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Viersen
Was Gott nach den Nachrichten hört

Viersen: Was Gott nach den Nachrichten hört
Stellte die "Charts des lieben Gottes" in der Festhalle Viersen vor: Wolfram Goertz, Musikredakteur der Rheinischen Post. FOTO: busch
Viersen. Musikwissenschaftler Dr. Wolfram Goertz gab einen kurzweiligen Überblick über religiös motivierte Musik. Von Gert Holtmeyer

Welche CD hört Gott nach den Frühnachrichten? Diese Frage beantwortete Wolfram Goertz in seinem unterhaltsamen Vortrag über "Die Charts des lieben Gottes" - ein Vortrag, der gut beim Publikum in der Viersener Festhalle ankam.

Steigender Beliebtheit erfreuen sich in der Kreisstadt die Vorträge von Wolfram Goertz. Passten schon vor zwei Jahren 200 interessierte Zuhörer nicht - wie ursprünglich geplant - in den kleineren Ernst-Klusen-Saal, so hörten bei dem jetzigen Auftritt im großen Saal der Festhalle jetzt rund 350 Interessenten mit viel Vergnügen zu.

Der Musikredakteur der Rheinischen Post ist kein Freund trockener Belehrungen. Und wenn er beim "Betreuten Hören" einen Überblick über die verschiedensten Genres religiös motivierter Musik gibt, dann werden nicht Stilrichtungen in Tabellenform gepresst und mit Aktenzeichen versehen. Dann geht's lebendig und munter zu.

Goertz dreht ganz einfach den Spieß um. Er fragt nicht, wie die Menschen ihren religiösen Sichtweisen und Gefühlen musikalischen Ausdruck geben. Er zeichnet scherzhaft das Bild eines Gottes, der über eine große, bunt gemischte CD-Sammlung verfügt. Der hört morgens nach den schlechten Nachrichten "aus Syrien, Afghanistan und Bayern" erst einmal etwas, was ihm wieder eine positive Sicht seiner Schöpfung ermöglicht. Griegs "Morgenstimmung" drängt sich da geradezu auf.

Wolfram Goertz übersieht dabei aber nicht das theologische Problem. "Wozu braucht Gott eine CD-Sammlung, wenn er doch sowieso alles hört?" Aber mit solchen Fragen wird der musikalische Sektor verlassen und man betritt die Abteilung Scholastik. Der Musikwissenschaftler geht anders an die Sache ran. Er hört erst einmal genau hin. Das berühmte "Halleluja" ist ganz typisch für Händel. Der stammte aus Halle, wirkte vorzugsweise in England und orientierte sich musikalisch vor allem an der italienischen Oper. Viel mystischer nähert sich Olivier Messiaen der christlichen Botschaft. In "Regard du Père" setzt er den Blick des Vaters auf das Jesuskind mit klanglichen Symbolen in Töne um. So hat das Stück keinen Takt, denn es will auf die Überschreitung von Raum und Zeit hinweisen. Der estnische Komponist Arvo Pärt "komponierte so fromm, dass man als Atheist sofort konvertieren möchte". Pärt widerstand erfolgreich dem Bazillus der musikalischen Moderne, der Atonalität. Er schuf, in "Cantate Domino" deutlich hörbar, den "Glöckchenstil". Ergreifende Musikbeispiele brachte Goertz aus Messen Mozarts (c-moll) und Bachs (h-moll) sowie aus Faurés Requiem.

Theologische Botschaften gibt's nicht nur in der E-Musik. Goertz sparte auch nicht die Stilrichtungen aus, für die Musik erst dann schön wird, wenn sie laut ist. Wie aber kommt Hamburgs berüchtigter Rotlichtbezirk Sankt Pauli in die Aufstellung der Beiträge zum Gotteslob? Auch hier blieb Wolfram Goertz keine Erklärung schuldig. Gewiss würde der heilige Paulus sich heute verwundert die Augen reiben. Wahrscheinlich wäre er mit der Entwicklung nicht einverstanden. Aber es hilft nichts: Er ist der Namenspatron dieses Stadtteils. Die Lautstärke, mit der "Hammer & Michel" diesen Stadtteil besingen, würde den Apostel mit Sicherheit heute staunen lassen. Ausdrücklich wehrte Wolfram Goertz sich dagegen, den Mireille-Mathieu-Fan zugerechnet zu werden. Trotzdem: "Wir sind alle Kinder Gottes" durfte natürlich nicht fehlen.

Erfreut nahmen die begeisterten Zuhörer wahr, dass Goertz schon an einem neuen Vortrag mit dem Arbeitstitel arbeitet: "So schön kann Liebe sein". Auch in diesem Jahr werden die Einnahmen des Vortrags an die Interdisziplinäre Ambulanz für Musikermedizin in Düsseldorf als Spende weitergeleitet. Dr. Wolfram Goertz koordiniert sie seit 2011.

Quelle: RP
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