind selbst jahrelang als Kinder und Jugendliche mitgefahren", so van Beek (47), der als Zehnjähriger erstmals dabei war. Alle seien im Lager sozialisiert worden und so allmählich in die Verantwortung hineingewachsen. Die Jüngste im Bus ins Allgäu ist übrigens Marie, Charlys 18 Monate alte Enkelin und Töchterchen von Anne Terlinden, die selbst übrigens geboren wurde, als ihr Vater gerade im Zeltlager war. Da auch ihre Mutter Monika wieder mitfährt, sind drei Schweden-Generationen im Tross. Die Zukunft des Sommerlagers hat längst begonnen.

In der wird die Lagertradion ihren hohen Stellenwert behalten. So sind Veener Ferien ohne Schützenfest undenkbar. Unumstößliches Gesetz ist es auch hier, dass nur ein Junge mit der Armbrust den Königschuss abgeben und zur Krönung seine Königin erwählen darf. Das Lagerkönigspaar, auch das ist gute Übung, steht später beim Fest der Nikolaus-Bruderschaft mit in der ersten Reihe. "Wir sorgen dafür, dass schon die Kinder Schützenfest lernen und bei den Schützenbrüdern erst gar keine Nachwuchssorgen aufkommen", sagt van Beek. Das Lager ist ein Dorf im Kleinen, in dem jeder jedem hilft. Das zieht Kreise, schafft Identität. Die Landjugend sorgt dafür, dass kein Kind zu Hause bleiben muss - jedenfalls nicht, weil's an Geld mangelt.

Gekocht wird selber. Das Küchenteam setzt auf bewährte Hausmannskost, Naturalien wie Gemüse und Kartoffeln werden gespendet. Früher hat der Metzger im Dorf extra ein Schwein geschlachtet. Diesmal geht ein Drei-Viertel-Rind in der Kühlbox mit auf die Reise. Gegessen wird erst, wenn alle am Tisch sitzen. Die Regeln sind eingeübt und werden befolgt. Klar doch.

Damit die Verbindung nach Zuhause nicht abbricht, gehört die Lagerwette zum Programm. Die Ferienkinder stellen die Aufgabe, die daheim gelöst werden muss. So schafften es die Heimschläfer vor drei Jahren mehr als 300 Veener auf den Schulhof zu trommeln, die sich so formierten, dass aus der Krähenperspektive "Veen 2014" zu lesen war. Der Beweis wurde bei der Lager-Disco an die Leinwand geworfen.

Die Bitte im vorigen Jahr, Postkarten zu schicken, war keine Wette, auch wenn's viele so verstanden hatten. Körbeweise hat der Briefträger die Grüße ins Ferienhaus in Mecklenburg-Vorpommern geschleppt. Die Karten sind in einen transparenten Duschvorhang eingeschweißt. Ein beeindruckendes Dokument für den dörflichen Rückhalt der Gemeinschaft der Kinder. Noch bevor der Bus anrollt, steht bereits fest, dass es eine 41. Tour geben wird. Das Ziel bleibt nicht lange geheim. Wetten?

Quelle: RP
 
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