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Mord und Folter
Dinslakener IS-Kämpfer Nils D. packt aus

Islamischer Staat: Nils D. aus Dinslaken packt aus
Propaganda im Namen Allahs: Kämpfer des Islamischen Staats posieren für ein Video. FOTO: dpa
Berlin/Dinslaken. Der festgenommene Islamist Nils D. war Teil einer Sondereinheit der Terrormiliz in Syrien und im Irak. Jetzt kooperiert er mit den deutschen Ermittlungsbehörden und gewährt Einblick in die IS-Praktiken aus Mord, Folter und Unterdrückung. Von Jan Drebes, Gregor Mayntz und Jörg Werner

In Syrien nannte er sich Abu Ibrahim und war ein Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In der Stadt Manbidsch, in der Nähe von Aleppo, sah der 25-jährige Deutsche Hinrichtungen auf Marktplätzen, bei denen den Opfern die Köpfe abgeschnitten wurden. Er sah Erschießungen und die Kreuzigung eines früheren IS-Soldaten, der an einem Checkpoint Reisende bestohlen haben soll. Drei Tage habe man den Mann aufgehängt. In einem Gefängnis sah er 20 Gefangene, die mit ihren Armen auf dem Rücken an einer Stange in die Luft gezogen worden waren. Als Abu Ibrahim fand er das richtig.

Islamist aus Dinslaken festgenommen FOTO: dpa, rs pzi

In Deutschland heißt der Islamist mit Vornamen Nils, sein Nachname beginnt mit einem D. Am 10. Januar 2015 wird er in Dinslaken von einem Spezialeinsatzkommando festgenommen, drei Tage nach dem tödlichen Attentat auf Mitarbeiter des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo" in Paris. Jetzt arbeitet er mit den deutschen Behörden zusammen und ist der Erste, der ihnen in einem solchen Umfang Einblick in das Unterdrückungssystem des IS bietet - und mehr noch: Er ist der wichtigste Zeuge in Verfahren gegen andere heimgekehrte "Gotteskrieger" aus den mittlerweile beachtlichen Herrschaftsgebieten der Miliz in Syrien und dem Irak.

Bereits im Frühjahr hatte Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen Hinweise bestätigt, wonach Deutsche "an Folterungen mitgewirkt" hätten. Dahinter steckt möglicherweise eine panische Furcht vor Spionen in den eigenen Reihen. Wer seinen Pass oder sein Handy behalten wolle, stehe direkt unter Verdacht, hieß es in Berichten geflüchteter Dschihadisten. Von unbeschreiblichen Grausamkeiten war die Rede, und selbst kleine Unregelmäßigkeiten würden mit Hinrichtungen bestraft, um ein Exempel zu statuieren und die eigenen Kämpfer einzuschüchtern. Schon bei geringen Anzeichen, dass von der Realität ernüchterte Dschihadisten heimzukehren versuchen, würden diese erschossen, hieß es vom Verfassungsschutz.

Hintergrund: Islamisten-Netzwerke in Deutschland

Nils D. wurde von deutschen Ermittlern nach seiner Rückkehr aus Syrien beobachtet, sie verwanzten sein Auto. Bei einem Gespräch mit einem Glaubensbruder in dem Wagen hatte Nils D. schließlich bereitwillig Auskunft über seine Tätigkeiten für die IS-Miliz gegeben. Wie "Süddeutsche Zeitung", WDR und NDR unter Berufung auf Unterlagen der Bundesanwaltschaft berichten, soll sich Nils D. damit gebrüstet haben, Teil einer Sondereinheit der Terroristen gewesen zu sein. Offiziell laute die Bezeichnung der Gruppe bei deutschen Fahndern "Abteilung Innere Sicherheit", sie wird aber auch die "Gestapo des IS" genannt. So soll Nils D. als Teil einer Art Geheimpolizei in Manbidsch bei Verhaftungen dabeigewesen sein. Er habe als Mitglied der Einheit (sie selbst nannten sich "Sturmtrupp") mitbekommen, wie andere deutsche Islamisten Verdächtige aus ihren Häusern geholt hätten. Einmal habe er einen offenbar zu Tode gefolterten Häftling aus dem Krankenhaus holen und verbuddeln müssen, soll Nils D. ausgesagt haben. Ansonsten sei er mit einem Gefangenentrupp im Gefängnis für das Putzen der Zellen zuständig gewesen, er habe auch gekocht, gab Nils D. zu Protokoll.

Im Oktober 2013 reiste er nach Syrien, zum IS kam Nils D. offenbar über seinen Cousin Philip Bergner, einen führenden Kopf der Islamisten-Szene im Dinslakener Stadtteil Lohberg. Der frühere Pizzabote Bergner wurde später als ein Folterer in IS-Gefängnissen identifiziert. Er empfahl Nils D. offenbar für die Sondereinheit. Nahe Mossul im Irak soll Bergner schließlich ein Attentat begangen haben, bei dem 20 Menschen starben.

In diesen Ländern gibt es gefährliche IS-Ableger

Im Januar soll der Prozess gegen Nils D. vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnen. Aus Deutschland wolle er nach eigenen Angaben so schnell nicht wieder weg, hieß es.

Quelle: RP
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