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Reformationstag
Zurück zu mehr Kantigkeit

Xanten. Das Pfarrer-Ehepaar Becks erinnert daran, dass die protestantischen Werte nicht an Aktualität verloren haben.

Xanten Mehr Menschen, die sich trauen, "das Wort gegen den Mainstream zu erheben", wünscht sich der Dr. Hartmut Becks, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Alpen, zum heutigen Reformationstag. Martin Luther hat es vorgemacht: Heute vor 498 Jahren soll er 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben. Dabei wollte er vor allem zum Ausdruck bringen, dass er mit der damaligen Ansicht, Christen könnten sich durch Ablassbriefe von ihren Sünden freikaufen, nicht übereinstimmte. Viele Menschen teilten seine Meinung, es kam zur Abspaltung von der katholischen Kirche.

Gläubige sollten sich am Reformationstag vor allem an ihre Freiheit als Christen erinnern, findet das Pfarrer-Ehepaar Becks. "Jeder Mensch muss eigenverantwortlich sein Leben gestalten. Niemand schafft es, nur Gutes zu tun, aber Gott ist so gnädig, dass er uns die Sünden schon verziehen hat. Darauf können wir vertrauen, gerade jetzt, wo manches im Umbruch scheint", sagt Pfarrerin Heike Becks. "Wir müssen nicht Gutes tun, um vor Gott gerecht zu werden", fügt Hartmut Becks hinzu. "Wenn wir helfen, dann, weil wir es wollen, es gerne tun. Nicht, weil wir das müssen. Das heißt auch, dass ich guten Gewissens sagen darf: Hier setze ich eine Grenze meiner Hilfe." Aktuell lasse sich das auf die Flüchtlingssituation übertragen.

Der Reformationstag könne auch ein Anlass sein, sich zu vergewissern: "Es ist hilfreich, sich zu fragen: ,Was treibt mich an? Woran glaube ich? Welche Traditionen sind mir wichtig?' Das führe zu mehr Toleranz und helfe, offen auf andere zuzugehen: "Wer seinen eigenen Standpunkt kennt, kann andere stehen lassen", so Hartmut Becks.

Bedenklich findet der Pfarrer, dass immer mehr Menschen am Reformationstag das "Angstgruselfest" Halloween priorisieren. "Dabei ist der Reformationstag genau das Gegenteil: ein Fest gegen die Angst." Er erinnert sich an eine Situation vor einigen Tagen: Nachdem er die Konfirmanden gebeten hatte, in den Gottesdienst zu kommen, habe ihn eine Mutter angerufen und gesagt, dass das mit den Halloween-Partys kollidieren würde. Er wolle den jungen Leuten nicht den Spaß verderben, "aber ich käme mir als evangelischer Pfarrer auch blöd vor zu sagen: Na klar, geht Halloween feiern", so Becks.

In seiner Predigt geht Becks heute auf die Kritik des deutsch-iranischen Schriftstellers Navid Kermani am Protestantismus ein: "Er hat gesagt, die heutige evangelische Kirche sei vielleicht sympathisch, lasse ihn aber völlig kalt", so Becks. "Er ist der Meinung, der Protestantismus habe seine Kantigkeit verloren. Das hat mich sehr berührt."

TANJA KARRASCH

Quelle: RP
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