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Krisenregion
Schlimme Aussichten für den Irak

Schlimme Aussichten für den Irak
Irakische Familien auf der Flucht. FOTO: afp
Meinung | Berlin. Die Schreckensbilder von den grausamen Kämpfen und Bombardierungen in Syrien im Kontrast zu dem erfolgreichen Vorrücken der irakischen Armee gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Nachbarland Irak vermittelt ein trügerisches Bild. Auch der Irak ist noch lange nicht stabilisiert. Von Gregor Mayntz

Bei ihrem Kurztrip in die nordirakischen Kurdengebiete sagte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den Gastgebern zu, dass die derzeit 133 Bundeswehrsoldaten die Kämpfer der Peschmerga nicht mehr nur in Erbil ausbilden, sondern mit ihnen näher an die Front zu den IS-Gebieten rücken. Bis auf 20 Kilometer und damit außerhalb der Erreichbarkeit durch Mörserbeschuss. Das klingt nach einer abgesicherten Vorgehensweise. Aber es erinnert auch an die Entwicklung in Afghanistan: So lange die internationale Truppe im Zentrum des Landes war, schien die Sache im Wesentlichen im Griff zu sein. Doch je mehr Gebiete sie den Taliban entriss, desto heftiger wurden Anschläge und Gefechte.

Auch die IS-Kämpfer werden die besetzten Landstriche nicht kampf- und widerstandslos aus der Hand geben. Auch sie werden auf jeden Kilometer Geländeverlust umso intensivere Hinterhalte und Überfälle in den vom IS "gesäuberten" Regionen inszenieren. Der Verdacht, dass der IS einen Stützpunkt mit chemischen Kampfstoffen beschossen haben könnte, in dem sich Hunderte amerikanische und irakische Soldaten gerade auf die Eroberung der Millionenstadt Mossul einstellen, vermittelt eine Vorstellung von der Bedrohungslage.

Der Angriff auf Mossul wird seit Monaten vorbereitet und nun für den Jahreswechsel oder das nächste Frühjahr erwartet. Die Zeit nutzt der IS, um die Metropole in vermintes Terrain zu verwandeln und die Einnahme so blutig und verlustreich wie eben möglich für die irakischen und kurdischen Kämpfer zu machen. Mossul ist so etwas wie die Hauptstadt des IS, hier hat er sein "Kalifat" ausgerufen. Die Rückeroberung zum Scheitern zu bringen, wäre ein nicht minder großes Symbol für den islamistischen Terror wie einst der Siegeszug über Irak und Syrien hinweg. Es drohen erneut grausame Bilder. Es wird mit bis zu einer Million Flüchtlinge gerechnet, wenn die Kämpfe entbrennen.

Aber auch die latente Einschätzung, dass nun die "guten" Regierungstruppen aus Bagdad und Erbil die armen Einwohner von den "bösen" IS-Kämpfern befreien, greift viel zu kurz. Der IS hatte auch deshalb leichtes Spiel, weil sich die in Mossul lebenden Sunniten von der mehrheitlich schiitisch geprägten Zentralregierung unterdrückt fühlten. Je nach Verlauf der Kämpfe droht eine neue Eskalation von Hass und Gewalt zwischen den Religionsgruppen.

Hinzu kommt, dass die Regierung selbst jederzeit scheitern kann. Die Posten des Innen- und des Verteidigungsministers sind unbesetzt, seit das Parlament deren Abwahl beschloss – und das mitten im Krieg mit dem IS. Nun hat den Finanzminister dasselbe Schicksal ereilt – und das in einer Situation, in der die Finanzen des Landes angesichts von Milliardenverlusten durch sinkende Ölpreise und Milliardenkosten durch den Krieg vor dem Ruin stehen. Alles andere als Entspannung bedeutet zur gleichen Zeit der offene Machtkampf zwischen Premier Haidar al-Abadi und seinem Vorgänger Nuri al-Maliki.

Dabei bräuchte das Land dringend Investitionen und Aufbauhilfe aus dem Westen. Doch schon an den äußeren Bedingungen für sichere Verhandlungen zur Konkretisierung solcher Kontrakte fehlt es oft. Das Auswärtige Amt hat nicht nur dringende Ausreiseempfehlungen für sechs Provinzen des Iraks ausgesprochen, sondern auch den Großraum der Hauptstadt Bagdad einbezogen. Einzelne Abschnitte der Hauptstadt würden zwar besonders gesichert, es bestehe jedoch auch dafür ein hohes Risiko von Anschlägen und Entführungen.

Das ist alles andere als einladend. Vielmehr ist zu befürchten, dass der Irak seine aktuell schlimmste Zeit noch vor sich hat.

(may)
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