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Hamminkeln
Mehrhoog: Der Schrecken rückt näher

Hamminkeln: RVR-Planungsausschuss beschäftigt sich mit Betuwe-Dilemma
Hamminkeln: RVR-Planungsausschuss beschäftigt sich mit Betuwe-Dilemma FOTO: Malz, Ekkehart
Hamminkeln. RVR-Planungsausschuss beriet gestern im Rathaus über die Betuwe und besuchte dann den Bahnhof in Mehrhoog, um die Güterstrecke live zu erleben. Die Stadt zeigte eine Skizze mit den Plänen, die die Bahn Ende Februar vorstellt. Von Bernfried Paus

Böse Zungen behaupteten, die Bahn habe Wind davon bekommen hatte, dass Bürgermeister Holger Schlierf den Planungsausschuss des Regionalverbandes Ruhr (RVR) nach dessen Sitzung im Rathaus zum Bahnhof nach Mehrhoog bitten würde. Dort sollten die Politiker, die über die Metropolregion maßgeblich befinden, hautnah erleben, was es heißt, "wenn ein 750 Meter langer Güterzug mit 90 Dezibel" durchs Dorf im äußersten Zipfel des Verbandgebietes rauscht.

Der Donnerhall blieb aus. Nur ein Zug mit offenen, dazu leeren Waggons ratterte während des Ortstermins eher gemächlich vorbei. Ein Güterzug aus Gegenrichtung rollte im Schneckentempo in den Bahnhof und hielt an. Grund: ein Problem an einem Bahnübergang in Fahrtrichtung Haldern. Wie bestellt. Das Szenario auf der Schiene taugte kaum, das erhoffte, vom Schrecken an den Gleisen erzeugte Gänsehautgefühl zu erzeugen. Dennoch: Mehrhoog und sein Betuwe-Problem werden den Gästen aus dem Ruhrgebiet nicht so schnell aus dem Kopf gehen.

"Wir sind gekommen, um zu sehen und zu hören, wie sich das anfühlt", sagte Bernd Tischler, Oberbürgermeister in Bottrop und Vorsitzender im Planungsausschuss. Er sicherte Schlierf zu: "Wir stehen an Ihrer Seite." Die Verwaltung hatte an dem schmalen Zugang zu Gleis 2 Schautafeln aufgestellt. Um die Vorstellung zu schärfen, wie hoch die Lärmschutzwände quer durch Mehrhoog werden sollen, fuhr Technik-Vorstand Thomas Dreier neben der Bild-Animation von der "Mehrhooger Mauer" eine Teleskop-Messlatte vier Meter hoch aus.

Der Bürgermeister erläuterte den "Konfrontationskurs" (Udo Bovenkerk, CDU Hamminkeln), auf dem sich Stadt und Bahn in Mehrhoog befinden. Im Rathaus hat man die Pläne für den Planfeststellungsabschnitt (PFA 2.3), die die Bahn Ende des Monats erstmals öffentlich vorstellen will, auf Pergament gemalt und über die Ortslage gelegt. Dass dabei die Zufahrt zum Dorfplatz einfach wegfällt, ist fast schon das geringste Übel.

Für die Bahnhofstraße ist an den Schranken Schluss: aus Richtung B 8 landet der Autofahrer im Wendehammer vor der Lärmschutzwand, aus der anderen Richtung geht's hinter Pollmann nach rechts an der Wand vorbei. Die Bahnhofstraße soll im südlichen Schwenk unter die Gleise geführt werden.

In Höhe des heutigen Überganges plant die Bahn für Fußgänger einen Tunnel unter die Schienen. Der führt über 13 je sechs Meter lange Stufen nach oben zum neuen Mittelbahnsteig. Dieser liegt zwischen den heutigen beiden Gleisen und dem neuen Gleis, das auf der Ostseite gebaut werden soll. Die von der Stadt gewünschten Aufzüge fehlen. Dass kein Federstrich die geforderte Troglösung für die Bahn andeutet, wundert kaum.

"Ich beneide Sie nicht", entfuhrt es einer RVR-Politikerin im Gespräch mit dem Bürgermeister. Die umstehenden Kollegen nickten, erkennbar erfahren im Umgang mit dem Koloss Bahn AG.

In der Sitzung hatte Schlierf als Sprecher der Anrainer erläutert, was das mit 1,5 Milliarden gehandelte Projekt für die Menschen bedeutet. Heute seien im Schnitt 140 Züge täglich unterwegs, rechnerisch möglich wären 215. Der Ausbau steigert die Kapazität auf 388, bahninterne Überlegungen reichten gar bis zu 599 Zugbewegungen binnen 24 Stunden. Prognostiziert seien bis 2025 exakt 346 Züge täglich, mehr als die Hälfte davon Gefahrgüter.

Schon heute, so Schlierf, seien die Lärmgrenzen deutlich überschritten. Er fordert "städtebaulich vertretbaren" innovativen Lärmschutz auch in Außenbereichen. Es dürften keine "Angsträume" in Bahnhöfen entstehen, die die Form von riesigen Lärmschutzröhren annehmen könnten. Schlierf machte deutlich, dass den Städten die Zeit davonlaufe. Die Zusicherung, die kommunalen Finanzierungsanteile bei der Beseitigung der Bahnübergänge zu übernehmen, reiche nur bis 2020. Das Verfallsdatum sei schnell erreicht. "Die Finanzierungsfrage brennt uns auf den Nägeln."

Weiterer Punkt: mehr Züge lassen Schranken öfter und länger unten: "Wir werden zu Prellböcken", so Schlierf: "Ein städtebauliches Dilemma." Die Übergänge müssten schnell verschwinden. Aber: Es gibt kein Recht auf offene Schranken. Zumindest diese erstaunliche Nachricht werden die Gäste von der Ruhr so schnell nicht vergessen.

(RP/rl)
 
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