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San Francisco/Düsseldorf
US-Sportler gehen aus Protest in die Knie

San Francisco/Düsseldorf. Anstatt sich aus Respekt zu erheben, knien sich immer mehr Profis beim Erklingen der Hymne nieder. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen soziale Missstände und Gewalt gegen Schwarze. Von Patrick Scherer und Johannes Strasser

Colin Kaepernick darf derzeit nicht mitspielen. Der Quarterback ist bei den San Francisco 49ers in der amerikanischen Profi-Football-Liga NFL nur zweite Wahl. Dass er dennoch Schlagzeilen schreibt, liegt somit nicht an seinen sportlichen Leistungen, sondern einzig an seinem politischen Engagement. Kaepernick hat sich auf die Fahnen geschrieben, gegen Diskriminierung in den USA zu kämpfen. Um zu protestieren, nahm er sich ausgerechnet das Prozedere rund um die Nationalhymne vor - dem Stolz von Millionen US-Amerikanern. Kaepernick polarisiert und hat den ersten Schritt seines Ansinnens erreicht: Das Thema ist noch präsenter, es wird debattiert. Mittlerweile nehmen weitere Footballer und auch Athleten anderer Sportarten an dieser Form des Protests teil.

Anstatt die amerikanische Nationalhymne im Stehen mit der Hand am Herz mitzusingen, ließ sich Colin Kaepernick auf die Knie fallen. Erstmals bei einem Trainingsspiel im August, mittlerweile auch bei den offiziellen Ligaspielen. Er will damit vor allem seinen Protest gegen die Ungleichbehandlung von farbigen Amerikanern zeigen.

Wenn Kaepernick vor einem Spiel öffentlich auf die Knie geht, ist ihm die Aufmerksamkeit eines großen Publikums sicher. Kaepernick ist ein Footballstar. Sein bis 2020 datierter Vertrag sichert ihm rund 110 Millionen Dollar. Er könnte sich zurücklehnen und das Leben genießen, doch der 28-Jährige will für etwas kämpfen, das für ihn einen weit höheren Stellenwert als Geld hat.

Es sind die Vorkommnisse, die Amerika seit Monaten in Atem halten, die auch Kaepernick bewegen. Wiederholt wurden Afroamerikaner bei vermeintlich harmlosen Kontrollen von weißen Polizisten erschossen. In den meisten Fällen waren die Getöteten unbewaffnet. Im amerikanischen Bundesstaat Oklahoma hatte eine Polizistin einen Schwarzen erschossen. Videos belegen, dass der Mann unbewaffnet und kooperativ war.

Im ganzen Land gehen immer mehr Bürger auf die Straßen, um auf die Missstände und die Ungleichbehandlung von Farbigen und Schwarzen in den USA aufmerksam zu machen. Nicht in wenigen Fällen arten die Demonstrationen in Straßenschlachten mit der Polizei aus.

In den USA ist es üblich, dass vor Sportveranstaltungen Spieler und Fans zusammen die amerikanische Nationalhymne singen. Kaepernick weigert sich. "Ich werde nicht aufstehen, um meinen Stolz für die Flagge eines Landes zu zeigen, das Schwarze und Farbige unterdrückt", sagt Kaepernick. "Für mich ist das größer als Football, und es wäre selbstsüchtig von mir, würde ich wegsehen."

Vor allem in den sozialen Netzwerken erntet Kaepernick Kritik. Seit einigen Wochen bekommt er sogar Morddrohungen für seine Aktion. US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump forderte von Kaepernick, er solle die USA doch einfach verlassen und sich ein Land suchen, wo es ihm besser gefalle. Es gibt aber auch viel Zuspruch. Unter anderem vom amtierenden Präsidenten. Kaepernick übe damit "ein verfassungsgemäßes Recht" aus, sagte Barack Obama. Die Verkäufe des 49ers-Trikots mit der Nummer sieben sind nach Berichten des Nachrichtensenders ESPN rasant angestiegen.

Der Spielmacher lässt sich ohnehin nicht von seinem Weg abbringen und wiederholt seinen Protest bei jedem Spiel. Andere Sportler, wie sein Teamkollege Eric Read, folgen ihm. Auch drei Football-Profis der Miami Dolphins machen es Kaepernick gleich. Ebenso Jason Mc Court und sein Teamkollege der Tennessee Titans Jurell Casey folgen dem Protest, jedoch heben sie die rechte Faust zum Zeichen des Protests. Speziell diese Geste erinnert an die US-amerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos, die bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico City mit dieser Aktion auf die damalige Diskriminierung afroamerikanischer Bürger in den Vereinigten Staaten aufmerksam machen wollten.

Nun hat sich auch die erste Frau dem Protest angeschlossen. Fußball-Nationalspielerin Megan Rapinoe kniete vor dem Spiel ihrer Mannschaft während der Nationalhymne auf dem Boden. Rapione tritt für eine offene Diskussion in ihrem Land ein. Zudem betont sie, dass sie als lesbische Frau weiß, wie es ist, nicht gleich behandelt zu werden. Auch Eishockey- und Basketballspieler aus der NHL und NBA haben angekündigt, sich mit Kaepernicks Aktion zu solidarisieren.

Quelle: RP
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