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Havanna
Kubas "Damen in Weiß" trotzen der Gewalt

Havanna. Das Regime wirbt um Touristen und Investitionen, doch Dissidenten werden weiter unterdrückt. Von Benedikt Vallendar

"Achtet auf eure Taschen", ermahnt Berta Soler die anderen Frauen. Dass da bloß nichts Wichtiges drin ist. Denn darauf haben es die Schlägertrupps der kubanischen Staatssicherheit meist zuerst abgesehen. Eine der Frauen hat sich etwas Besonderes ausgedacht: Ihre Tasche ist vollgestopft mit abgelaufenen Lebensmittelkarten. Noch immer sind die auf Kuba üblich. "Dann sehen Sie gleich, wie gut bei uns der Kommunismus funktioniert", sagt die Frau. "Sie sollen sehen, dass wir wie die Hunde leben, uns wegen ein paar Pfund Reis stundenlang anstellen müssen", empört sich eine andere.

Berta Soler steht zusammen mit Gleichgesinnten im Eingangsbereich der katholischen Kirche Santa Rita in Havannas Stadtbezirk Miramar. In wenigen Minuten ziehen sie los zu ihrem allwöchentlichen Protestmarsch für Freiheit und Demokratie. "Abogada de lo imposible" (Anwältin für das Unmögliche) steht auf einer Tafel im Altarraum von Santa Rita. Eine Anspielung auf das Leben und Wirken der heiligen Rita von Cascia, einer italienischen Ordensgründerin aus dem Mittelalter. Regelmäßig treffen sich die Frauen zum gemeinsamen Gottesdienst. Sie nennen sich "Damas de Blanco" (Damen in Weiß) und sind mittlerweile landesweit aktiv.

Auch im Ausland sind sie bekannt. 2005 erhielten die sie den Sacharow-Preis des Europaparlaments. Die Frauen wissen, was ihnen heute wieder bevorsteht. Als sie laut skandierend "Freiheit" fordern, tauchen junge Männer auf, reißen die Protestler zu Boden und treten auf sie ein. "Oft in den Unterleib, dort, wo es wehtut, aber die Spuren weniger sichtbar sind", sagt Soler.

Für den Staat gelten die Damen in Weiß als Nestbeschmutzer und für manche Hardliner gar als "Volksfeinde". Ausländische Unterstützer bringen entzündungshemmende Salben mittlerweile kartonweise mit, weil die Tuben unter kubanischen Dissidenten heiß begehrt sind. "Am liebsten würden sie uns lautlos verschwinden lassen", sagt Aktivistin Soler über die Kommunisten auf der Karibikinsel. Die wollen keine Unruhe, sondern lieber Devisen zahlende Touristen, die sich von Sonne, Strand und dem allgegenwärtigen Revolutionsmythos um Fidel Castro und Che Guevara beeindrucken lassen.

Doch die Damen in Weiß sind fest entschlossen. Jeden Sonntag marschieren sie für ein Ende der Unterdrückung, eine freie Presse und freie Wahlen. Seit der Machtergreifung 1959 haben sich Kubas Kommunisten keinem Votum der Bevölkerung gestellt. Wahlen auf Kuba sind eher eine Farce, ähnlich wie einst in der DDR.

(kna)
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