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Borussia Mönchengladbach
Drmic ist trotz HSV-Wechsel noch nicht abgeschrieben

Drmic offiziell beim HSV vorgestellt
Drmic offiziell beim HSV vorgestellt FOTO: dpa, dan fdt
Mönchengladbach/Hamburg. Josip Drmic ist weg. Er spielt für den Rest der Saison beim Hamburger SV. Was bald dazu führen kann, dass ausgerechnet er gegen Borussia trifft für seinen neuen Klub. Denn nach dem Heimspiel gegen Werder Bremen am Freitag geht es am Sonntag darauf eben zu diesem HSV. Und eine der Lieblingsgeschichten des Fußball ist die vom Spieler, der gegen seinen Ex-Verein trifft. Von Karsten Kellermann

Doch das ist erst mal eine Zukunftsvision. Aktuell ist Fakt, dass Drmic keine Perspektive mehr gesehen hat bei den Borussen. Jedenfalls keine, die seinen Wunsch, im Sommer für die Schweiz bei der EM mitzuspielen, unterstützt hätte. Borussias Trainer André Schubert hat einen Generalplan für das Sturmzentrum, das Drmic‘ vorrangiger Lebensraum ist (wie es sich für eine Neun gehört) – und dieser Plan heißt Raffael/Lars Stindl. Ein spielstarkes, wuseliges Angriffsduo also, und eines ohne einen wirklichen Mittelstürmer wie Drmic einer ist.

Der könnte zwar auch auf dem Flügel Dienst tun, doch da wimmelt es an Spezialisten im Gladbacher Kader. Kurios: Trotz des seit der vergangenen Saison gestärkten Flügelspiels und offensiven Außenverteidigern, klappt es nicht mit einem klassischen Flanken-Abnehmer im Strafraum. Im Sommer wurde Drmic im zweiten Anlauf geholt, im Jahr zuvor hatte er sich für Leverkusen entschieden. Bayer ließ sich den Transfer dann üppig bezahlen, denn zehn Millionen Euro sind für einen Mann, der kaum spielte, gutes Geld.

Die Verträge der Borussia-Spieler FOTO: dpa, Jonas Güttler

Doch der Markt bestimmt den Preis und gibt solche Preise inzwischen her. Drmic hatte seinen Marktwert mit zweistelligen Torbilanzen in Nürnberg hochgeschraubt. Borussia war (und ist, sagt Max Sportdirektor Max Eberl) überzeugt von den Qualitäten des Angreifers. In der Vorbereitung näherte er sich dem Favre-System an, doch wie alles kam auch seine Entwicklung durch die Niederlagenserie zu Saisonbeginn in Unordnung.

Als André Schubert übernahm, legte er sich schnell fest auf einen Angriff ohne Drmic. Dieser wurde zuletzt nur minutenweise eingewechselt in der Bundesliga. Und die Tendenz legte nahe, dass es so bleiben würde, zumal in Mainz Thorgan Hazard und dann Branimir Hrgota vor Drmic kamen. Der Weg zu viel Einsatzzeit war also weit. Der Frust wuchs – und die Angst, die EM zu verpassen.

Nun bot sich die Chance beim HSV. Drmic geht ohne Kaufoption, sagt Borussias Sportdirektor Max Eberl, und er setzt darauf, dass Drmic zur neuen Saison gestärkt zurückkehrt. Zudem würden Einsätze in Hamburg, auf die Drmic dringend hofft, den Marktwert des Spielers eher stärken, als ein fortlaufendes Bank-Angestellten-Dasein in Gladbach. Das würde für den Fall, dass Borussia und Drmic auch nach der HSV-Episode nicht zusammenfinden, interessant werden.

In Drmic verliert André Schubert eine Option, die er aber so offenbar auch nicht gesehen hat. Da André Hahn und Patrick Herrmann, so hoffen die Borussen, bald wieder mitmachen können nach ihren Verletzungen, ist die Abteilung Attacke bei den Borussen auch ohne Drmic recht üppig besetzt, sie hat nun noch neun Mitglieder.

Porträt: Josip Drmic: Gladbachs Stürmer-Missverständnis FOTO: Dieter Wiechmann

Gerade für Thorgan Hazard, der auch nicht ganz zufrieden ist mit seiner Situation, kann der Drmic-Abgang bedeuten, dass er nun fix der dritte Man hinter Raffael/Stindl ist. Hahn kann, so er wieder in voller körperlicher Verfassung ist, als Strafraum-Stürmer-Option einsortiert werden.

Drmic wird heiß darauf sein, sich zu beweisen. Für den Platz im eidgenössischen EM-Kader. Aber auch für seine Zukunft. In Leverkusen lief es nicht, und nun auch nicht bei Borussia. Er will wieder den Dreh kriegen, um in der nächsten Saison anders aufgestellt zu sein. Für einen Neustart bei Borussia. Oder für einen anderen Klub.

Der Drmic-Abgang erinnert natürlich an die Geschichte von Luuk de Jong. Auch der Niederländer kam 2012 für viel Geld und hatte Probleme mit dem Gladbacher Ansatz. Eine Zeit lang schien es, als sei er angekommen, denn de Jong schoss drei Siegtore für Borussia und trug damit dazu bei, dass es am Ende der Saison Platz acht gab. Doch dann musste er wieder raus, zurück auf die Bank. Schließlich wurde er an Newcastle ausgeliehen und danach verkauft.

De Jong gilt seither als Symbol für gescheiterte Top-Transfers bei Borussia. Im Fall Drmic hat Max Eberl noch Hoffnung, dass er über den Umweg HSV bei Borussia ankommt. Ob das klappt, bleibt abzuwarten. Für den Moment ist Drmic jedenfalls gescheitert. Und somit auch das nächste Mittelstürmer-Experiment der Borussen.

Warum das so ist, ist einigermaßen rätselhaft. Doch dürfte die wesentliche Erklärung des Phänomens sein, dass Borussia, bei der es früher viele tolle Stürmer gab, inzwischen ohne echte Stürmer angreift. Reus, Raffael, Kruse, Stindl und auch Hazard sind stürmende Mittelfeldmänner, die neufußballdeutsch Neuneinhalb genannt werden.

Dass es aber ein echter Stürmer schaffen kann, sich anzupassen, zeigte Mike Hanke. Er kam als klassischer Mittelstürmer und wurde dann umformatiert – für ihn war das das große Glück. Es geht also. So ganz muss man Josip Drmic für Borussia daher noch nicht abschreiben.

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