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OECD-Studie
Deutsches Rentensystem benachteiligt Frauen

OECD-Bericht: Deutsche Rentensystem benachteiligt Frauen
Ein Rentenbescheid wird mit einer Leselupe gelesen (Symbolbild). FOTO: dpa, Jens Kalaene
Berlin. Ein Bericht der OECD belegt: Deutschland schneidet im Ländervergleich besonders schlecht ab, wenn es um die Alterseinkünfte von Frauen geht. Im Durchschnitt bekommen Frauen nur 46 Prozent einer Männer-Rente. Von Birgit Marschall

Das deutsche Rentensystem belegt in einem neuen Ländervergleich der Industrieländerorganisation OECD in den meisten Kategorien gute mittlere Plätze. Nur in zwei Punkten ragt Deutschland heraus – einmal negativ, einmal positiv.

Die gute Nachricht zuerst: In keinem anderen der 35 Industrieländer, die Mitglied der Pariser Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) sind, ist die Beschäftigung älterer Mitarbeiter im Alter von über 55 Jahren seit dem Jahr 2000 so stark gestiegen wie in Deutschland.

Die schlechte Nachricht: In keinem Industriestaat ist gleichzeitig die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern größer als in Deutschland. Frauen erhalten in der Bundesrepublik im Durchschnitt nur 46 Prozent einer Männer-Rente. OECD-weit beträgt der Unterschied weit weniger als 30 Prozent.

Wenig Anlass zur Beruhigung

Trotz der guten Nachricht bei der Beschäftigung Älterer bringt der Bericht damit wenig Anlass zur Beruhigung aus deutscher Sicht. Denn obwohl die Bundesrepublik wichtige Rentenreformen schon umgesetzt hat, die andere Länder noch vor sich haben – etwa die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre – und obwohl es wirtschaftlich viel besser da steht als andere Länder, lässt sich aus den Zahlen dringender, neuer Reformbedarf herauslesen: Deutschland muss mehr tun, damit die Alterseinkünfte von Niedrigverdienern und vor allem von Frauen künftig stärker steigen.

Gelingt dies nicht, könnte stark wachsende Altersarmut in den kommenden Jahrzehnten auch die gesellschaftliche Stabilität gefährden.

Das Gefühl von wachsender Ungleichheit, das Bürger in vielen Umfragen äußern, obwohl es ihnen persönlich gut oder sogar besser geht als je, ist vor allem auch ein auf das Alter bezogenes: Einkommensunterschiede, die in der Erwerbsphase noch nicht übergroß erscheinen, weil sie noch korrigiert werden könnten, lassen sich im Alter nicht mehr korrigieren.

Die Rente treibt die Deutschen deshalb besonders um: 18 Prozent halten die Rentenfrage für die wichtigste politische Zukunftsfrage. Im EU-Durchschnitt teilen diese Meinung nur 12,5 Prozent der Bürger, wie eine regelmäßige EU-Umfrage zeigt.

Rentensystem bei Geringverdienern schlecht

Generell wirft die staatlich organisierte Rente – das ist die gesetzliche Rente plus die geförderte Riester-Rente – in Deutschland unbefriedigend wenig ab, wenn man ihre Höhe mit anderen Ländern vergleicht. Die sogenannte Nettoersatzrate der Renten von Durchschnittsverdienern liegt laut dem OECD-Bericht bei nur 51 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens.

Im OECD-Schnitt liegt diese Rentenhöhe dagegen bei 63 Prozent. Deutlich darüber stehen auf der Liste viele Länder, mit denen sich Deutschland gerne vergleicht – etwa Frankreich, Österreich oder die Niederlande. Bei Niedrigverdienern in Deutschland ist der Unterschied zum Durchschnitt im OECD-Raum mit 55 zu 73 Prozent noch größer. Hier liegt Deutschland auf einem schlechten Platz. Die Geringverdiener-Renten erreichen ein noch geringeres Niveau als etwa in den USA, dessen Sozialstaat von jeher keinen guten Ruf hat.

Mit anderen Worten: Das Rentensystem sichert Geringverdiener deutlich schlechter ab als in anderen Industrieländern. Noch erscheint das Altersarmutsrisiko zwar beherrschbar. Etwa neun Prozent der Rentnerhaushalte müssten mit einem Einkommen von weniger als der Hälfte aller Haushalte auskommen, heißt es in dem Bericht.

Doch es wird kein Zweifel daran gelassen, dass dieser Anteil in Zukunft zunehmen wird – wegen der generellen Alterung und weil die Zahl der Rentner mit gebrochenen Erwerbsbiografien steigt. Frauen werden davon besonders betroffen sein, so die OECD, weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten und deshalb weniger in die Rentenkasse einzahlen, und weil sie ihre Erwerbstätigkeit häufiger unterbrechen.

Alterssicherung für Frauen verbessern

Künftige Regierungen müssen hier ansetzen, rät die Organisation. Sie sollten etwa die Anreize erhöhen, damit Frauen ihre wöchentliche Arbeitsstundenzahl steigern können, um höhere Rentenansprüche zu erwerben. Zudem dürften Frauengehälter nicht mehr weiter unter denen der Männer liegen.

"Solange Frauen nicht mehr Stunden arbeiten und sich die geschlechterbezogene Lohnlücke nicht schließt, kann man nicht davon ausgehen, dass ihr Altersarmutsrisiko sinkt", sagt OECD-Expertin Monika Queisser.

Die Alterssicherung für Geringverdiener und Frauen müsse in Deutschland verbessert werden, fordert die Organisation. Ob die Regierung eine Mindest- oder Solidarrente für Menschen einführen soll, die jahrzehntelang eingezahlt haben, wie sie SPD, Grüne und Linke fordern, lässt die OECD aber bewusst offen.

Zur besseren Absicherung gebe es verschiedene Modelle. Die Verbesserungen müssten nur wirksam sein, unbürokratisch, unkompliziert und flächendeckend umgesetzt werden.

Reformbedarf auch bei OECD

Die OECD gibt weitere wichtige Ratschläge, die helfen können, die Renten in Zukunft zu stabilisieren: So solle die Regierung etwa Anreize dafür schaffen, dass Menschen, die nach 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Rente gehen können, weiter arbeiten möchten. Bisher gebe es für diese Gruppe überhaupt keinen Beschäftigungsanreiz, moniert Queisser.

In anderen Ländern locke der Staat mit Rentenzuschlägen. Österreich etwa biete Rentnern, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze weiter arbeiten, Zuschläge auf ihre Renten von acht Prozent, in Portugal seien es sogar von 13 Prozent.

Unternehmen müssten zudem damit aufhören, Arbeitsverträge nur bis zum Erreichen des Rentenalters zu befristen. In vielen Ländern, gerade auch in In Deutschland, ist es derzeit immer noch üblich, dass ein Arbeitsvertrag mit dem Erreichen des 65. Lebensjahrs endet – obwohl das tatsächliche Renteneintrittsalter für viele Betroffene bereits darüber liegt.

Das gelte übrigens auch für die OECD selbst, gibt Queisser zu – und verweist damit auf Reformbedarf in der eigenen Organisation.

 
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