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Mord an britischer Abgeordneter
Jo Cox – engagiert, pro-europäisch, Hoffnungsträgerin

Politikerin: Reaktionen auf den Tod von Jo Cox
Politikerin: Reaktionen auf den Tod von Jo Cox
Entsetzen und Ratlosigkeit herrscht in Großbritannien nach dem Mord an Jo Cox. Insbesondere bei ihrer Partei, bei Labour. Denn die 41-Jährige galt als kommender Star der britischen Sozialdemokraten – und als leidenschaftliche Verfechterin der EU.

"Wir haben einen Star verloren", teilte David Cameron nach der Nachricht vom Tod der Abgeordneten mit. "Sie war ein Star für ihren Wahlkreis, sie war ein Star im Parlament, und sie war ein Star im gesamten Abgeordnetenhaus." BBC-Politikchefin Laura Kuenssberg sagte: "Wenn man sie traf, hat das einem den Tag besser gemacht." Und Innenministerin Theresa May erklärte: "Wir sind vereint in unserer tiefen Trauer über den Verlust einer unserer strahlendsten und beliebtesten Kolleginnen in Westminster."

Es sind Worte, die zeigen, wie groß die Trauer um die Labour-Politikerin ist, die auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen wurde. Sie galt als eine junge Politikerin, die sich in ihrer kurzen Karriere als Anwärterin für höhere Aufgaben empfohlen hatte. Jo Cox hatte sich mit viel Energie für die gute Sache engagiert: für den Kampf gegen Hunger und Elend, für Frauenrechte, für den Schutz von Flüchtlingen, für Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Und als überzeugte Europäerin engagierte sie sich leidenschaftlich für den Verbleib Großbritanniens in der EU.

Jo Cox - Labour-Abgeordnete mit wohltätiger Ader FOTO: ap

"Jo hat an eine bessere Welt geglaubt", schrieb ihr Mann Brendan, nachdem die Parlamentarierin an den Folgen eines Messerattentats auf offener Straße gestorben war. "Dafür hat sie an jedem Tag ihres Lebens mit einer Energie und einer Lebenslust gekämpft, die die meisten Menschen bis zur Erschöpfung treiben würden." 

Cox stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater arbeitete in einer Fabrik für Zahnpasta, ihre Mutter war Sekretärin an einer Schule. Die Familie lebte in Batley, einer alten Textilstadt in Nordengland. Die Stadt ist multikulturell, viele muslimische Einwanderer aus Südasien sind dort heimisch geworden. Cox schaffte nach der Schule den Sprung an die Eliteuniversität Cambridge, wo sie ihr Interesse an der Politik entdeckte. Der "Yorkshire Post" sagte sie einmal, sie habe es dort nicht leicht gehabt und gemerkt, dass es sehr wohl darauf ankomme, wo man geboren sei.

Jo Cox: Britische Abgeordnete in Nordengland erschossen FOTO: afp

Gleich nach dem Studium setzte sie das Interesse in praktisches Engagement um: Sie arbeitete für die proeuropäische Kampagnengruppe Britain in Europe und war zwei Jahre im Büro einer britischen Europaabgeordneten in Brüssel und Straßburg beschäftigt. Danach ging sie für gut ein Jahrzehnt zur internationalen Hilfsorganisation Oxfam nach New York, wo sie die Kampagnenabteilung leitete. Sie reiste in viele Konflikt- und Elendsregionen der Erde. Zudem war sie vier Jahre Vorsitzende einer Frauenorganisation in der britischen Labour-Partei, wo sie eng mit der Frau des damaligen Premierministers Gordon Brown zusammenarbeitete. "Sie ist an einige der gefährlichsten Orte der Welt gereist", erklärte der Ex-Premierminister. "Der letzte Ort, an dem sie in Gefahr hätte sein sollen, war ihre Heimatstadt." 

Erst im vergangenen Jahr zog Cox als Abgeordnete ins britische Unterhaus ein. In ihrer ersten Rede im Plenum verwies sie mit Stolz auf die ethnische Vielfalt in ihrem Wahlkreis. "Unsere Gemeinden sind tief geprägt von Einwanderern – seien es irische Katholiken oder Muslime aus Gujarat in Indien oder aus Pakistan", sagte sie. "Wir zelebrieren unsere Diversität – und doch überrascht es mich immer wieder, dass es bei uns viel mehr Einendes und Gemeinsames gibt als Dinge, die uns trennen." Im Unterhaus gründete sie eine Parlamentariergruppe für Syrien, macht sich im Parlament für ein Ende des Krieges dort und für ein stärkeres militärisches Engagement Großbritanniens im Kampf gegen die Terrormiliz IS stark. 

Von diesen Menschen nahmen wir 2016 Abschied FOTO: dpa, kne pzi tig sja

Die Lebensumstände der Abgeordneten waren recht unkonventionell. Ihr Zuhause war ein Hausboot auf der Themse, dort wohnte sie mit ihrem Mann Brendan und den beiden Kindern Lejla und Cuillin. Die leidenschaftliche Bergsteigerin und Radfahrerin lebte aber auch in ihrem Wahlkreis Batley an Spen im Norden Englands.

In der Erklärung zum Tod seiner Frau schrieb Brendan Cox: "Es wäre ihr Wunsch gewesen, dass nun zwei Dinge geschehen: Dass unseren wertvollen Kindern viel Liebe zuteil wird, und dass wir uns gemeinsam gegen jenen Hass stellen, der sie jetzt getötet hat."

(das/AFP/dpa)
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