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Absturzort der Germanwings-Maschine
"Unter Rettern gehört es sich, Wache zu halten"

Absturzort der Germanwings-Maschine: "Unter Rettern gehört es sich, Wache zu halten"
Die Einsatzkräfte müssen mit dem Hubschrauber zum Unglücksort gebracht werden. FOTO: dpa, kne lof fdt
Seyne-les-Alpes. Wer sich die Bilder vom Absturzort der Germanwings-Maschine anschaut, sieht eine Schlucht, in der Tausende Wrackteile liegen. Hier suchen Helfer der französischen Bergwacht nach Hinweisen auf die Absturzursache und versuchen Leichen zu bergen. Ein Experte erklärt, vor welchen Herausforderungen die Helfer stehen. Von Aaron Clamann

Weil die Absturzstelle schwer erreichbar ist, konnten die Bergretter bisher oft nur per Hubschrauber dorthin gebracht werden. Von der mehrere Kilometer entfernten Einsatzzentrale in Seyne-les-Alpes wurden sie in die Berge geflogen. Doch selbst die Hubschrauber stießen an ihre Grenzen. Sie konnten in dem Bergmassiv Estrop in den provenzalischen Alpen nicht landen. Die Mitglieder der französischen Gendarmerie und der Bergrettung wurden abgeseilt.

Klemens Reindl, Bundesleiter der Bergwacht im Deutschen Roten Kreuz, erklärt die Vorgehensweise der Helfer vor Ort. FOTO: Deutsches Rotes Kreuz

Vor Ort treffen die Rettungskräfte auf steile Wände und schroffe Felsen. Die Unglücksstelle liegt zwischen 1600 und 2000 Meter Höhe, der höchste Berg der Region, der "Tête de l'Estrop" im Estrop-Massiv, ragt 2961 Meter in die Höhe. Zugänglich ist das Bergmassiv eigentlich nur von der Ostseite, auf der das Skigebiet Val d'Allos liegt. Die Unglücksstelle liegt aber an der schwer zugänglichen Westfront des Massivs.

Klemens Reindl, Bundesleiter der Bergwacht im Deutschen Roten Kreuz, vergleicht die Lage der Unglücksstelle mit den deutschen Alpen. "Es ist nicht so viel anders als in Bayern, einzelne Berge ähneln der Zugspitze", sagt er. Reindl hat Erfahrung mit aufwendigen Rettungsaktionen. Im vergangenen Jahr war er Einsatzleiter bei der Rettung des Forschers Johann Westhauser aus der Riesending-Höhle nahe Berchtesgaden.

Die Unglücksstelle am Tag nach dem Absturz FOTO: dpa, sh

Reindl kann nachvollziehen, warum die Bergwacht und Gendarmerie in Frankreich so vorgehen, wie sie es Dienstag getan haben. So weiß er unter anderem, warum einige Retter die Nacht über an der Unglücksstelle gecampt haben. "Wenn man jemanden vor Ort hat, holt man ihn nicht am nächsten Tag zurück", sagt er. Die Kräfte müssten dann erneut den schweren Weg zum Unfallort antreten. Womöglich wäre ein erneuter Aufstieg der Rettungskräfte auch noch einmal schwieriger gewesen als etwa am Dienstag. Auf die Westseite der französischen Alpen treffen immer wieder Wetterfronten, die vom Mittelmeer dorthin ziehen. Sie lassen das Wetter schnell umschlagen. So rechnete auch der Gendarmerie-Chef David Galtier damit, dass es bereits heute nahe der Unglücksstelle schneien könne. Wie die Tagesschau berichtet, habe auch der französische Wetterdienst diese Vorhersage getroffen.


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Das Verbleiben der Rettungskräfte vor Ort habe jedoch nicht nur technische Gründe. "Es gibt auch eine ethische Komponente", sagt Klemens Reindl. Unter Rettern gehöre es sich einfach, Wache zu halten, solange verunglückte Personen nicht gerettet oder Verstorbene geborgen seien. Dabei mache es jedoch durchaus einen Unterschied, ob die Rettungskräfte die Hoffnung auf Überlebende habe oder ob es keine Hoffnung mehr gebe. "Wären im konkreten Fall Überlebende vor Ort gewesen, hätte man vielleicht auch Nachtflüge durchgeführt und die Suchaktion fortgeführt", sagt Reindl. Die französische Gendarmerie hatte die Suche in der Nacht zu Mittwoch unterbrochen und erst nach Sonnenaufgang fortgesetzt.

Ob Angehörige sich in naher Zukunft ein unmittelbares Bild von der Unglücksstelle machen können, steht noch nicht fest. "Die Bergwacht in Frankreich wird das aber mit Sicherheit organisieren", sagt Klemens Reindl. Aus Erfahrung weiß der Bergwächter, dass viele Angehörige die Unglücksstellen irgendwann besuchen wollen. Eine Prognose, wie lange die Bergung dauern werde, kann Klemens Reindl nicht endgültig abgeben. In vergleichbaren Fällen habe die reine Bergung jedoch einige Tage bis zwei Wochen gedauert. In den französischen Alpen liegen die Wrackteile über mehrere Hundert Meter verteilt.

(ac)
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