| 07.09 Uhr

Brasilia
Ein Mann des Establishments

Brasilia. Michel Temer wird in Brasilien aller Voraussicht nach Präsidentin Dilma Rousseff beerben. Ein Liebling des Volkes ist er nicht. Von Tobias Käufer

Und plötzlich im Rampenlicht. Michel Temer soll Brasilien aus der Krise führen. So ist es der Plan der Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens (PMDB). Das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff ist gestern in die entscheidende Phase gegangen. Der Senat nahm am Nachmittag seine Debatte darüber auf, ob das formale Verfahren zur Suspendierung Rousseffs eingeleitet wird. Es wurde erwartet, dass bei der anschließenden Abstimmung in der Nacht zu heute unter den 81 Senatoren weit mehr als die notwendigen 41 Stimmen gegen die Präsidentin zusammenkommen würden. Dann würde die erste Frau im höchsten Staatsamt für zunächst maximal 180 Tage abgesetzt. Vizepräsident Michel Temer würde ihr Amt übernehmen. Er plant, in diesem Fall sofort eine neue Regierung ohne Rousseffs Arbeiterpartei PT zu bilden, und zimmert bereits ein neues Kabinett.

Nie machte Temer einen Hehl daraus, dass er sich zu Höherem berufen fühlte, als "nur" die Nummer zwei zu sein, hinter Staatspräsidentin Rousseff. Die linke Arbeiterpartei PT brauchte die PMDB zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele. Dabei sind die beiden politischen Gruppierungen eigentlich relativ weit auseinander. Während sich der PT als klassischer Vertreter der Sozialschwachen versteht, ist das ideologische Profil des wirtschaftsnahen PMDB deutlich weniger erkennbar. Zuletzt stand er stets an der Seite der Mächtigen.

Aufgrund einer schweren Wirtschaftskrise und spektakulärer Korruptionsermittlungen steht die Mitte-Links-Regierung von Rousseff seit Monaten unter Druck. Der Präsidentin werden Regelverstöße beim Umgang mit Staatsgeldern und Buchhaltungstricks im Staatshaushalt vorgeworfen.

Rousseff und Temer waren schon seit Längerem zerstritten. Die Präsidentin betrachtete Temer als notwendiges Übel, als Mehrheitsbeschaffer. Eine wirkliche Zusammenarbeit, eine Sympathie gab es nie. Temer schrieb vor Ausbruch der Krise die inzwischen legendären Worte: "Es gibt ein absolutes Misstrauen von Ihnen und Ihrer Umgebung in Bezug auf mich und den PMDB." Der Vizepräsident nannte sich selbst einen Dekorations-Vize, weil er kaum Einfluss auf die beratungsresistente Rousseff habe. Inzwischen fühlen sich beide bestätigt: Rousseff nennt Temer nur noch einen Verräter, Temer hält von Rousseff auch nicht allzu viel. Zerrüttete Verhältnisse nennen Familienrichter so etwas.

Trotz seiner Zeit als Vize-Präsident ist Temer für die meisten Brasilianer ein unbeschriebenes Blatt. Seine libanesische Familie wanderte 1925 nach Brasilien aus, er studierte an der Päpstlichen Katholischen Universität in São Paulo. Das ist im Land der immer mächtiger werdenden evangelikalen Kirchen nicht unwichtig. Die religiöse Zugehörigkeit kann in der tief gläubigen brasilianischen Gesellschaft über Akzeptanz und Zustimmung entscheiden. Temer ist Verfassungsjurist. Er hat zahlreiche Bücher über die Auslegung der brasilianischen Verfassung geschrieben. Deswegen gilt er als einer der wichtigsten Strippenzieher hinter den Kulissen im Machtkampf zwischen den Institutionen und Rousseff. Inmitten der Krise "unterlief" Temer ein Fehler. Er spielte den Medien eine Art Antrittsrede als Präsident zu. Versehentlich sei das passiert, beteuerte er.

Doch der Spott in den sozialen Netzwerken war da schon groß. Stimmen die Umfragewerte, dann würden gerade mal knapp fünf Prozent der Brasilianer Temer zum Präsidenten wählen. Damit hat er ein Legitimationsproblem, zumal das Amtsenthebungsverfahren im Land ohnehin umstritten ist. Zwar will eine Mehrheit der Menschen die erfolglose Rousseff loswerden, doch Temer betrachten die Brasilianer nicht als eine Alternative. Der farblose Jurist verfügt nicht über die Fähigkeiten, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Schon jetzt brennen in São Paulo und Rio de Janeiro aus Protest gegen Temer die Autoreifen. Ihm droht der Widerstand der sozialen Bewegungen, die trotz des massiven Korruptionsskandals der Arbeiterpartei die Treue halten.

Zumindest eine treue Anhängerin hat der 74-Jährige: Ehefrau Marcela hat jedenfalls keine Zweifel an den Führungsqualitäten ihres 42 Jahre älteren Mannes. Die ehemalige Schönheitskönigin ließ sich den Namen des Angetrauten in den Nacken eintätowieren.

Sie löste eine Debatte über das Frauenbild aus: Die 32-Jährige bevorzuge die devote Rolle der Hausfrau und Mutter, schrieben die Kritiker damals. Im Alter von 19 Jahren lernte sie ihren späteren Mann bei einem PMDB-Kongress kennen, nur ein Jahr später heirateten die beiden. Die Ehe hat gehalten. Temer war zweimal verheiratet, er hat aus verschiedenen Beziehungen fünf Kinder. Marcela erwartet ein weiteres Kind, es könnte während der Interims-Präsidentschaft zur Welt kommen.

Quelle: RP
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