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Borussia Mönchengladbach
Ter Stegens Weg aus Rheydt an die Weltspitze

Foto-Porträt: Das ist Marc-Andre ter Stegen
Foto-Porträt: Das ist Marc-Andre ter Stegen FOTO: afp, JL/ql
Mönchengladbach. Marc-André ter Stegen hat in Mönchengladbach seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz gemacht, hier hat er sein Fachabitur bestanden, lange zu Hause bei Mutter gelebt. Jetzt ist der 24-Jährige die alleinige Nummer 1 beim FC Barcelona. Der Weg einer Ausnahme-Karriere. Von Ludwig Krause

Manchmal sagt Musik über einen Menschen eben doch mehr aus als alle Worte könnten. Ein fröhliches kleines Lied haben Regina Görner und Klaus Gawlick da im Jahr 2007 komponiert. "Hymne der Gesamtschule Rheydt-Mülfort" heißt es und wurde extra anlässlich des Schuljubiläums angefertigt. Das Stück hat Zeilen wie: "Die Gesamtschule in Mülfort ist beliebt, weil es hier die coolsten Schüler gibt."

Und man kann sich ausmalen, wie die Schüler beim Sommerfest eben jenes Lied zum Besten geben. In einer Zeit übrigens, als ein dünner blonder Junge Schüler der Gesamtschule ist. Marc-André ter Stegen ist sein Name. Auf Fotos aus der Schulzeit erkennt man ihn sofort, bis zu den Haarspitzen. Etwa auf einem Bild, das ihn als 14-Jährigen vor einer Versuchsanordnung bunter Glühlampen zeigt. Und man könnte nun diebische Freude dabei entwickeln, sich vorzustellen, wie auch Marc-André singt. Dabei geht es gar nicht darum, ob ter Stegen das Lied wirklich gesungen hat. Sondern viel mehr darum, dass man es sich bei ihm einfach vorstellen kann. Weil er eben so ist, der Junge aus Rheydt.

Am 6. Juni 2015 hört Marc-André ter Stegen eine andere Hymne. Eine, bei der Millionen weltweit Gänsehaut bekommen. "Die Meister. Die Besten. Les grandes équipes. The champions." Er ist 23 Jahre alt und reckt den wichtigsten Pokal des Vereinsfußballs in die Luft. Champions League. Er ist angekommen. Ganz oben. Seine Karriere beginnt deutlich bescheidener, der Ehrgeiz ist damals aber schon derselbe. Das erzählen jene, die den Torhüter schon begleitet haben, als "Marca" und andere noch gar nicht daran dachten, über ihn zu berichten.

Roland Virkus ist so einer, damals Trainer von Borussias B-Junioren, heute Nachwuchsdirektor. Wenn man ihn fragt, erzählt er die Geschichte des jungen Marc-André: Im Spiel Duisburg gegen Borussia war es, als kurz vor Schluss das Tor für den Gegner fällt. Alle hätten damals aufgegeben, nur eben einer nicht. Der strohblonde Torwart marschiert zum Mittelkreis, brüllt seine Mitspieler nach vorne.

Ter Stegens emotionaler Abschied im Borussia-Park FOTO: Dirk Päffgen

Wie Oliver Kahn, damals 2001, als Schalke kurz Meister war, vier Minuten. Dann aber der Titan kam, seine Spieler rüttelte und schüttelte. Und die Bayern doch noch ein Tor schossen. "Weiter, immer weiter", sagte Kahn. Ter Stegen hat sein Buch gelesen, seine Mentalität verinnerlicht. Er läuft also zum Mittelkreis. Gladbach stößt an, schießt zwei Tore – und steht im Halbfinale der deutschen B-Jugendmeisterschaft. Geschichten, die sich gut eignen zur Legendenbildung. 

Sein Weg beginnt viel früher: Mit vier Jahren, beim Probetraining. Als Bambino wird er Borusse, in jener Spielklasse also, in der ein Pulk von Kleinkindern dem Ball hinterherrennt. Und auch Marc-André rennt noch auf dem Feld herum. Bis zu dem Tag, als der Trainer ihn zwischen die Pfosten stellt, ist ter Stegen Feldspieler. Angeblich, so heißt es, ändert sich das, weil der Trainer seinen Laufstil komisch findet. Noch so eine Geschichte. Aber wer will denn auch mit vier Jahren Torwart sein?

Borussia spielt in Marc-Andrés Familie immer eine Rolle. Sein Großvater hat die Spiele am Bökelberg als Polizist begleitet, sein Vater nimmt ihn das erste Mal mit ins Stadion. Er darf selbst auf den Rasen, noch an der Hand der Profis. Seine Mutter ist Fan, seit sie 14 Jahre alt ist. Ter Stegen durchläuft alle Jugendmannschaften, er kann mit dem Ball umgehen, das Spiel einleiten – und ist sicher auf der Linie.

Das merken seine Trainer. Er wird wieder ins kalte Wasser geworfen, als er 18 Jahre alt ist. Derby gegen den 1. FC Köln, bisher sitzt ter Stegen bei den Profis auf der Bank. Da ist er schon U17-Europameister und die Nummer 1 bei der U19. Er spielt im Regionalliga-Team, ein Muskelfaserriss wirft ihn dann aber zurück. Bis zu jenem Sonntag, 15.30 Uhr, Anpfiff, ter Stegen spielt. 5:1 gewinnen die Borussen.

Viele andere heben genau dann ab. Marc-André wohnt noch bei seiner Mutter in Rheydt, als er die Bühne der Bundesliga betritt. Er macht sein Fachabitur, nicht als Überflieger, aber immerhin mit einer 2 vor dem Komma. Und am liebsten isst er die heimischen Apfelpfannkuchen. Und während manch einer der Teamkollegen durch eigenwillige Auftritte auffällt, zeigt er sich immer fokussiert, macht höchstens Schlagzeilen mit Geschichten wie jener im Jahr 2012, als sein Hund angefahren wird und wegläuft. Per Facebook ruft er zur Suche auf – und der Hund wird gefunden. Pünktlich, kurz vor Weihnachten.

Natürlich schafft er es auch in die Nationalmannschaft. Aber, so passiert es eben manchmal: In drei Spielen kassiert er zwölf Tore bei drei Niederlagen. Sieht dabei nicht immer glücklich aus. Ist das Kapitel schon geschlossen? Es würde nicht zu ihm passen.

Als ter Stegen zum FC Barcelona wechselt, fließen Tränen. Und man möchte ihm glauben, dass es keine Krokodilstränen waren. Ein Junge verlässt seine Heimat, Fußball-Romantik. Und er setzt sich durch: Erst darf er nur in den Pokalspielen ran, gewinnt mit dem Team die Champions League. Seit kurzem ist ter Stegen die alleinige Nummer 1 bei dem Club, von dem sie sagen, er sei mehr als nur ein Club. Und natürlich wird Barcelona Gladbach zugelost, er kehrt zurück in die Heimat. Weil das eben eine dieser Geschichten ist. Von Marc-André ter Stegen aus Rheydt an die Weltspitze.

 
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