| 08.35 Uhr

Interview mit Micky Beisenherz
"Der Spaß hört auf, wo nicht gelacht wird"

Micky Beisenherz erkundet in "Das Lachen der Anderen" Grenzen des Humors
Der freundliche Blick von Micky Beisenherz täuscht. FOTO: Thomas Duffé
Düsseldorf. Witze über Wolfgang Schäuble im Rollstuhl und Multiple Sklerose? Kein Problem für Micky Beisenherz. Zusammen mit Oliver Polak erkundet er in der Sendung "Das Lachen der Anderen" die Grenzen des Humors – ein Gespräch. Von Sebastian Dalkowski

Bevor wir über die Grenzen des Humors sprechen – wo sind eigentlich die Grenzen deines Bizeps? Die wirken in der Sendung schon enorm.

Die Grenzen meines Bizeps liegen an den Grenzen der Medizin. Ich bin zu 100 Prozent drogenfrei. Da ich keine zwei Meter bin, muss ich aber gucken, dass sich das in der Optik nicht zu sehr staut.

Es ist schon am Rande des Erträglichen.

Jetzt wird es langsam diskriminierend. Ich würde sagen, ich habe es hier mit einem Bizeptophoben zu tun. Denn auch ich habe eine körperliche Auffälligkeit und möchte darauf nicht reduziert werden.

Ist das schon eine Behinderung?

Da sind wird schon beim Kern der Sache angekommen. Warum darf man sich darüber lustig machen, dass Reiner Calmund dick ist oder Ralf Moeller dicke Oberarme hat, aber nicht, dass Wolfgang Schäuble im Rollstuhl sitzt? Das ist eine körperliche Auffälligkeit. Wieso darf man nicht innerhalb eines Gags bemerken, dass Schäuble im Rollstuhl sitzt?

Sag du es mir.

Wenn ich sehe, wie Schäuble wochenlang mit der griechischen Regierung umgegangen ist, und dann anmerke, dass ich es bei einer Person wie ihm erstaunlich finde, dass er es schafft, die Griechen von oben herab zu behandeln – dann ist das ein Gag, hinter dem ich voll und ganz stehe. Die Grenze des Humors ist erst dann überschritten, wenn ich sage: Schäuble ist für mich weniger wert, weil er im Rollstuhl sitzt.

Vielleicht hat die Empfindlichkeit auch damit zu tun, dass Schäuble wegen eines Attentats im Rollstuhl sitzt. Während Calmund abnehmen könnte.

Vielleicht ist er ja auch krank. Ich kann nicht mehr ändern, dass Schäuble im Rollstuhl sitzt, weil er angeschossen wurde, aber es ist jetzt nun mal Teil seiner Persönlichkeit. Es ist eine körperliche Auffälligkeit, die man durchaus für Gags nutzen darf.

Für eine Folge Eurer Sendung habt Ihr MS-Patienten getroffen, um nachher Stand-Up über sie und vor ihnen zu machen. Erzähl doch mal einen schönen Witz über Multiple Sklerose.

Wir hatten zum Beispiel ein 16-jähriges Mädchen mit MS. Im Gespräch erzählte sie uns, dass sie zuletzt auf einem James-Blunt-Konzert war. Da haben wir gesagt: Dass MS ab und zu müde macht, war uns bewusst, aber dass es schmerzunempfindlich macht, war uns neu.

Hat sie gelacht?

Ja, und ihre Eltern auch. Die sind Fans der Toten Hosen, die hat es also noch schlimmer erwischt.

Ein MS-Patient kommt aus Oberhausen. Ist das nicht das schlimmere Schicksal?

Absolut. Da haben wir festgestellt: Falls es mit den krankheitsbedingten Sprachstörungen schlimmer werden sollte, bleibt das in Oberhausen über Jahrzehnte unbemerkt.

Musstet Ihr sehr um die Pointen ringen?

Nein, es fiel uns erstaunlich leicht. Das lag daran, dass wir uns mit den MS-Patienten sehr lange beschäftigt und mit ihnen gesprochen haben. Umso einfacher ist es, Pointen über die Leute zu schreiben.

In welche Richtung gehen die Gags?

Wir sind uns mit den Menschen einig, dass MS beschissen ist. Das muss man dann in der Sendung auch nicht mehr groß herausstellen. Im Gegensatz zu anderen Reportagen, wo die Hauptdarstellerin eine Betroffenheitsfresse auflegt, weil sie das Gefühl hat, dass der Zuschauer das erwartet. Dabei weiß das jeder. Wir haben aber meistens Leute getroffen, die ein sehr erfülltes Leben geführt haben. Die Gags sind meistens eine Kombination aus deren Interessen und der Krankheit.

Zum Beispiel?

Detlef aus Oberhausen sitzt seit 30 Jahren im Rollstuhl und kann nur noch seine Arme und seinen Kopf bewegen. In seinem Schlafzimmer hat er ein riesiges Jesuskreuz hängen. Also haben wir den Gag gemacht: Das hast du doch nur dorthin gehängt, weil du dir den Raum mit jemandem teilen wolltest, der sich noch weniger bewegen kann als du. Da hat er gelacht. Die anderen auch.

Ihr habt auch ein Ökodorf besucht. Kann man sich über diese Leute anders lustig machen als über MS-Patienten? Die Ökos haben sich ihr Schicksal schließlich selbst ausgesucht.

Ein bisschen schon. Über den Umstand Öko-Dorf und Öko-Lebensweise kann man sich leidenschaftlicher lustig machen. Die Gefahr, die ich gesehen habe, war allerdings, dass es viel schwieriger wird, weil das ja teilweise schon einen religiösen Charakter hat. Ich dachte, die Bereitschaft darüber zu lachen, sei geringer. Aber es ist ziemlich gut gelaufen.

Sie konnten also tatsächlich über sich selbst lachen?

Das konnten sie. Weil sie sich verstanden gefühlt haben. Das ist das allerallerwichtigste. Dann bist du viel eher bereit zu lachen.

Habt Ihr ihnen den Spiegel vorgehalten?

Ja. Wir waren drei Tage dort und haben denen dann gesagt, wie wir sie sehen. Sie haben momentan den Plan, Spendengelder zu generieren, um das Haus und den Garten kaufen zu können. Wir haben Ratschläge gegeben, was sie besser machen können, um mehr Leute zu erreichen. Diese Sendung hatte mehr therapeutischen Charakter. Dafür haben sie uns gedankt.

Wo konntet Ihr denen helfen?

Zum Beispiel haben sie einen Internetauftritt, mit dem sie Leute begeistern wollen, für sie zu spenden. Dann haben wir uns den Text mal durchgelesen. In jeder Zeile stand was in Richtung "Gebt uns", "Wir brauchen von euch", "Spendet hier" - dann haben wir gefragt, wo der Teil ist, in dem sie erklären, was die Spender davon haben. Der Deutsche will ja wissen, warum er spendet. Und wenn Alpha-Öko Micha ganz alleine mit seiner Gitarre in der Fußgängerzone steht, ist das etwas, das wir in unserem Stand-Up auch abbilden. Selbst wenn es für ihn schmerzhaft war. Aber dadurch haben sie gemerkt: Oh, so komme ich rüber? Das war gar nicht der Plan.

Hat also Humor ein höheres Ziel, als zum Lachen zu bringen?

Humor ist im besten Fall die schmerzhafte Abbildung von Wahrheit.

Muss Humor denn immer ein höheres Ziel haben?

Manchmal reicht es auch, wenn er nur zum Lachen bringt. Dass man irgendwo sitzt und sagt: Scheiße, hab ich gegeiert.

Darf Humor jemanden verletzen?

Schon. Zum Beispiel finde ich es wunderbar, alle Nazis zu verletzen, und so ziemlich jeden von der CSU. Wenn ich Typen wie Andreas Scheuer oder Markus Söder sehe – sorry, dann kann Humor gar nicht genug verletzen. Ich will ja auch, dass es ankommt. Deshalb habe ich auch einen Facebook-Post gegen Cindy aus Marzahn veröffentlicht. Weil jemand sehr viel Geld für totale Arbeitsverweigerung kassiert, und dafür sorgt, dass Humor im deutschen Fernsehen teilweise einen schlechten Ruf hat. Sie kann sich nicht mal die paar Minuten im Fernsehen zusammenreißen.

Darf man denn so jemanden wie Scheuer auch persönlich verletzen?

Mit Kraftausdrücken sollte man sich zurückhalten. Das ist ja auch uncool. Das wirkt unsouverän. Typen wie Scheuer kann man auch mit dem Florett verletzen. Es ist ja nicht so, dass er ein besonders intelligenter Mann ist, den man verbal nicht aufs Kreuz legen könnte.

Wie oft lachst du über Witze, über die man nicht lachen sollte?

Ich lache selten über Witze. Da bin ich froh über jeden Witz, über den ich lachen kann. Dann ist es mir egal, ob das schicklich war oder nicht.

Micky, wo hört der Spaß auf?

Der Spaß hört da auf, wo nicht gelacht wird.

Aber was ist, wenn ein Nazi über ausländerfeindliche Witze lacht?

Ein Nazi ist in der Regel intellektuell gar nicht in der Lage, so etwas wie Humor zu entwickeln. Wenn es nicht gegrölt wird, erreicht es ihn nicht. Für alles, was unterhalb der Tonlage eines Düsenjets ist, hat er gar kein Ohr. Einen antisemitischen Witz würde er gar nicht verstehen, weil er gar nicht weiß, was antisemitisch bedeutet.

Eure Sendung ist Teil der Verjüngungsoffensive des WDR. Laut Pressemitteilung hat Tom Buhrow extra Mittel aus dem "Verjüngungstopf" genommen. Du bist 38, Polak 39.

Verjüngung beim WDR heißt, dass sich Fritz Wepper unters Messer legt. Dass ich Teil der Verjüngungsoffensive des WDR bin, zeigt doch, dass das Leben eine wunderbare Schachtel Pralinen ist und man nie weiß, was einem plötzlich begegnet. Ich bin der Justin Bieber vom WDR.

Wo sind die Grenzen des Humor beim WDR?

Ich bin sehr erstaunt gewesen von der reibungslosen Zusammenarbeit mit den beiden WDR-Redakteuren. Das waren schmerzbereite Menschen. Ich würde es gerne anders sagen, kann es aber nicht.

Ihr hättet Euch ja noch an heiklere Gruppen wagen können, also zum Beispiel Juden, Schwule und Islamisten. Warum nicht die?

Bei Islamisten ist zum Beispiel die Frage: Wo ist da der Sinn? Wo kann man da ein Gespräch führen? Salafisten sind ideologisch ganz dicht beim Nazi, und mit einem Nazi brauchst du das Gespräch nicht suchen, weil der einfach so behämmert ist.

Man kann denen also nicht den Spiegel vorhalten?

Du musst es mit Gruppen zu tun haben, die intellektuelle Grundzüge aufweisen und Ironie verstehen. Also Kinder fangen damit als Achtjährige an.

Zu welchen Gruppen könntet Ihr noch gehen?

Ich fände Profifußballer, Polizisten und Adelige interessant. Oder CSU-Politiker. Stell dir vor, du begleitest drei Tage lang Markus Söder durch die Bierzelte. Ich habe letztens ein Foto von Söder bei einer Wahlkampfveranstaltung gesehen. Der hat das clever gelöst: Wenn man als Populist am Ende der Bierzeltpropaganda den Arm so zum Gruße heben will, dass es nicht justiziabel wird – einfach vorne nen Bierkrug dran hängen.

Sebastian Dalkowski führte das Gespräch.

 
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