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Wesel
Orgelherbst mit Regers großem Werk abgeschlossen

Wesel. 50 Minuten Spielzeit an einem Stück: Ansgar Schlei leistet an der Marcussen-Orgel Außerordentliches. Von Hanne Buschmann

Max Regers Orgelwerke, die schon in die Moderne weisen, galten lange als unspielbar. Als knifflig gelten sie immer noch. Es gebe Stellen, die nur mit einem verzwickten Fingersatz zu bewältigen sind, so Domkantor Ansgar Schlei. Er bewies das am Samstagabend im Willibrordi-Dom, als er zum Abschluss der musikalischen Reihe zum Gedenken an Regers Tod vor 100 Jahren dessen erstes großes Orgelwerk, das in seiner Art einmalig blieb, aufführte. Damit beendete er auch das diesjährige kleine Festival des Orgelherbstes am Niederrhein. Zum großen Erlebnis wurde das Konzert.

Musikfreunde und -kenner aus Wesel und etlichen Nachbarorten waren gekommen. Ansgar Schlei führte zunächst in Regers Werk, die Erste Suite e-Moll op. 16 - "Den Manen Johann Sebastian Bachs" - ein. Die Manen, die guten Totengeister der Römer, die Bach beschützen, spricht Reger an. Er huldigt so dem Genius Bach. 21 Jahre alt war er, als er die Suite schrieb. Sein ganzes eigenes Sein legte er in diese Hommage, so brennend, dass die klingenden Gedanken auf die Hörer zustürmen, so wahr und nah empfunden ist alles komponiert, so nah intonierte es auch Ansgar Schlei auf der Marcussen-Orgel. 50 Minuten Spielzeit erforderte das.

Schon die große Introduktion weist auf die Fährnisse und Widersprüchlichkeiten hin, die in jedem Menschenleben bestanden werden müssen. Vieles von seinen eigenen inneren Kämpfen hat Reger in sein Werk geflochten. Wahrscheinlich half ihm das, Bachs auch nicht leichten Weg in fassbare Musik zu verwandeln. Die Hörer im Dom lauschten nahezu atemlos der gesamten aufrüttelnden Predigt. Diese breitet den geistigen Raum in der Fuge aus. In traditionell benannten, aber nicht traditionell gestalteten Sätzen entwickelt Reger ein Bild des Kosmos. Choralzitate von Bach webt er ein, im Adagio assai das demütige "Wenn ich einmal soll scheiden".

Nach einer kurzen Atempause, die für jeden im eigenen Nachklang zu hören und auf der Leinwand, die den Organisten am Spieltisch zeigt, zu sehen ist, lädt das Intermezzo mit wunderbar schwebenden Klängen zum Nachsinnen ein: über den Inhalt und die hoch konzentrierte Spielweise des Kantors.

Passacaglia. Andante. Bestehend aus einem einstimmigen Thema und 30 Variationen. Anfangs mit leisem Pedal gespielt, dann sanfte Obertöne hinzunehmend, allmählich lauter, mächtiger werdend bis zu einem gewaltigen Aufschrei. Erde und Himmel in Aufruhr. Zu spüren ist jedoch, dass dies nicht das Ende ist. Behutsam harmonisierende, zeitlos gültige Tonfolgen verheißen die Erlösung.

Die Menschen im Dom schweigen. Soweit möglich hat die Musik das Rätsel Schöpfung geschildert. Dafür brauste dann auch der dankende Applaus auf, eingeschlossen die Achtung vor der hohen geistigen Anspannung des Organisten.

Quelle: RP
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