| 06.27 Uhr

Tagebuch
Rio – noch eine Stadt, die niemals schläft

Olympia-Tagebuch: Rio de Janeiro schläft nie
Stefan Klüttermann berichtet für unsere Redaktion aus Rio de Janeiro. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Wo die US-TV-Sender bestimmen, wann geschwommen, Beachvolleyball gespielt und durch die Arena gerannt wird, gewöhnt man sich an Nachtschichten.

The City that never sleeps, die Stadt, die niemals schläft - das ist ja eigentlich New York. Aber Rio kann sich diesen Spitznamen ruhig auch zu eigen machen, finde ich. Ich denke nicht, dass New York da ein Urheberrecht hat. In jedem Fall erfüllt Rio alle denkbaren Kriterien, um als ewig wache Stadt zu gelten. Ich kann das beurteilen. Denn wo das US-Fernsehen bestimmt, dass Schwimmen, Beachvolleyball und Leichtathletik hier zu teils nachtschlafender Zeit stattfinden, da bin eben auch ich - immer die inzwischen bekannte Busfahrt eingerechnet - zu nachtschlafender Zeit unterwegs. Und das beileibe nicht allein.

Als ich neulich gegen vier Uhr morgens aus dem Taxi stieg, das mich nach dem Finale von der Beachvolleyballarena zum Hotel gebracht hatte, war auf meiner Straße an der Copacabana mehr los als tagsüber in der Einkaufsstraße einer deutschen Kleinstadt. Direkt neben meinem Hotel saßen fünf rüstige Herren vor einer Bar und spielten Karten. Als wenn es das Selbstverständlichste der Welt wäre, um diese Uhrzeit hier zu sitzen. Nach dem Motto: selbst schuld, wer dann hier nicht sitzt. Ob die fünf noch immer oder schon wieder wach waren, konnte nicht ausmachen. Schon gar nicht am Getränk - etwa Kaffee oder Bier -, denn sie tranken nichts. Spielten nur Karten.

Und sie ließen sich schon gar nicht von der Müllabfuhr beirren, die mitten auf ihrer Tour war. Die hat hier auch wahrlich eine Menge Müll einzusammeln. Der ist jetzt auch nicht wirklich so penibel getrennt wie bei uns, muss man sagen. Im Medienzentrum stehen überall Papp-Mülleimer mit zwei Öffnungen, auf denen soll man links Recyclebares und rechts Nicht-Recycelbares einwerfen. Das steht da. Dann hält man sich daran und sieht dann, dass dieser Mülleimer gar keine Trennwand hat, um Recycelbares von Nicht-Recycelbarem zu trennen. Komisch.

Die Müllmänner leben übrigens ziemlich gefährlich in dieser wie in jeder Nacht. Genauso wie all die Leute, die über die Straßen eilen, aus Bars kommen, irgendetwas lautstark feiern oder rumlungern. Jeder von ihnen geht nämlich das Risiko ein, entweder von einem Taxi oder der Polizei überfahren zu werden. Die fahren hier wie die Henker. Polizeisirenen, Müllwagen, Partygegröle aus der Bar - das alles bildet eine Geräuschkulisse, zu der ich hier ins Bett falle. Und ich schlafe dazu sogar gut ein. Ist ja auch nicht so lange. Nur so vier, fünf Stunden. Schlaf werde bei Olympia auch überbewertet - den Satz habe ich inzwischen von jedem Kollegen mindestens einmal gehört. Von mir selbst auch. Gerade hier, in der Stadt, die niemals schläft.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Olympia-Tagebuch: Rio de Janeiro schläft nie


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.