| 13.30 Uhr

RTL-Drogentrip beim "Jenke-Experiment"
Ein Fernseh-Experiment mit fatalen Folgen

Drogen-Test beim Jenke-Experiment 2016: Es ging um Effekthascherei
Jenke von Wilmsdorff kann es besser. FOTO: RTL / Jürgen Schulzki
Meinung | Düsseldorf. Jenke von Wilmsdorff hat in seinem "Jenke-Experiment" vor laufender Kamera harte Drogen getestet, zum Beispiel LSD. Um Informationsgewinnung ging es dabei aber offenbar nicht. Stattdessen um Effekthascherei, um Quote, um Inszenierung. Die Argumente des Senders RTL sind dabei perfide. Von Michael Bröcker

Ein Experiment ist laut Wikipedia eine methodisch angelegte Untersuchung zur Gewinnung von empirischen Informationen. Wenn das stimmt, müsste RTL seine Selbsterfahrungs-Show dringend umbenennen. Denn um Informationsgewinnung ging es beim öffentlich zur Schau gestellten Drogenkonsum des RTL-Reporters Jenke von Wilmsdorff nicht. Es ging um Effekthascherei, um Quote, um Inszenierung.

Das Argument des Senders, man berichte möglichst authentisch über Drogenkonsum, um das Thema zu enttabuisieren, ist so perfide wie falsch. Überträgt RTL demnächst auch live, wie ein Mann seine Frau schlägt, um über Gewalt in der Ehe authentisch berichten zu können? Filmt RTL wie sich jemand den Finger abschneidet, damit man akkurat über Selbstverstümmelung berichten kann? Unter medizinischer Aufsicht, versteht sich. Es ist auch keine journalistische Leistung, Tabus zu brechen. Eine journalistische Herausforderung wäre es, Fernseh-Formate zu entwickeln, die auf die bei Jugendlichen so unterschätzten Gefahren von Drogen hinweisen, und trotzdem auf den pädagogischen Finger einer Ratgebersendung verzichten.

Speed, LSD und Ecstasy sind gefährliche Drogen. Speed macht blitzartig süchtig und fördert Depressionen. LSD verursacht Halluzinationen und kann lebensgefährlich werden, wenn die Konsumenten auf einem Trip Risiken nicht mehr abschätzen können. Der Ecstasy-Wirkstoff MDMA frisst bei Konsumenten Löcher ins Gehirn, wie Wissenschaftler schon vor vielen Jahren festgestellt haben. Konsumenten berichten, dass sie sich im Himmel wähnten, "aber die Hölle nicht weit war".

Kann ein öffentlicher Selbsttest solcher Drogen also wirklich gelingen, ohne dass man diese Substanzen verharmlost? Ich denke, nein. Wilmsdorff spricht in der Sendung von einem "Erlebnis, das jenseits ist von alldem, was ich mir in diesem Moment vorstellen konnte". Er spricht von "Glücksgefühlen" und einem "warmen Schleier", der sich über seinen Alltag gelegt hat. Ist das Warnung oder nicht doch fast ein Werbeblock?

Der Besitz der gezeigten Drogen ist strafbar, der gewerbsmäßige Handel ein Verbrechen. Dass Staatsanwaltschaften und Gerichte bei "geringen Mengen" und "Eigenverbrauch" bei praktisch jeder Droge ein Auge zudrücken können, mag RTL juristisch helfen, macht die Sache aber nicht besser. Wer den öffentlichen Drogenkonsum eines "Journalisten" als positive Aufklärungsarbeit bezeichnet, müsste ja auch behaupten, dass Gewaltprävention nur funktionieren kann, wenn man sich vorher öffentlich die Köpfe eingeschlagen hat. Absurd.

Fernsehen sollte aufklären, informieren und, natürlich, auch unterhalten. Aber ein inszenierter Tabubruch ist keine gute Unterhaltung. Jenke von Wilmsdorff kann es besser. Der mehrfach preisgekrönte Journalist war 2011 einer der ersten, der sich mit Flüchtlingen in ein Schlauchboot setzte und die Methoden afrikanischer Schlepper aufdeckte. Später übernahm er für eine Doku-Reihe die Rolle einer alleinerziehenden Mutter in einer Familie. Das war gut gemachtes und informatorisches Dokutainment. Der Mann sollte aber die Finger von Drogen lassen. Ist auch gesünder.

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