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Zehn Jahre danach
Gedenken an den Amoklauf von Erfurt

Der Amoklauf von Erfurt
Der Amoklauf von Erfurt FOTO: AP
Erfurt. Am 26. April 2002 tötete der 19-jährige Robert Steinhäuser am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst. Die Bluttat hat Diskussionen über Schulpolitik, Waffenrecht und Polizeitaktik ausgelöst, die bis heute nicht abgeebbt sind. Von C. Schwerdtfeger und J. Stock

Um 10.58 Uhr peitscht der erste Schuss durch die Flure des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. Der Schütze macht anfangs gezielt Jagd auf Lehrer, schießt dann aber durch geschlossene Türen auch auf Schüler und schließlich aus dem Fenster auf eine Polizeistreife. Als die Schüsse Minuten später verstummen, liegen 71 Patronenhülsen auf dem Boden. Zwölf Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin, ein Polizist und der Täter sind tot. Er hat sich selbst umgebracht.

Vor zehn Jahren richtete der schwarz vermummte 19-jährige Robert Steinhäuser in der Schule ein Blutbad an, das die, die es überlebt haben, bis heute traumatisiert. "Oft wünsche ich mir, das alles wäre ein Alptraum aus meiner Kindheit", sagt eine 23 Jahre alte Studentin. Als 13-Jährige ist sie am 26. April 2002 gemeinsam mit anderen Kindern dem Todesschützen entkommen. Bis heute erlebt sie den Schreckenstag immer wieder: "Das ist dann purer Horror, auch wenn ich gelernt habe, damit umzugehen."

Dieser Tag habe sich ins Bewusstsein der Erfurter eingebrannt, sagt Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Erfurt hat sich nicht allein wegen der hohen Opferzahl ins Bewusstsein der Menschen auch außerhalb Thüringens eingegraben, sondern auch deshalb, weil es der erste derartige Amoklauf in Deutschland war. Andere Taten folgten: Am 20. November 2006 überfällt ein mit Gewehren und Rauchbomben bewaffneter 18-Jähriger im westfälischen Emsdetten seine frühere Schule, verletzt 37 Menschen und erschießt sich danach. Am 11. März 2009 schießt ein 17-Jähriger in der Albertville-Realschule in Winnenden um sich. Er tötet 15 Menschen und sich selbst, als die Polizei ihn in später die Enge drängt. Am 17. September 2009 stürmt ein mit Beilen, Messern und Molotowcocktails bewaffneter 18-Jähriger das Gymnasium Carolinum in Ansbach. Er verletzt zehn Menschen, ehe Kugeln der Polizei ihn niederstrecken.

Erniedrigungen als Auslöser

Wie bei Steinhäuser, der wegen einer Urkundenfälschung von der Schule verwiesen worden war, waren es auch in anderen Fällen als erniedrigend empfundene Erlebnisse, die die Täter zur Waffe haben greifen lassen. Das hat an vielen Schulen Diskussionen über die Art und Weise ausgelöst, wie Schüler und Lehrer miteinander umgehen.

Einige Debatten, die Erfurt ausgelöst hat, sind bis heute nicht verstummt: Forderungen nach mehr Schulsozialarbeitern oder von Korrekturen im Waffenrecht stehen auf der Tagesordnung. Thüringens Bildungsminister Christoph Matschie und ehemalige Elternvertreter wollen, dass Waffen von Sportschützen in sichere Depots bei den Schützenvereinen kommen.

Wilfried Albishausen, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, fordert ein generelles Verbot von großkalibrigen Waffen für Sportschützen. "Das sind Kriegswaffen, die nicht in die Hände von Privatleuten gehören", sagt er. Dennoch sei in den vergangenen Jahren die Zahl von Sportschützen gestiegen, die mit großkalibrigen Pistolen schießen. "In der Szene erfreuen sich diese Waffen einer zunehmenden Beliebtheit. Eine Entwicklung, die wir mit großer Sorge verfolgen", sagt Albishausen.

Waffengeetz und Einsatztaktik ändern sich

Nicht nur das Waffenrecht, sondern auch die Einsatztaktik der Polizei hat sich nach dem Erfurter Amoklauf geändert. Die Polizisten, die als erste am Einsatzort eintreffen, sollen nun nicht mehr in jedem Fall auf Spezialeinsatzkräfte warten, sondern bei Gefährdung von Menschenleben das Gebäude sofort stürmen und den Schützen möglichst schnell überwältigen. In NRW etwa werden die Polizisten dafür in jährlich stattfindenden Trainingsprogrammen geschult. Inzwischen verfügt die Polizei hierzulande über genaue Pläne von Schulgebäuden, um im Ernstfall schneller eingreifen zu können.

In Erfurt soll heute der Toten gedacht werden. Alle Glocken der Stadt läuten. Die Blicke werden sich wieder auf jene Tafel richten, die nach dem Amoklauf aufgestellt worden war: "Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt" steht auf der Tafel. Darunter folgen die Namen der 16 Opfer.

(RP/felt/csi)
 
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