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Analyse
Das Schweigen der Denker

Analyse: Das Schweigen der Denker
Laut und streitbar (von links): Heinrich Böll, Günter Grass und der damalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) am 21. November 1970 während des 1. Kongresses des Verbandes Deutscher Schriftsteller. FOTO: dpa
Essay Zur Bundestagswahl melden sich Intellektuelle kaum zu Wort. Das war in den aufgeregten 60er Jahren anders. Viele scheinen mit den aktuellen Verhältnissen ganz zufrieden zu sein. Von Lothar Schröder

Wolf Biermann ist das, was man ein Schreckgespenst für wahlkämpfende Politiker nennen könnte. So zieht er mit der frohen Botschaft durch die Lande, mit "großer Regelmäßigkeit immer andere Parteien gewählt zu haben". Für viele Parteisoldaten ist so ein Eigenbrötler der Horror schlechthin: Wählt einfach, was ihm passt oder gerade in den Sinn kommt!

"Seid wählerisch" ruft der 80-jährige Liedermacher beherzt durchs Land mit einer der ungewöhnlichsten Tourneen überhaupt: Wolf Biermann ist auf großer Wahlkampfreise, nur fürs Wählen. Und damit er nicht nur seine gleichfalls in die Jahre gekommenen Fans erreicht - die aus Altersweisheit ohnehin zur Urne schreiten würden oder am Sonntag nichts anderes vorhaben - diskutiert er vor jedem Konzert immer mit Schülern. Über den Sinn der Wahlen. Und darüber, wie toll Demokratie ist. "Selbst die unvollkommenste Demokratie ist immer noch viel besser als die allerbeste Diktatur", sagt Biermann dann meist. Erst den Schülern und abends im Konzert. Sicher ist sicher.

Wolf Biermann steht mit einem solchen Engagement ziemlich alleine da. Schriftsteller und Intellektuelle haben sich aus dem Wahlkampf weitgehend zurückgezogen. Ein Tiefpunkt dieser Entwicklung war das Bekenntnis des deutschen Star-Soziologen Harald Welzer und dessen Wahlverweigerung vor vier Jahren. Natürlich steckte mehr als nur eine öffentlichkeitswirksame Bockigkeit dahinter. So sieht Welzer im Akt des Boykotts auch eine Aufkündigung des Einverständnisses der parteipolitischen Verhältnisse: Alle hätten austauschbare Positionen, keine davon stünde für eine zukunftsfähige Politik. Das lässt sich leicht und oft sagen. Intellektuelle Luxusprobleme. Dabei gab es deutsche Zeiten, in denen sich Autoren hörbar zu Wort meldeten. Günter Grass war es, der ab Mitte der 1960er Jahre trommelnd den Zug der Autoren mit Martin Walser und Heinrich Böll für seine "Es-Pe-De" anführte, insbesondere für sein Idol, den späteren Kanzler Willy Brandt. Die sozialdemokratische Wählerinitiative um Günter Grass für die "gute alte tante spd" gilt als Ausnahme und war nach den Worten des Politikwissenschaftlers Ulrich von Alemann vor allem der Um- und Aufbruchsstimmung dieser Zeit geschuldet: "Die Wortmeldungen der Autoren waren schon wichtig; sie gehörten zum politischen Gesamtbild." Hinzu kam eine starke Polarisierung. Autoren fühlten sich herausgefordert, wenn sie "Pinscher" (CDU-Bundeskanzler Ludwig Erhard) genannt wurden oder "Ratten und Schmeißfliegen" (CSU-Chef Franz Josef Strauß).

Eine ähnliche Schützenhilfe der Künstler gab es danach nicht mehr. Es bleib bei einzelnen, mitunter anekdotisch wirkenden Sympathiebekundungen - Joseph Beuys schlug sich auf die Seite der Grünen, während Udo Lindenberg Seit' an Seit' mit Gerhard Schröder marschierte.

Es blieben Randnotizen der jeweiligen Wahlkämpfe. Zumal die tiefen Gräben zwischen Geist und Macht seit den aufgeregten 1960er Jahren in dieser Schärfe nicht mehr existierten; das Verhältnis auf beiden Seiten ist heute nüchterner geworden. Das liegt auch am politischen Personal. Überwiegend sitzen, so von Alemann, im Bund und in den Ländern pragmatische Typen an den Schalthebeln der Macht, keine visionären. Das scheinen die Wähler zu schätzen und im Wahlkampf hören zu wollen. Ein Autor könnte da eher störend, vor allem nicht allzu glaubwürdig wirken. Ganz so leicht sollte man es den Dichtern und Denkern hierzulande aber nicht machen. Weil es in Deutschland durchaus eine Tradition unter den Schriftstellern gibt, das Politische im Allgemeinen und das Tagespolitische im Besonderen für ein bisschen unter der eigenen Würde zu halten. Das Geschmacksurteil des deutschen Olympiers scheint seinen Schatten bis in die Gegenwart zu werfen: "Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied!", heißt es in Goethes "Faust". Unmissverständlicher kann Politikverachtung kaum sein.

Zu einem "garstig Lied" wollte der Autor Joachim Helfer zu dieser Wahl nicht animieren, wohl aber um einen zaghaften Fingerzeig bitten: "Wenn ich mir etwas wünschen dürfte" lautet die Ausgangsfrage zu seinem im Steidl-Verlag erschienenen Buch zur Bundestagswahl 2017. An dem beteiligten sich dann fast 40 Autoren. Hauptsächlich sogenannte weiche Themen erklingen in diesem Wunschkonzert - also all das, wozu im Duell der Kandidaten keine Zeit mehr blieb: soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung von Mann und Frau, Klima- und Tierschutz. Ein solches Engagement mag nun selten sein, aber in gewisser Weise ist es auch risikolos. Autoren schreiben nuanciert über ihr jeweiliges Lieblingsthema - passieren kann da nichts. Bewirken dürften die 236 Seiten auch nicht allzu viel. Die Zurückhaltung der Intellektuellen im Wahlkampf könnte, so Helfer, auch einen einfachen, fast banalen Grund haben: "dass man sich nicht eingestehen will, dass man mit den Verhältnissen im Grunde recht zufrieden ist".

Und in der Kölner Philharmonie singt und spielt sich der 80-jährige Wolf Biermann für die Demokratie die Seele aus dem Leib. Der von der DDR-Diktatur erzählt, von den inszenierten Schein-Wahlen, von seinem Berufsverbot, seiner Ausbürgerung nach seinem legendären Köln-Konzert vor über 40 Jahren. Durch ihn ist deutsche Geschichte hindurchgegangen. Und dass jetzt in der gleichen Stadt der feine Konzertsaal gleich neben dem Dom bestenfalls halb gefüllt ist, macht ihm auch nicht viel. Die Tour seiner Kampagne geht noch ein bisschen weiter, nach Magdeburg und Berlin zum Abschluss.

Vor dem Konzert hat ein Schüler Biermann gefragt, was man denn mache, wenn die meisten Menschen AfD wählen würden? Das müssen wir dann wohl ertragen, antwortete Wolf Biermann.

Quelle: RP
 
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