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Xanten
Kirchenmusikalische Ausrufezeichen

Xanten: Kirchenmusikalische Ausrufezeichen
Wunderschönes Arbeitszimmer in einem uralten Gebäude am Dom St. Viktor: Kantor Matthias Zangerle am Flügel. Die Wandbehänge zeigen Szenen aus dem Leben und Sterben des Heiligen Viktor. FOTO: Ostermann
Xanten. Xantens Domorganist Matthias Zangerle erklärt zu Beginn der Fastenzeit den liturgischen Jahresverlauf in der Musik. Von Peter Kummer

Von der Adventszeit über die heiße Phase des Karnevals bis zu Ostern durchlebt der Mensch rund vier Monate lang eine wahre musikalische Achterbahnfahrt. Jede Phase drückt sich emotional in ihrer eigenen Musik aus, auch die Fastenzeit. Bis anschließend für über ein halbes Jahr lang alles in ein ruhigeres Fahrwasser mündet, um im Spätherbst und Frühwinter erneut aufzuwallen.

Der Advent, sagt Domkantor Matthias Zangerle, ist aus musikalischer Sicht eher reduziert. "Er trägt besinnliche Züge und soll auf das Weihnachtsfest vorbereiten", erläutert er. "Das zeigt sich in vielen bekannten Adventsliedern und auch im Orgelspiel", so der Domkantor. Instrumente wie Trompeten dürften nicht mehr jubilieren.

Zu Weihnachten kommt der erste Wechsel. Oftmals erklingt die Musik heiter beschwingt, Trompeten und Pauken tragen mit zu einem furiosen Ohrenschmaus bei. Bestes Beispiel ist in Bachs Weihnachtsoratorium das "Jauchzet, frohlocket" - ein wahrer Gefühlsausbruch, der die ganze Freude über die Geburt Jesu Christi in Noten ausdrückt, verbunden mit dem Wunsch der Menschen nach Frieden und Versöhnung. Selbst frühere Werke aus der Zeit vor dem Barock zeugen von dieser Sehnsucht, auch wenn Werke wie ein gregorianischer Choral in unseren Ohren eher getragen zurückhaltend klingen.

Vor der Fastenzeit noch einmal so richtig feiern und ausgelassen sein - mit dem neuen Jahr strebt im Rheinland alles immer mehr dem närrischen Höhepunkt entgegen. Stimmungslieder sind angesagt, die zum Schunkeln und Tanzen einladen. Es will gefeiert und gelacht werden. Denn am Aschermittwoch ist alles vorbei, beklagt ein altes Karnevalslied. Dabei würden oft Motive aus der Religion aufgegriffen, heißt es im Buch "Massen und Masken - kulturwissenschaftliche und theologische Annäherungen", etwa wenn die Bläck Föös singen "Mir all, mir sin nur Minsche, vür'm Herrjott immer glich".

Der Gesang und die Musik dienen sowohl im Karneval als auch im Gottesdienst als Einladung zum Mitfeiern und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Jedoch scheine der Mehrheit der Bevölkerung der Zusammenhang von Karneval und Religion nicht mehr geläufig zu sein.

Es beginnt die Fastenzeit, besser gesagt die österliche Bußzeit. "Diese Bezeichnung trifft es besser", meint der Domkantor. "Wochen der Besinnung, in der eine Reduzierung stattfindet." Musikalisch wie optisch. Dann sind im Dom die Altäre geschlossen. Die prachtvollen Schnitzereien verschwinden hinter Klapptüren. "Das Auge fastet mit. So ist es auch in der Musik. Sie ist zurückhaltend." Passionen und Requiem-Vertonungen greifen den Gedanken der Buße auf. Da bleibt kein Raum für beschwingte Noten und fürs Jubilieren. "Die Musik ist eher gedeckt und betrachtend, Motetten und Chormusik nehmen sich zurück. Aber das ist nicht weniger schön", betont Zangerle.

Am Gründonnerstag, dem vorletzten Abschnitt der musikalischen Berg- und Talfahrt, verabschieden sich die Instrumentale vorübergehend aus der liturgischen Gestaltung. Der Chorgesang, dann aber wegen des Todes Jesu am Karfreitag traurig, ist mit seinen Moll-Klängen weiterhin üblich. Die Orgel hingegen verabschiedet sich nach dem letzten Abendmahl am Donnerstag vorübergehend aus der Liturgie. Erst in der Osternacht lässt sie die Gemeinde mit einer festlichen Intonation und einem feierlichen Gloria wieder jubilieren. Es herrscht große Freude über die Auferstehung.

Und danach? Zwar stehen im Kirchenjahr weitere Feste und Festtage an, zum Beispiel Pfingsten. Doch in der Musik setzen sie kein Ausrufezeichen. Bis im Advent der Kreislauf erneut beginnt.

Quelle: RP
 
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