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Tourismus
Erinnerung an Fukushima schreckt Besucher nicht mehr ab

Kinosaki. Die Atomkatastrophe von 2011 stürzte auch den japanischen Tourismus in eine Krise. Doch nun kommen die Ausländer wieder. Von Martina Zimmermann

In Baumwoll-Kimonos bummeln erholungsuchende Japaner durch die pittoresken Gassen des Kurortes Kinosaki, vorbei an Restaurants und Feinkostgeschäften mit Sake-Keksen und Grüntee-Schokolade. Drei blond gefärbte junge Männer steuern eine Videospielkneipe an, ältere Paare gehen spazieren. In ihren Yakutas - so heißen die Baumwoll-Kimonos - sind alle bestens gerüstet, um zwischen Shopping und Karaoke in eines der Bäder zu gehen, im Freien, in Kurhäusern oder in Hotels.

Der "Lonely Planet"-Reiseführer hat den 4000-Einwohner-Ort in der südwestlichen Provinz Hyogo zum schönsten Thermalbad Japans ernannt. Daher mischen sich neuerdings auch Europäer unter die japanischen Kurgäste. Ihre Zahl soll in den nächsten Jahren wachsen, geht es nach dem Willen der japanischen Tourismusbehörden.

Nach der Atomkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 hatte der Tourismus einen herben Einbruch erlitten, doch derzeit steigt die Beliebtheit des Landes bei ausländischen Reisenden wieder stark an. 2010 kamen 8,6 Millionen Ausländer, 2011 nur noch weniger als die Hälfte. Im Jahr 2014 waren es dann aber bereits mehr als 13 Millionen Touristen und 2015 sogar mehr als 19 Millionen. Damit verzeichnete Japan im vergangenen Jahr erstmals mehr ausländische Besucher als japanische Touristen im Ausland.

Die sogenannten "Onsen", die Reisende in Thermalbäder wie Kinosaki locken, sind heiße Quellen, erhitzt durch vulkanische Aktivitäten. Sie gehören zur japanischen Badekultur. "Wir Japaner verbringen gern ein Wochenende in einem Onsen", erzählt Ayumi Honda (42). "Wir kommen mit der Familie oder mit Freunden und schlafen in einem Ryokan." Diese Herbergen sind traditionell eingerichtet, auf dem Tatamiboden in den Gästezimmern wird zu mehreren auf Futons geschlafen.

Ayumi Honda ist in Osaka geboren, hat in Frankreich studiert und acht Jahre lang in einer Reiseagentur gearbeitet, die japanische Touristen durch Europa schickte. Als sie wieder mehr Zeit in der Heimat verbringen wollte, machte sie die Prüfung zur Reiseführerin in Japan. 2011 hatte sie ihr Diplom. "Da kam der Tsunami, und alle Reisen wurden annulliert", erinnert sich die Japanerin mit den langen schwarzen Haaren. Ausgelöst durch ein Seebeben und den Tsunami kam es zur Atomkatastrophe von Fukushima. Ayumi Honda war ein Jahr lang arbeitslos, schlug sich als Übersetzerin durch. Die Tourismuskrise traf auch Kyoto, die "kaiserliche Residenz" rund 500 Kilometer südwestlich von Fukushima. Mit seinen 1600 buddhistischen Tempeln, 400 Shinto-Schreinen, mit Palästen, Gärten und Museen ist Kyoto das beliebteste Touristenziel Japans. Viele der berühmtesten Bauwerke wurden 1994 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Nach der Atomkatastrophe griffen Stadt und Region in die Tasche, um den Tourismus wieder anzukurbeln: Der Distrikt bezahlte Reiseveranstaltern für jede Gruppe mit 20 Touristen 100.000 Yen, um die 800 Euro. Die Aktion kostete insgesamt über 150.000 Euro, erinnert sich Shigemitsu Tada, die Chefin der regionalen Tourismusbehörde.

Inzwischen ist die Kurve der Besucher nicht nur in Kyoto wieder in die Höhe gegangen. Radiologisch sei Japan als Reiseland außer in den evakuierten Gebieten rund um Fukushima unbedenklich, erklärt das Auswärtige Amt in seinen Reisehinweisen. Die Gegend liegt weit weg von den typischen Touristenrouten.

Die meisten Reisenden kommen aus den asiatischen Nachbarländern Korea, China, Taiwan, Hongkong, Thailand. An der Spitze der westlichen Besucher stehen traditionell Australier und US-Amerikaner. Aber seitdem der japanische Pavillon auf der Expo 2015 in Mailand ausgezeichnet wurde, kommen auch mehr Italiener, über 100.000 waren es im vergangenen Jahr. Vorne unter den Europäern liegen die Franzosen mit 214.000 Besuchern. Aber auch Deutschland hat mit mehr als 162.000 Touristen ein Plus von 15 Prozent in der japanischen Urlauberstatistik zu verzeichnen.

Das Land der aufgehenden Sonne lockt mit 19 Unesco-Welterbe-Stätten. Drei Regionen haben sich außerdem zusammengeschlossen, um gemeinsam in Europa Werbung zu machen für Wellness auf Japanisch, einen Besuch im Hyogo-Störchepark oder im Fischerhafen von Ine am Japanischen Meer. Hyogo, Tottori und Kyoto im südlichen Teil der Hauptinsel Honshu bieten regionale kulinarische Spezialitäten wie Krabben, Sashimi oder Kobe-Rind. Dazu gibt es Sake-Reiswein und neuerdings sogar in Japan mit deutscher Hilfe hergestellten Wein, in der Amanohashidate-Winery.

Europäische Touristen, denen kulturelles Interesse unterstellt wird, sind beliebt. "Chinesische Touristen kommen in Massen zum Shopping", stellt Samantha Barrow fest. Die 24-jährige Engländerin arbeitet im Tourismus-Departement von Tokooya. "Die Europäer hingegen gelten als höflich, sauber, nett, reich und schick."

(epd)
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