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Talfahrt von Rot-Weiss Essen
Tradition allein reicht nicht

Rot-Weiss Essen: Tradition allein reicht nicht
Die Essener Meistermannschaft von 1955 vor dem 4:3­Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern in Hannover: August Gottschalk, Fritz Herkenrath, Heinz Wewers, Fred Röhrig, Willi Grewer, Helmut Rahn, Joachim Jänisch, Franz Islacker, Willi Köchling, Bernhard Thermath und Paul Jahnel (v.l.). F FOTO: Imago
Essen. Rot-Weiss Essen droht der Abstieg in die fünftklassige Oberliga Niederrhein. Die Anhänger des Deutschen Meisters von 1955 reagieren mit Trotz und Wut auf die sportliche Talfahrt. Ein Ortsbesuch an der Hafenstraße. Von Sebastian Bergmann

Günter Barchfeld muss sich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, dass es jetzt losgeht. Das Klackern der Eisenstollen auf dem Asphaltweg, der die Spieler von Rot-Weiss Essen von der Kabine zum Trainingsplatz an der Hafenstraße führt, verrät sie schon von weitem. Wie etwa 50 weitere RWE-Anhänger hat sich Barchfeld trotz des kalten Windes, der den Trainingskiebitzen an diesem Nachmittag gnadenlos um die Ohren pfeift, aufgemacht, um den Regionalliga-Fußballern bei der Arbeit zuzuschauen. "Da kommen sie ja", sagt der 82-Jährige und vergräbt seine Fäuste tief in der Jackentasche.

Barchfeld ist Fan des Essener Traditionsklubs, seit er denken kann. 500 Meter neben dem Stadion ist er aufgewachsen, Vereinsgründer Georg Melches wohnte direkt gegenüber. Pokalsieg 1953 im Düsseldorfer Rheinstadion? Barchfeld war dabei. Deutscher Meister 1955 in Hannover? Barchfeld war dabei. Das Pokalfinale 1994 in Berlin erlebte er als Teambetreuer von der Bank aus. "Seit dem 12. April 1948 bin ich Mitglied", sagt er stolz und zückt einen Ausweis mit Vereinsemblem zum Beweis. Barchfeld schwelgt gern in Erinnerungen. Und wer will es ihm verübeln?

7000 Zuschaer gegen TuS Erndtebrück

Einst empfingen sie hier an der Hafenstraße Gegner wie Borussia Dortmund oder den Hamburger SV. Zu Spielen gegen TuS Erndtebrück oder den SV Rödinghausen kommen aktuell noch knapp 7000 Zuschauer. Große Spieler wie Willi Lippens, Helmut Rahn, Mario Basler und der junge Mesut Özil schnürten einst die Schuhe für den Revierklub. Heute kennen nur noch Fans und Kenner der Regionalliga West die Namen der Kicker.

Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga im Jahr 2007 schafften es die Rot-Weissen nur noch selten, positiv auf sich aufmerksam machen. RWE dümpelt seit einigen Jahren den eigenen Ansprüchen hinterher, kam nie über den vierten Tabellenplatz in der Regionalliga West hinaus. Nach der 0:2-Pleite gegen SF Lotte am vergangenen Samstag und dem damit verbundenen Sturz auf einen Abstiegsplatz randalierten 150 vermeintliche RWE-Fans vor dem Stadion und wollten die Geschäftsstelle stürmen. Trainer Jan Siewert wurde kurze Zeit später entlassen. Ein weiteres Kapitel in einer zuletzt von Negativereignissen geprägten Historie.

2010 musste Rot-Weiss Essen Insolvenz anmelden, ist seit 2011 jedoch schuldenfrei. Doch auch danach kehrte beim Verein an der Hafenstraße keine Ruhe ein. 2012 folgte ein Wettskandal, in den drei Spieler von RWE involviert waren. 2014 wurde bekannt, dass ein Essener Kicker gedopt hatte.

Michael Welling sitzt in den Katakomben des Georg-Melches-Stadions. Kurz zuvor hat der Präsident des Vereins dort den neuen Trainer Sven Demandt vorgestellt, der den Abstieg in die fünftklassige Oberliga - so tief spielte RWE zuletzt 2011 - noch verhindern soll. Klar könnten die negativen Ereignisse in den vergangenen Jahren nicht verschwiegen werden, sagt Welling, der seit 2010 im Amt ist. "Aber ich habe in meiner Zeit bei RWE schon so viele Dinge erlebt, viel mehr kann nicht mehr kommen." Welling möchte viel lieber über das in den vergangenen Jahren Erreichte sprechen. Er ist promovierter Ökonom, wählt seine Worte mit Bedacht, ohne dabei unnatürlich zu wirken. Man glaubt ihm, wenn er sagt: "Als ich anfing, lag der Verein am Boden, hatte Millionen Schulden. Seitdem haben wir das Geld, das wir durch Sponsoren einnehmen, vervierfacht. Die Zahl der Mitglieder ist von 2000 auf 5000 gestiegen, als Viertligist haben wir ein Nachwuchsleistungszentrum etabliert. Wir haben auch viel Gutes geschafft." Aber er sagt auch: "Es gab immer wieder einen Schlag in die Fresse. Doch wir sind das Stehaufmännchen des deutschen Fußballs." Schließlich hätten nur wenig andere Vereine ähnlich "leidensfähige und leidenschaftliche Fans".

Anhänger wie Günter Barchfeld sind der beste Beweis dafür, dass Welling in diesem Punkt recht hat.

Quelle: RP
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