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Wesel
Im Chor ein Stück Heimat gefunden

Wesel: Im Chor ein Stück Heimat gefunden
FOTO: NN
Wesel. Wolfgang Bornebusch, Pfarrer i. R., spricht mit dem aus Ghana stammenden Kwadwo Frimpong über dessen Flucht.

Kwadwo Frimpong, von seinen Freunden Nana genannt, ist 40 Jahre alt und kommt aus Ghana: aus der Stadt Wa im Norden, der Hauptstadt der "Upper West Region" und des "Wa Municipal District". Zugleich ist Wa die Stadt, in der das Volk der Wala seinen Stammsitz hat.

Mein Gesprächspartner gehört nicht dem Volk der Wala an. Sein Großvater zog aus einer südlicher gelegenen Region in den Norden, nach Wa. Aber er spricht doch das ortsübliche Wala, eine der 79 lokalen Sprachen und Idiome der vielen Ethnien Ghanas, darüber hinaus auch Ashanti, die Sprache der größten Bevölkerungsgruppe Ghanas, und Englisch, die Amtssprache aufgrund der kolonialen Vergangenheit des Landes. In Ghana spricht fast jeder mehrere Sprachen.

Wa (übersetzt "Kommt her!") lag an einer wichtigen Handelsroute, die vom Sahelgebiet an die atlantische Küste führte. Über diese Route gelangte der Islam in den Norden Ghanas. Eine beeindruckende Moschee aus dem 15. Jahrhundert ist Zeuge einer weit zurückreichenden muslimischen Tradition in dieser Region. Noch heute ist Wa ein muslimisches Zentrum. Die Muslime sind hier eindeutig in der Mehrheit - in einem Land, das ansonsten mehrheitlich christlich geprägt ist.

In diesem Umfeld wuchs Kwadwo Frimpong in einer weit verzweigten muslimischen Großfamilie auf. Neun Jahre ging er zur Schule. Eine berufliche Ausbildung hat er nicht durchlaufen. Er arbeitete nach dem Schulabschluss in einem Geschäft. Radios und Fernseher habe er verkauft, auch Schlüssel und vieles andere mehr.

Vor 14 Jahren heiratete er. Er ist Vater von zwei Töchtern (neun und 13 Jahre alt). Die Ehe aber ging in die Brüche. 2012 konvertierte Kwadwo Frimpong zum Christentum. Er hatte im Fernsehen immer wieder einen christlichen Prediger namens T. B. Joshua aus Nigeria gehört. Dieser beeindruckte ihn mit seiner Botschaft so sehr und so tief, dass er Christ sein wollte und sich auch als solcher betrachtete - ohne getauft zu sein, ohne wirklich im christlichen Glauben unterrichtet worden zu sein, ohne einer konkreten Kirchengemeinde beigetreten zu sein.

Er bekannte sich - genauso wie sein Zwillingsbruder - in seinem muslimischen Umfeld wohl auch ganz offen zu seinem Christsein. Dies blieb nicht ohne Folgen. Die Großfamilie konnte diesen Schritt offenbar nicht akzeptieren. Sie setzte ihn unter Druck. Sie schüchterte ihn ein. Sie bedrohte ihn. Seine Töchter, die er ebenfalls als Christinnen bezeichnet, brachte er angesichts dieser Situation in Sicherheit.

Sie leben nun bei Freunden in einen Ort namens Boko. Der Konflikt spitzte sich 2014 so sehr zu, dass man ihm am Ende drohte, ihn zu erschießen. Er sah keinen anderen Ausweg, als zu flüchten. Und zwar unmittelbar. Ohne jede Vorbereitung. Ohne sich mit seinen Töchtern oder seinem Zwillingsbruder darüber noch besprechen zu können. Nur mit seinem gesparten Geld, seinem Pass und einer Tasche mit ein paar Habseligkeiten. Dies spielte sich im November 2014 ab.

Ziel war zunächst Accra, die Hauptstadt Ghanas. Dort suchte er die Deutsche Botschaft auf, um ein Visum zu beantragen. Er bekam auch eines - für einen 14-tägigen Urlaubsaufenthalt. Dieses berechtigte ihn zu einem Flug von Accra nach Hamburg. Vom Flughafen aus gelangte er zum Hauptbahnhof. Dort, so erzählt er, machte er Rast, setzte sich irgendwo hin und schlief ein. Als er wieder aufwachte, waren Portemonnaie, Pass und Tasche gestohlen. Völlig verwirrt lief er durch die Stadt. Schließlich wurde er von einigen grün uniformierten Männern, vermutlich Polizisten, angesprochen. Diese brachten ihn, so sagt er, zu einer Einwanderungsbehörde oder einem Flüchtlingsbüro, wo man ihn registrierte und ihm die Fingerabdrücke abnahm. Von Hamburg ging es über Dortmund, Essen, Wickede nach Schermbeck. Im Februar lebt er schon ein Jahr unter uns - mit einer "Aufenthaltsgestattung zur Durchführung des Asylverfahrens".

Ich habe ihn in seiner Bleibe besucht. In einer Wohnung, die dem Pfarrheim unmittelbar benachbart ist. Sechs Flüchtlinge, allesamt junge Männer, sind hier untergekommen. Fünf kommen aus Ghana, einer aus Mali. Er teilt sein Zimmer mit zwei Landsleuten aus Ghana.

Über seinem Bett hängt ein Crucifixus. Sein muslimischer Zimmernachbar war damit nicht einverstanden, aber er bestand darauf, die Umgebung seines Bettes frei zu gestalten. Die christlich-muslimischen Beziehungen sind hier nicht ganz spannungsfrei.

Wie es ihm hier in Deutschland gefällt? "Sehr gut, hier bin ich sicher", lautet seine Antwort. Aber er fühlt sich einsam. Ein Lichtblick ist für ihn die wöchentliche Probe im dacapo-Chor der Schermbecker katholischen Kirchengemeinde. Die ist für ihn ganz wichtig. Da hat er offensichtlich ein kleines Stück Heimat gefunden.

Zum Deutschunterricht aber schafft er es nicht immer. "Manchmal muss ich einfach zuviel denken", sagt er. Als ich ihn frage, was genau er damit meine, verliert er die Fassung: Er weiß nicht, wie es seinen Töchtern geht. Er weiß nicht, ob sie wirklich in Sicherheit sind. Er konnte sich nicht von ihnen verabschieden. Er hat einen Freund in Accra telefonisch erreicht. Der will nun nach Boko fahren und nach seinen Töchtern schauen. Nun wartet er auf Nachricht. Ungeduldig.

Vor seinem Abflug von Accra nach Hamburg hatte er noch von Freunden in seiner Heimtatstadt erfahren, dass nach ihm auch sein Bruder geflohen sei. Noch an demselben Tage. In die Ghana benachbarte Elfenbeinküste. Seitdem hat er nichts mehr von ihm gehört.

Ich frage ihn, was er denn arbeiten wolle, wenn man ihn ließe. Immer nur herumzusitzen, auf den nächsten Tag zu warten ohne Internet und Fernsehen, das macht mürbe. Seine Antwort: "Ich würde gerne, solange ich noch kein Deutsch kann, in der Küche eines Restaurants das Geschirr spülen." Ein bescheidener Wunsch. Es wäre schön, wenn er sich realisieren ließe. Zunächst aber hat er noch einen anderen Wunsch: Er möchte getauft werden. Er möchte zur hiesigen katholischen Kirchengemeinde gehören.

VON WOLFGANG BORNEBUSCH, PFARRER I. R.

Quelle: RP
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