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Zum Sonntag
Mehr Sein - weniger Schein

Xanten. Es ist Wahlkampfzeit, immer unübersehbarer. Die SPD versucht zu mobilisieren, Martin Schulz erklärt: "Ich werde Kanzler der Bundesrepublik Deutschland". Ob ihm das eine/r wirklich glaubt?

Der schwarzgelbe Koalitionsvertrag für NRW ist unterschrieben, und Christian Lindner erklärt vollmundig: "Jetzt wird gehandelt, bis gestern wurde nur geredet." Ob die Welt wirklich so einfach zu beschreiben ist? Politiker/innen aller anderen Parteien fügten sich nahtlos ein - immer haben sie selbst die Weisheit mit Löffeln gegessen, wissen alles ganz genau und würden alle glücklich machen, wenn man nur sie ran ließe. Ob sie wirklich glauben, solches Getue beeindrucke irgendwen? Mich jedenfalls nicht.

In unserem eigenen Alltag sieht es allerdings oft nicht besser aus: Für Bewerbungen etwa lehrt man uns, man müsse schreiben: "Eine/n Besseren wie mich können Sie gar nicht finden - weil es den einfach nicht gibt!" Motivationstrainer peitschen in ihren Seminaren das Strotzen mit den eigenen Stärken ein, während die Teilnehmenden in Wahrheit zu zittern beginnen, denn sie ahnen, dass diese Einseitigkeit niemals der eigenen Wahrheit entsprechen kann. Und selbst in der Kirche meint man gelegentlich, es käme nur auf die Optimierung der Selbstdarstellung an - und schon liefen einem die Menschen (wieder) in Scharen zu.

Warum nur meinen wir, uns so aufblasen zu müssen, um Ansehen, Anerkennung, Aufmerksamkeit oder auch tatsächlich Erfolg zu haben?

Der christliche Glaube hält jedenfalls eine andere Botschaft bereit, die deutlich menschlicher, ehrlicher, und befreiender: Du bist zur Wahrheit befreit. Du darfst sein, mit deinen Stärken - und deinen Schwächen. Du bist liebenswert, egal, wohin Du es gebracht hast - oder auch nicht.

Du bist wertvoll und angesehen in den Augen deines Schöpfers. Und weil das so ist, darfst Du dich selbst auch so ansehen und annehmen. Und so, mit deiner ganzen Wahrheit, darfst Du sein und Dich auch zeigen vor anderen - denn das bist wirklich Du, nicht ein Phantom.

Ein bisschen mehr wahrer Mensch und ein bisschen weniger Blendwerk fänd' ich gut - auch im wahren Leben.

AUTOR PFARRER HANS-JOACHIM WEFERS AUS XANTEN IST SUPERINTENDENT DES KIRCHENKREISES KLEVE.

Quelle: RP
 
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