| 06.14 Uhr

Flüchtlings-Talk bei Maybrit Illner
"Diese Politik ist unglaublich dämlich!"

TV-Kritik Maybrit Illner: Ralf Stegner und Jens Spahn im Duell
Die Runde diskutierte heftig über den sozialen Frieden. FOTO: Screenshot Maybrit Illner / Mediathek
Düsseldorf. "Was kostet uns der soziale Frieden?", fragte Maybrit Illner. Die einzige Einigkeit unter den Gästen war die Uneinigkeit. Ausgerechnet ein Koalitionsstreit sorgte für die härtesten Wortgefechte. Die Sendung im Schnellcheck. Von Jessica Balleer

Die Gäste

Jens Spahn (CDU), Staatssekretär im Bundesfinanzministerium
Ralf Stegner (SPD), stellvertr. SPD-Parteivorsitzender
Rita Knobel-Ulrich, Filmemacherin
Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena (NRW)
Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)
Mazour Sharifi, Flüchtling aus Afghanistan

Stegner tritt als "Gremlin" auf

Zwei Wochen vor den Wahlen in drei Bundesländern zeigte sich SPD-Vertreter Ralf Stegner besonders kritisch. Er trat im Talk als schlecht gelaunte Figur auf, die viele Twitter-Nutzer an den Kobold "Gremlin" erinnerte. Stegner pochte auf Koalitionsversprechen, die noch nicht umgesetzt wurden, und er redete eine Spaltung der Gesellschaft herbei: "Die Bürger fragen: ,Was ist eigentlich mit mir?‘" Stegner polemisierte und nannte drei "Möglichkeiten", mit dieser Spaltung umzugehen: "Wir können sie ignorieren, den Rechten das Feld überlassen oder handeln."

Spahn setzt den Lucky-Punch

Gegen die Negativität von Stegner wehrte sich Jens Spahn immer wieder. Mütterrente, BaföG-Erhöhung, Rentensteigerung, geringste Jugendarbeitslosigkeit: Spahn rückte die Erfolge in den Vordergrund. Er stellte unter dem Beifall des Publikums klar, dass es dem Land so gut gehe wie lange nicht. Und setzte früh den Lucky-Punch: "Sie stehen nicht zu ihren Erfolgen. Anstatt zu sagen, wir haben jede Menge erreicht, reden Sie es jetzt wieder schlecht. Und dann wundern Sie sich, dass Sie bei 20 Prozent stehen."

Knobel-Ulrich bringt es auf den Punkt

Eigentlich hatte Illner dann nach der Angst der Geringverdiener gefragt. Knobel-Ulrich aber, die bereits einen Dokumentarfilm über das "Wirrwarr der Integration" gedreht hat, machte ihrem Ärger über die Regierung Luft: "Diese Politik ist nicht nur ungeschickt, sondern unglaublich dämlich!" Sie forderte mehr Verstand und Inhalt in der Debatte.

NRW-Bürgermeister – Held des Talks

Hollstein bewies, dass die deutsche Solidarität auch in den Kommunen noch lebt. Im Oktober 2015 hatte die Stadt entschieden, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Warum? Bevölkerungsverluste und Wohnraum – vor allem aber, weil es die humanitäre Pflicht sei. "Dieses Land wird es nicht ertragen, wenn Menschen an den Zäunen Europas sterben. Das wäre nicht mein Europa, das ich meinen Kindern hinterlassen möchte."

Aufreger des Abends

Den Vorwurf, einen "Vorzeige-Flüchtling" eingeladen zu haben, musste sich Illner gestern nicht gefallen lassen. Manzour Sharifi, vor fünf Jahren als 17-Jähriger aus Afghanistan geflüchtet, stellte nach einem siebenmonatigen Praktikum in einem deutschen Betrieb den Antrag auf einen Ausbildungsplatz. Die Ausländerbehörde lehnte ab, obwohl Shairifs Chefin den Antrag unterstützte. Als Grund nannte die Behörde den Duldungsstatus des Flüchtlings. "Was ich nicht verstehe", sagte Sharifi, der auf fünf verlorene Jahre blickt, "warum man dann nach fünf Jahren abschieben will und nicht im ersten Jahr."

Die deutliche Sprache der Zahlen

Dax-Unternehmen träumen lieber von "neuen Wirtschaftswundern" und hoffen, die Rosinen picken zu können, die die Regierung bezahlt. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Zehn Millionen Fachkräfte werden fehlen, doch ein Viertel der Flüchtlinge hat gerade einmal einen Grundschulabschluss. Fuest sagte deutlich, man dürfe nicht zu viel von denen erwarten, die kommen. Knobel-Ulrich forderte Klarheit ein: "Bei der Erstaufnahme muss die berufliche Qualifikation erfragt werden, um besser einordnen zu können."

Die beste Frage

Nicht Moderatorin Illner stellte die eindrücklichste Frage. Jens Spahn appellierte mit seinen rhetorischen Worten direkt an das Gewissen des einzelnen Zuschauers: "Hat irgendjemand in diesem Saal einen Euro weniger zur Verfügung gehabt, seitdem die Flüchtlinge da sind?" Spahn gab zu, dass die anfängliche Überforderung eine Art Staatsversagen war. "Aber es ist etwas anderes zu sagen, weil wir anderen helfen, geht es den Bürgern schlechter." Eine Frage zum Nachdenken. Dass es keine Gewinner geben kann, wenn wir zulassen, dass Geringverdiener gegen Flüchtlinge ausgespielt werden, war das Fazit des Abends.

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