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Solingen
Haiou Zhangs bejubelter Tanz auf dem Vulkan

Solingen. Das erlebt man nicht alle Tage. Nachdem die letzten brillant in die Tasten gehämmerten Akkorde im Saal verklungen sind, bleiben erstmal für eine Schrecksekunde die Münder offen stehen - die Ohren natürlich erst recht. Mit einem fast kollektiven Aufschrei erhebt sich das Publikum und ein Orkan des Applauses bricht los. Kein Wunder, dass man den Künstler dann nicht ohne drei Zugaben in seinen wohlverdienten Feierabend entlässt. So geschehen beim Meisterkonzert der Werner-Trenkner-Gesellschaft im mit rund 200 Besuchern ausverkauften Meistermannsaal des Kunstmuseums.

"Als wir den Pianisten einmal gehört hatten, sagte meine Frau zu mir: ,Den musst du nach Solingen holen'", erzählt Harald Rummler, Vorsitzender der Gesellschaft, zu Beginn des Konzertes. "Den Gefallen habe ich ihr natürlich getan."

Im Mittelpunkt steht der chinesische Pianist Haiou Zhang. Was den Jubelsturm entfacht, ist der abschließende, meisterlich interpretierte "La Valse" von Maurice Ravel in der Klavierfassung. Aus dem bedrohlichen Grummeln lässt Zhang Walzerepisoden aufblitzen, sich steigern und wieder verschwinden. Bizarre Harmonik und schrägstehende Rhythmen machen dieses Werk zu einem Tanz auf dem Vulkan. Ravel schrieb das Werk 1920. Während Zhang seinen fulminanten Derwischtanz auf den Tasten vollführt, schweift der Blick über die Bilder im Meistermannsaal: Caféhausszenen von Georg Netzband, Straßen-, Hinterhof- und Fabrikleben aus dem Berlin der Zwischenkriegszeit. Die impressionistische Musik und die expressiven Bilder mischen sich zu einer düsteren Ahnung dessen, was dann in den 30er Jahren hereinbrechen sollte.

Zhang setzt diese musikalische Szene aus dem alten K.u.K.-Wien brillant um. In Preludé und Nocturne op. 9 für die linke Hand von Alexander Skrjabin entfaltet Zhang einen virtuos-poetischen Zauber, für den andere beide Hände gebraucht hätten. Ähnlich wie Robert Schumann hatte sich Skrjabin durch zu exzessives Üben eine Hand ruiniert - die rechte. So entstanden schon lange vor der Zeit des legendären Pianisten Paul Wittgenstein, der im I. Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte, große Werke für die linke Hand. Mit einer verträumten Legende und den bezaubernd dahinperlenden Wasserspielen der Villa d'Este widmet sich Zhang einem weiteren Visionär der Klaviermusik: Franz Liszt. Von ihm ist der Weg nicht weit zu Claude Debussys Stücken aus den "Etudes". Haiou Zhang präsentiert sich als Meister seines Faches. Unaufgeregt, ohne Virtuosenmätzchen, ja äußerlich fast kühl ist bei ihm alles auf eines ausgerichtet: ein emotionales und intellektuell gestaltetes Klangerlebnis.

(crm)
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