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Mussawi-Gattin begeistert die Massen
Bringt Frauenpower Ahmadinedschad zu Fall?

Der Iran wählt einen neuen Präsidenten
Der Iran wählt einen neuen Präsidenten FOTO: AFP
Täbris (RPO). Bei den Präsidentschaftswahlen im Iran rechnen Beobachter heute mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem konservativen Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad und Mir Hossein Mussawi. Der reformorientierte Herausforderer hat im Kampf um die Macht eine Trumpfkarte im Ärmel: Ehefrau Sahra Rahnaward. Die liberale 64-Jährige begeistert speziell junge Frauen.

Mit ihren Forderungen nach mehr Rechten für Frauen und umfassenden Reformen fördert sie das Image ihres Mannes, dessen große Chance gekommen scheint, den Hardliner Mahmud Ahmadinedschad abzulösen.

"Wir lieben dich, Rahnaward!" ruft die Menge bei nahezu allen politischen Auftritten der beiden. Ein gemeinsam auf der Bühne stehendes Politikerpaar ist im Westen ein vertrauter Anblick in Wahlkämpfen. Im traditionellen Iran aber betritt Rahnaward Neuland. Mit ihrer scharfen Rhetorik ist die 64-Jährige zu einer eigenen politischen Größe geworden.

Rahnaward verkörpert eine seltene Mischung politischer Kulturen. Einerseits steht sie für den Ruf der liberalen Kräfte, endlich mehr Reformen umzusetzen. Andererseits vertritt sie glaubwürdig die Islamische Revolution, was ihr auch bei Hardlinern Respekt abnötigt. In den 70er Jahren gehörte die Politologin der Bewegung des Philosophen Ali Schariati an, der zu den geistigen Vätern des Umsturzes gehörte. In den Jahren nach der Vertreibung des Schahs war Rahnaward in Teheran besser bekannt als ihr Mann.

Selbst in ihrer äußeren Erscheinung erweist sie beiden Richtungen ihre Referenz: Sie trägt den schwarzen Tschador, darunter ist aber ein geblümtes Tuch zu erkennen. Dazu trägt sie eine traditionell gewebte Handtasche. Männer und Frauen seien wie zwei Flügel, sagte sie bei einer Kundgebung in Täbris: "Ein Vogel kann nicht mit einem Flügel fliegen - und auch nicht, wenn ein Flügel gebrochen ist." Die Zuhörer - überwiegend Studenten - klatschen begeistert.

"Rahnaward erneuert die Hoffnung"

Die Stimmen der jungen Generation dürften für Mussawi entscheidend sein. Studenten waren ausschlaggebend für den Erfolg des Reformers Mohammad Chatami, dem Präsidenten von 1997 bis 2005. Die unter 30-Jährigen machen ein Drittel der rund 46 Millionen Stimmberechtigten aus. Doch bei der letzten Präsidentenwahl 2005 blieben sie zumeist den Urnen fern, nachdem der Wächterrat viele Reformkandidaten abgelehnt hatte. Dadurch kam es zum Duell der Konservativen, das Ahmadinedschad für sich entschied.

Der 67-jährige Mussawi muss also Wähler mobilisieren, die ihn nicht mehr als Ministerpräsident der 80er Jahre kennengelernt haben. Und dabei spielt seine Frau eine wichtige Rolle. "Rahnaward erneuert die Hoffnung, dass Frauen mehr soziale Rechte bekommen", sagt die Jungwählerin Sima Honarwar. "Die Rechte und Freiheiten von Frauen sind in der vierjährigen Regierungszeit von Ahmadinedschad beschnitten worden."

Frau im Rampenlicht - ein Novum

Noch nie hat eine Frau im heutigen Iran derart im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden. Zwar gewann die Menschenrechtsanwältin Schirin Ebadi 2003 den Friedensnobelpreis, und in der Regierung Chatami wirkte Massumeh Ebtekar als Vizepräsidentin. Aber Rahnaward ist die erste Ehefrau eines Politikers, die in einem Wahlkampf hervortritt und auch bei einer Amtsübernahme ihres Mannes präsent bleiben will. Von Ahmadinedschads Frau hingegen ist kaum etwas bekannt, in der Öffentlichkeit ist sie nur sehr selten zu sehen.

Rahnaward tritt bei fast jeder Wahlkampfveranstaltung vor ihrem Mann auf die Bühne. Dabei stellt sie etwa die Frage, warum Studenten eingesperrt werden, wenn sie ihre Meinung offen zum Ausdruck bringen. "Sollten unsere Universitäten nicht unabhängig sein? Aber das sind sie nicht." Die Menge reagiert mit Sprechchören und fordert die Freilassung aller politischen Gefangenen.

Guter Draht zu Studenten

Rahnaward hat wohl schon deshalb einen guten Draht zu Studenten, weil sie selbst lange Zeit an Hochschulen unterrichtete. 2006 wurde sie allerdings auf Betreiben der Konservativen als Dekanin der Al-Sahra-Universität in Teheran entlassen. Ahmadinedschad warf der resoluten Reformerin unlängst vor, sie habe ihren Doktortitel in Politikwissenschaften ohne die notwendigen Qualifikationen erlangt. Ihre Hochschule wies dies entrüstet zurück, und sie selbst kündigte eine Verleumdungsklage gegen den Präsidenten an.

Rahnaward stellt auch immer wieder die Frage, warum der Wächterrat noch nie einer Frau die Kandidatur zur Präsidentschaft erlaubt hat: "Das muss sich ändern! Für die Frauen im Iran ist es das Wichtigste, dass sie die Diskriminierung überwinden und die Gleichberechtigung mit Männern fordern."

Nur vier Bewerber zugelassen

Nur vier von ursprünglich 475 Bewerbern wurden vom sogenannten Wächterrat für den Wahlgang zugelassen. Neben Ahmadinedschad und Mussawi stellen sich der Religionsgelehrte und frühere Parlamentspräsident Mehdi Karubi sowie der einstige Chef der Revolutionsgarden, Mohsen Resai, zur Wahl. Beiden wird allerdings keine große Chance auf einen Sieg eingeräumt. Sollte keiner der Kandidaten mehr als die Hälfte der Stimmen erhalten, ist für kommenden Freitag eine Stichwahl angesetzt.

Die Wahllokale im Iran sind seit 8 Uhr Ortszeit (5.30 Uhr MESZ) geöffnet und sollen gegen Mitternacht schließen. Wahlberechtigt sind etwa 46 Millionen Iraner.

Der drei Wochen währende, ungewöhnlich harte Wahlkampf mit Massenkundgebungen und Fernsehdebatten war am Donnerstag zu Ende gegangen. Nach Ansicht von Experten gibt es keinen klaren Favoriten.

Beobachter wollen nicht ausschließen, dass sich das Szenario der Wahl 2005 wiederholen könnte, als der weitgehend unbekannte Ahmadinedschad in der zweiten Runde das politische Schwergewicht Akbar Haschemi Rafsandschani besiegte. Eine Niederlage Ahmadinedschads wäre die erste eines amtierenden iranischen Präsidenten nach nur einer Amtszeit.

"Taktiken wie Hitler"

Eine Wahlkampagne wie in diesem Jahr werde es im Iran nicht wieder geben, sagte ein ausländischer Diplomat. Insbesondere die Fernsehdebatten zwischen den Kandidaten hätten nicht das erforderliche Maß an "Reife" erkennen lassen.

 Die Präsidentschaftskandidaten warfen sich gegenseitig Lügen und Bestechlichkeit vor. Zeitweise entwickelte sich eine regelrechte Schlammschlacht, in deren Verlauf etwa Ahmadinedschad seinen Widersachern vorwarf, "Taktiken wie Hitler" einzusetzen.

(AP)
 
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