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Borussia Mönchengladbach
Das Aufbaugegner-Syndrom und 3,2 Tore zu wenig

Adler springt in Hahn rein und verletzt ihn an der Lippe
Adler springt in Hahn rein und verletzt ihn an der Lippe FOTO: ap, mm
Mönchengladbach. So ein Spiel, wie es selten vorkommt, lässt beide Mannschaften im Unklaren. Borussia sollte wohl nicht allzu negative und der HSV nicht allzu positive Schlüsse ziehen. Überlegenheit und Ertrag standen auf Seiten des VfL erneut in keinem Verhältnis. Von Jannik Sorgatz

Überzahl als Nachteil?

Heimspiele waren bislang eine sichere Bank, wenn: Borussia mindestens zwölf Torschüsse abgibt, dem Gegner weniger als zwölf erlaubt, mehr als 60 Prozent Ballbesitz hat und mindestens 75 Prozent aller Pässe zum Mitspieler bringt. Ach ja, und das 1:0 sollte irgendwann gelingen. Die Partie gegen Hamburg erfüllte fast alle Voraussetzungen, um beileibe nicht als bestes Heimspiel unter André Schubert in die Statistik einzugehen, aber als das überlegenste. Die 65-minütige Überzahl trug ihren Teil dazu bei. Hamburg zog sein 4-4-1 noch weiter zurück, "in die Tiefe" konnte es nur noch selten gehen, weil es keine Tiefe mehr gab. Der Platzverweis machte also eher der Gladbacher Defensive als der Offensive die Arbeit leichter. Ein HSV mit elf Spielern hätte womöglich irgendwann mal angegriffen.

Ein Sieg mit drei Toren hätte gepasst

Am Ende hatte Borussia so viele Pässe ins letzte Drittel (220) und in den Strafraum (47) gespielt wie noch nie unter Schubert. Auf Schalke waren es jeweils nur halb so viele. Die Präsenz war also da, und auch ohne die beiden Elfmeter hätte Gladbach zweifellos ein Tor erzielen müssen. So sahen die Verhältnisse im "Expected Goals"-Modell aus:

Viele der 22 Torschüsse hatte keine allzu hohe Qualität, was die kleinen Punkte zeigen. In der Summe allerdings und spätestens bei Nico Elvedis Chance in der 96. Minute (größerer Punkt unten am Fünfmeterraum) hätte es reichen müssen. Ein Elfmeter entspricht übrigens etwa 0,75 Toren, weil 75 Prozent reingehen. Virtuell wäre also ein 3,2:0,2 gerecht gewesen. Dass Borussia so weit unter dem Erwartungswert geblieben ist, unterstreicht am Ende nur, was Schubert sagte: "So ein Spiel hat man vielleicht einmal in zehn Jahren." Bereits das 0:4 auf Schalke verdiente sich auf andere Art das Prädikat "bekloppt". In der kommenden Woche sollten die Borussen nicht schon wieder schulterzuckend dastehen, weil sie mit einem Ergebnis zu schlecht weggekommen sind.

Historischer Doppel-Fehlschuss

Bei zehn Heimsiegen ist die Serie zu Ende gegangen. 1987 mit elf Erfolgen und 1983/84 mit zwölf bleiben unerreicht. Die Rekordserie riss vor 32 Jahren übrigens auch mit einem verschossenen Elfmeter. Zwei Minuten, nachdem Borussia das 0:1 kassiert hatte, scheiterte Lothar Matthäus gegen Eintracht Frankfurt vom Punkt. In der 90. Minute rettete Ewald Lienen mit dem 1:1 noch ein Remis. Ebenfalls 32 Jahre zurück liegt die letzte und einzige Bundesligapartie, in der Gladbach ebenfalls zwei Elfmeter verschoss. Hans-Günter Bruns scheiterte gegen den Karlsruher SC beim Stand von 0:1, Frank Mill beim Stand von 3:3, so ging das Spiel auch aus. Ein Torschütze beim KSC hieß Joachim Löw.

Auf beiden Seiten beachtlich

Borussia-Fans benötigen keine Netflix-Serie wie "Stranger Things", um eine Gänsehaut zu bekommen. Sie bevorzugen die Reality-Show "Aufbaugegner". Die letzten fünf Spiele gegen einen Tabellenletzten hat Borussia nicht gewonnen: 0:0 gegen den Hamburger SV, 0:4 gegen Schalke 04, 0:2 gegen Hannover 96 im April dieses Jahres, 3:3 gegen die TSG Hoffenheim im November 2015 und 1:1 gegen Eintracht Braunschweig im März 2014. Den letzten Erfolg gab es gegen Braunschweig im September 2013. Nur dürfte mit Blick auf den HSV fraglich sein, wie aufbauend ein auf diese Weise geholter Punkt sein kann. Auf der anderen Seite jedoch hat Gladbach die letzten vier Spiele gegen einen Spitzenreiter nicht verloren. Der hieß zwar stets Bayern München, was die Serie aber nicht schlechter macht. Wo Borussia am nächsten Samstag zu Gast ist und auf welchem Platz dieser Gegner steht, haben Sie sicherlich schon vernommen.

Die Wogen sind noch nicht geglättet

Selten in den vergangenen Jahren war es so schwierig, einen Start in die Bundesligasaison richtig einzuordnen. Mit elf Punkten aus sieben Spielen als Achter nur sechs Punkte hinter dem Tabellenführer: Das gab es zuletzt 2009. Damals war der HSV Erster und Bremen wurde am Ende Dritter. Wir reden also von einer völlig anderen Epoche. Gladbach zählt momentan auf keinen Fall zu den Teams auf einer Erfolgswelle wie Köln und Hoffenheim, thront aber auch ein gutes Stück über den Problemkindern der Liga. Mit dem momentanen Punkteschnitt würde Borussia nach 34 Spieltagen bei 53 landen. Es wäre eine gute Idee, dieses Niveau zumindest zu halten.

 
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