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Verschwundene Frau aus Solingen
Schwager gesteht Mord an Hanaa S.

Vermisste Hanaa S. aus Solingen: Schwager gesteht Mord
Mit diesem Bild hatte die Polizei nach Hinweisen auf die verschwundene Hanaa S. gesucht. Offenbar ist sie tot. FOTO: Kreispolizei Mettmann
Solingen. Spektakuläre Wende im Mordprozess um die seit 2015 vermisste Frau. Einer der angeklagten Verwandten hat nach über 70 Verhandlungstagen sein Schweigen gebrochen und die Tat zugegeben. Der Mann will die Fahnder zur Leiche führen. Von Martin Oberpriller

Die Erklärung umfasste gerade einmal zehn dürre Zeilen auf einem Blatt Papier. Doch als der Rechtsanwalt am Donnerstagmorgen vor der 3. Strafkammer des Wuppertaler Landgerichts nach weniger als einer Minute die Ausführungen im Auftrag seines Mandanten wieder beendet hatte, war die Sensation perfekt. Denn mit den Einlassungen des Angeklagten wurde nach mehr als einem Jahr erstmals die bis dahin allgegenwärtige Mauer des Schweigens durchbrochen - und einer der spektakulärsten Mordfälle der vergangenen Jahre könnte kurz vor der Klärung stehen.

Ein 26-jähriger Schwager der seit April 2015 spurlos verschwundenen Solingerin Hanaa S. hat am Donnerstag ein Geständnis abgelegt, wonach die Mutter von drei Kindern bereits kurze Zeit nach ihrer Entführung von der eigenen Familie umgebracht worden ist. Er sei sich durchaus der Verantwortung für die Tötung seiner Schwägerin bewusst, ließ der Mann über seinen Rechtsbeistand ausrichten und gab darüber hinaus auch gleich einen ungefähren Ort an, an dem er und seine Verwandten nach der Tat die Leiche der zum Zeitpunkt der Entführung 35-jährigen Jesidin mit irakischen Wurzeln hätten verschwinden lassen.

Angeklagter will Ermittler zur Leiche führen

Dem Geständnis des Angeklagten zufolge sollen die sterblichen Überreste von Hanaa S. in einem Wald in der Nähe der baden-württembergischen Stadt Heilbronn vergraben worden sein - wobei der Schwager vor Gericht seine Bereitschaft bekundete, die Ermittler zum Ablageort der Leiche zu führen.

Nach der spektakulären Wende wurde der seit dem 27. Juni 2016 laufende Prozess bis zum nächsten Montag zunächst einmal unterbrochen. "In den kommenden Tagen soll entschieden werden, wie es weitergehen kann", sagte später ein Sprecher des Landgerichts auf Anfrage unserer Redaktion. So müssten sich die Kammer sowie die Staatsanwaltschaft nun darüber verständigen, ob es Sinn mache, auf das Angebot des Angeklagten einzugehen.

Dabei gilt es als wahrscheinlich, dass sich die Ermittler bereits in der nächsten oder übernächsten Woche von dem 26-Jährigen die beschriebene Stelle im Wald zeigen lassen. "Ein solcher Vororttermin ist sinnvoll", betonte der zuständige Oberstaatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt, der das Geständnis des Schwagers am Donnerstag als einen "Meilenstein" im bisherigen Prozessverlauf wertet.

Weiterer Angeklagter will aussagen

Denn immerhin könnte - so die Hoffnung - nach mehr als 70 Verhandlungstagen jetzt eine sprichwörtliche Kettenreaktion die Folge sein. "Ein anderer Angeklagter hat inzwischen ebenfalls angekündigt, sich zu den Mordvorwürfen äußern zu wollen", hieß es vonseiten der Staatsanwaltschaft, wo nun die Vorbereitungen für die Leichensuche in Baden-Württemberg angelaufen sind.

Schon früher hatte es Anhaltpunkte gegeben, wonach Hanaa S. in einem dortigen Waldstück vergraben sein könnte. Allerdings waren mehrere Suchaktionen, die sich auf den Großraum Karlsruhe konzentriert hatten, erfolglos verlaufen. Dennoch blieb die Polizei weiter hin davon überzeugt, dass sich die Familie der toten Frau dadurch entledigt habe, indem sie die Leiche in Baden-Württemberg verscharrt habe.

Fall seit zwei Jahren ungeklärt

Hanaa S. war zuletzt Mitte April 2015 lebend gesehen worden. Kurz zuvor hatte sich die junge Frau von ihrem Ehemann getrennt, der mit einem der Söhne sowie drei weiteren Verwandten auf der Anklagebank sitzt. Zeugenaussagen zufolge soll der Mann Hanaa S. über Jahre schlecht behandelt haben, so dass die 35-Jährige zuletzt keinen anderen Ausweg mehr sah, als aus ihrer Familie zu fliehen. Nach Ansicht der Ermittler schmiedeten die Verwandten daraufhin schließlich einen Mordplan, da die Trennung von der Familie den Ehrvorstellungen des jesidischen Großclans zuwiderlief.

Nach dem Verschwinden der Frau geriet die Familie relativ schnell in das Visier der Fahnder. So schlugen Leichenspürhunde der Polizei bei der Durchsuchung eines von Verwandten betriebenen Kiosks in Düsseldorf, wo Hanaa S. bis zu ihrem Umzug nach Solingen gewohnt hatte, und auch in einem Auto an. Der Wagen könnte im Anschluss an die Entführung und die Ermordung der dreifachen Mutter zum Abtransport der Leiche benutzt worden sein.

 
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