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Sebastian Kehl im Interview
"Götze steht am Scheideweg"

EM 2016: Mario Götze steht am Scheideweg
Sebastian Kehl wechselte vom Spielfeld ins TV-Studio. FOTO: dpa, mjh jhe fie
Paris. Sebastian Kehl hat im vergangenen Jahr seine Karriere bei Borussia Dortmund beendet. Danach hat er sich auf eine Weltreise begeben. "Orientierungszeit", wie er dazu gesagt hat. Bei der Europameisterschaft in Frankreich war er für das ZDF als Experte im Einsatz. Ob er während des Turniers noch einmal vor der Kamera stehen wird, steht derzeit noch nicht fest.

Herr Kehl, bleibt nach vier Partien bei der EM vor allem die banale Erkenntnis, Deutschland ist einfach eine Turniermannschaft?

Kehl (lacht) Am Ende läuft es tatsächlich immer darauf hinaus.

Wie hat Ihnen der Auftritt gegen die Slowakei gefallen?

Kehl Das war eine deutliche Steigerung zu den bisherigen Auftritten. Es hat sich sehr, sehr gut angefühlt und war eine überragende Leistung in vielen Bereichen. Die Slowakei gehört sicherlich noch nicht zu den absoluten Top-Gegnern, aber man muss auch so eine Mannschaft erstmal in der Form dominieren.

Hat Löw nun sein Team gefunden, mit dem er möglichst durchspielen will?

Kehl Es wäre nicht richtig, nur von einer Formation zu sprechen. Er hat sicher einen Grundstamm im Kopf, der für ihn gesetzt ist. Dazu wirft er den einen oder anderen rein, um neue Akzente zu setzen. Der Einsatz von Jerome Boateng nach dessen Wadenverletzung war sicher ein kalkuliertes Risiko. Die Zeit der großen Veränderungen wird es nicht mehr geben, dazu besteht auch überhaupt kein Anlass.

Gegen die Slowakei stand Mario Götze nicht mehr auf dem Feld. Glauben Sie, er wird sich einen Platz in der Startelf zurückerobern können?

Kehl Mario hat einfach ein Erfolgserlebnis in den bisherigen Partien gefehlt. Wäre ihm ein Tor gelungen, würden die Bewertungen über ihn ganz anders ausfallen. So hat Julian Draxler eine hervorragende Partie abgeliefert, und Mario steht jetzt ein wenig hinten dran.

Es wird noch über die sportliche Zukunft Götzes gerätselt. Wie sehen Sie seine Perspektiven?

Kehl Mario steht sicherlich aktuell am Scheideweg seiner Karriere. Er ist aus meiner Sicht ein überragender Fußballer, auch wenn die letzten Monate nicht so erfolgreich für ihn liefen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass er erst 24 Jahre alt ist und vieles auf ihn eingeprasselt ist. Er wird für sich selbst entscheiden müssen, wie die nächsten Schritte aussehen sollen, und ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht. Aber zunächst hat er noch einen Vertrag beim FC Bayern München. Nach diesem Turnier wird man sicher mehr wissen.

Ist Deutschland der Top-Favorit auf den Titel?

Kehl Wenn Deutschland den Titel in der Konstellation gewinnt, kann man sehr stolz sein. Im Viertelfinale und Halbfinale trifft man auf absolute Spitzenteams, für andere ist der Weg ins Finale deutlich leichter. Andererseits hat einfach noch keine Mannschaft bei der EM dauerhaft überragt. Deutschland wirkt auf mich am reifsten. Ob das am Ende für den Titel reicht, hängt aber letztlich an einigen Faktoren.

Wer ist für Sie bisher der Spieler des Turniers?

Kehl Schwierig zu sagen. Von den vermeintlichen Superstars sind einige deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Antoine Griezmann und Dimitri Payet von den Franzosen haben mich überzeugt. Der Belgier Eden Hazard inspiriert mich schon seit einer Weile mit seinem Spiel, ein unheimlich quirliger Typ, der den Unterschied ausmachen kann. Ivan Perisic hat auch ein tollen Turnier gespielt - auch wenn er mit den Kroaten schon ausgeschieden ist. Und sicher gehört Boateng mit seinen Leistungen auch zu den Besten des Turniers.

Für Sie selbst war es die erste EM als TV-Experte. Zufrieden?

Kehl Das ist eine tolle Erfahrung, und die Perspektive ist spannend. Es war zudem total interessant, auch mal den Aufbau einer solchen Sendung zu erleben. Fernsehmachen bedeutet einen enormen Aufwand, das ist nicht so leicht, wie man es sich auf dem Sofa vorstellt.

Wie hat die Zusammenarbeit mit Oliver Kahn geklappt?

Kehl Oli arbeitet jetzt seit rund zehn Jahren beim Sender, und das sicherlich nicht ohne Grund. Er hat sehr viel Erfahrung vor der Kamera gesammelt und macht mit Oliver Welke einen großartigen Job.

Das Interview führte Gianni Costa.

Quelle: RP
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