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Sven Pistor
Lehrstunde Fußball im Rittersaal

Solingen. Der Moderator der WDR 2-Sendung "Liga Live" kommt mit seiner Fußballschule nach Schloss Burg. Mit ihm referieren an zwei Abenden im Januar Trainer Peter Neururer und Reporter-Kollege Burkhard Hupe über die schönste Nebensache der Welt.

Wenn die Solinger über den Fußball in ihrer Stadt sprechen, dann schwelgen sie dabei meist nur in Erinnerungen. Was fällt Ihnen spontan ein ?

Pistor Mein Kollege Burkhard Hupe und ich haben auch ein Faible für den unterklassigen, nostalgischen Fußball. Als wir uns kennenlernten, haben wir uns gerne zu speziellen Spielen verabredet. Eines davon war seinerzeit das Derby zwischen Union Solingen und dem Wuppertaler SV.

Oha, das ist aber schon etwas länger her . . .

Pistor (nickt) Das ist schon lange her. Aber das Stadion in Solingen finde ich ja so cool.

Nur leider gibt es das bald nicht mehr. Hier soll nun ein Wohngebiet entstehen.

Pistor Was ? Das wird abgerissen. (schüttelt leicht mit dem Kopf) Ich fand das so super, das war ein Erlebnis. Die Lautsprecher beispielsweise, die waren original uralt. Das war eine Reise in die Vergangenheit, aber auf eine schöne Art und Weise. Als ich Anfang der Achtziger fußballerisch sozialisiert wurde, kickte Union Solingen ja verlässlich in der Zweiten Liga rum.

Für Ihre Fußballschule haben Sie sich in Solingen einen Ort ausgesucht, der nun gar nichts mit diesem Sport zu tun hat: den Rittersaal von Schloss Burg.

Pistor (lacht) Das hat was. Ich bin mit dem Programm sonst in Stadttheatern oder auf Bühnen wie im Kölner "Gloria". Ich finde es lustig, auf Schloss Burg zu spielen. Der Rittersaal ist eng und gemütlich - und ganz anders als sonst. Von Helmut Gote (Anm. der Redaktion: WDR 2-Koch) habe ich mir sagen lassen, es sei hier ganz speziell - aber im positiven Sinn. Weil nur rund 200 Leute reinpassen, haben wir in Solingen kurzerhand zwei Abende hintereinander angesetzt.

Wie viele Besucher sind es sonst, die sich unterrichten lassen wollen ?

Pistor Es ist unterschiedlich. Mal sind es 350, und im Ruhrgebiet sind es im Durchschnitt eigentlich immer um die 700 Leute. Auf Schloss Burg wird es definitiv der intimste, gemütlichste Kreis.

Fußball ist immer und überall Gesprächsthema. Was machen Sie anders ?

Pistor Fußball ist in der Tat die beste Daily-Soap Deutschlands. Es ist egal, wo man ist: Wenn man beim Kennenlernen merkt, der andere hat ein Herz für Fußball, lernt man so auch Menschen kennen. Es ist eine Brücke, alle haben sofort die Themen auf dem Schirm. Ich fand es jedoch reizvoll, ein Bühnenprogramm auf die Beine zu stellen, das gab es in Deutschland bislang noch nicht. Ich habe oft Veranstaltung moderiert mit Schiedsrichtern, mit Alt-Internationalen oder mit aktuellen Trainern. Oft kamen dabei auch Fragen nach der Historie. Dabei ist mir die Idee gekommen: Warum teile ich den Fußball nicht auf nach Fächern und mache eine Art Schulklasse auf der Bühne.

Wie muss ich mir den Unterricht vorstellen ?

Pistor Das ist brutalster Frontalunterricht in verschiedenen Fächern. Die Leute sollen sich schön in ihren Sessel oder auf ihren Stuhl setzen und einen unterhaltsamen Abend haben. Im Idealfall lernen sie auch etwas. Bei unserer ersten Fußballschule geht es beispielsweise um Taktik, um einen historischen Abriss, wie sich die Systeme über die Jahrhunderte verändert haben. Um diese zu vermitteln, habe ich Gast-Dozenten an meiner Seite. Auf Schloss Burg ist an beiden Abenden Peter Neururer mit am Start.

Welche Fächer werden noch behandelt ?

Pistor Auf dem Lehrplan steht noch Biologie. Keiner von uns weiß, was wirklich abgeht in der Kabine. Das ist sozusagen der Aufklärungsaspekt. Im Fach Geschichte geht vor allen Dingen um die Historie der Radio-Reportage. Burkhard Hupe wird mit wunderbaren Hörbeispielen der Frage nachgehen, warum Herbert Zimmermann bereits im WM-Finale 1954 die Basis für die heutigen Standards ablegen konnte. Das ist eine einzigartige Zeitreise, weil wir vom "Wunder von Bern" tatsächlich neue Aspekte recherchiert haben und vorstellen. Und letztendlich haben wir noch einen Ü60-Frauenchor aus Oberhausen-Buschhausen.

Das hört sich nach dem Fach Musik an ?

Pistor Richtig. Der Chor "Cantabile" singt die Lieder aus der Kurve, die jedoch kaum jemand kennt.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern im Publikum ?

Pistor Das ist relativ ausgewogen. Ich würde tippen, es sind 60 Prozent Männer und 40 Prozent Frauen. Das Interessante: Die Altersstruktur ist komplett heterogen. Es gibt Teenager, aber auch die älteren Semester. Und es gibt die Elf-Freunde-Fraktion, aber auch die, die einfach nur neugierig sind, was der Pistor da so macht. Genau das ist mein Anspruch, ein unterhaltsames Programm für die Leute zu machen, die mit Fußball sonst nur wenig am Hut haben.

Wie sieht es denn mit einer Klassenarbeit oder mit einer Benotung aus ?

Pistor Wie in jeder Schulklasse wird es auch bei uns einen Streber geben. Und so werde ich in einem Klassen-Quiz unter den Anwesenden "Solingens Fußball-Klugscheißer" suchen. Keiner wird jedoch gezwungen, daran teilzunehmen.

Sind Sie überhaupt qualifiziert dazu, auf der Bühne zu stehen und Fußball zu erklären, wenn Sie mit Ihren Tipps bei WDR 2 so oft daneben liegen und nur weit abgeschlagen in der Liste geführt werden ?

Pistor (lacht) Das ist eine gemeine Frage. (lacht weiter) Allen Tipps zum Trotz stelle ich mich auf die Bühne und sage: Ja, ich möchte über Fußball reden. Beim Tippen wird man ja auch verrückt. Ich fahre ja immer mit den elf Besten von mehr als 100.000, die registriert sind, nach Berlin. Und ich erkundige mich, wie diese ihre Super-Punktzahlen geholt haben. Der eine schreibt eine eigene Formel, der andere tippt alles 3:1 oder 1:3. Ich habe noch keine Logik erkannt.

GUIDO RADTKE FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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