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Facebook-Seite "Freundeskreis Nordkorea"
Soll das ein Witz sein?

Freundeskreis Nordkorea - wer steckt hinter der rätselhaften Facebook-Seite?
Die Facebook-Seite "Freundeskreis Nordkorea" FOTO: Screenshot Facebook
Düsseldorf. Die Facebook-Seite "Freundeskreis Nordkorea" rühmt seit drei Jahren die angeblichen Leistungen Nordkoreas. Doch wer steckt dahinter? Eine Spurensuche im Graubereich zwischen Satire und Propaganda. Von Sebastian Dalkowski

Nordkorea hat nicht viele Freunde in der Welt, aber in Deutschland soll es gleich einen ganzen Freundeskreis geben. "Freundeskreis Nordkorea" heißt eine Facebook-Seite mit fast 4000 Fans. Die Betreiber rühmen dort, was Kim Jong Un und dem kommunistischen Regime so alles gelungen ist. Erfolgreicher Raketentest, Herausgabe einer "Friedensbriefmarke", Besuch im "Institut für Chemische Materialien bei der Akademie der Wehrwissenschaften". Die Postings machen den Eindruck, Nordkorea sei das beste, fortschrittlichste und friedlichste Land der Welt.

Als ich auf die Seite stoße, bin ich zunächst geneigt, sie für Satire zu halten, eine Weiterentwicklung des Tumblr-Blogs "Kim Jong Un looking at things". Einige meiner Freunde folgen der Seite, andere Follower sind in der Humorbranche tätig. Doch Zweifel bekomme ich schon deshalb, weil die Seite seit mehr als drei Jahren regelmäßig befüllt wird. Am 28. Juli 2014 laden die Betreiber ein Coverfoto hoch, eine Fahne von Nordkorea. Seitdem erscheinen dort regelmäßig Beiträge mit Fotos oder Videos aus dem Land. Für jemanden, dem es bloß um Satire geht, wäre das viel Arbeit. Zumal die Beiträge nicht satirisch formuliert sind, sondern beinahe schon sachlich.

Echte Anhänger Nordkoreas schalten sich ein

Was einem wie Satire vorkommt, kann in Nordkorea durchaus Realität sein, wie jede Doku über den Personenkult um Kim Jong Un belegt. Ich komme ins Zweifeln, wie auch einige andere Facebook-User.

Zudem gibt es einige Leute, die sich dem Lob für Nordkorea anschließen, und das nicht bloß ironisch. Ein Martin, Anhänger der Linkspartei, schreibt: "Haltet weiter gegen die Imperialisten! Sie haben nicht das Recht dem Willen der freien Völker zu widersprechen! Und auch wenn ich kein Freund der Unterdrückung eurer Bevölkerung bin, so bin ich doch dem Regime freundlich gesinnt!"

Andere halten die Seite offenbar ebenfalls für echt und reagieren gerade deshalb empört. "Mörder", schreibt ein Guido zum Tod des amerikanischen Studenten Otto Warmbier, nachdem der Betreiber des "Freundeskreises" behauptet hatte: "Es ist wegen schlechte Versorgung von kranken in Amerika. Behandlung in Korea wäre sehr erfolgreich geworden." Auch an anderer Stelle verteidigt der Betreiber die nordkoreanische Politik. Hungersnöte, Unterdrückung, Armut – alles Propaganda. Wer das nicht glauben will, den beleidigt er. Immer wieder fragen Leute, ob die Seite nicht doch echt ist.

Dass Nordkoreaner einen Facebook-Account betreiben, ist jedenfalls möglich. Zwar hat der Otto-Normal-Nordkoreaner keinen Zugang zum Internet in einem der am stärksten abgeschotteten Länder der Welt, aber "Recorded Future", eine Firma, die auf Internetanalyse spezialisiert ist, berichtete kürzlich über ihre Erkenntnisse zum Internetnutzen in dem Land. Obwohl es in Nordkorea mehrere Millionen Handys gibt, hat die Mehrheit der Nordkoreaner keinen Zugang zum Internet. Aber eine Minderheit, Studenten, Wissenschaftler, Regierungsmitarbeiter, hat immerhin Zugang zum nordkoreanischen Intranet Kwangmyong. Das beinhaltet Mails, ein E-Learning-System und ein paar nordkoreanische Webseiten, darunter eine Kochseite. Nordkorea hat nicht einmal 50 Webseiten. Nur einer Minderheit der Minderheit erlaubt das Regime das WWW nutzen. Die Zahl der Nutzer ist unklar, aber am häufigsten rufen sie die Seiten auf, die auch der Rest der Welt aufruft. Amazon, Google, Instagram und mit weitem Abstand am häufigsten: Facebook.

Die "Nordkoreaner" antworten schnell

Doch wer steckt nun hinter dem "Freundeskreis Nordkorea"? Auf der Facebook-Seite fehlt dazu jeder Hinweis. Also schicke ich eine Nachricht:

"Ich bin Journalist bei der Tageszeitung Rheinische Post aus Düsseldorf. Können Sie mir sagen, wer diese Facebook-Seite betreibt?"

Februar 2016: Kim Jong Un freut sich über Raketenstart FOTO: afp, jyj/tbr

Die Antwort kommt schnell: "Guten Tag, es ist Büro Nr. 44, Unterabteilung für ausländische Internetangelegenheiten in Zentralkomitee der Partei der Arbeit Koreas, Pjöngjang, DVR Korea."

Das klingt allerdings allzu ausgedacht. Ausländische Internetangelegenheiten. Büro Nr. 44.

Rückfrage: "Könnten Sie denn auch belegen, dass es sich um einen echten Account handelt? Durch ein Foto Ihres Büros oder ähnliches."

Antwort: "Nein es ist nicht erlaubt."

Einmal antwortet er (oder sie) mir zu einer Zeit, zu der es in Nordkorea halb sechs in der Früh ist. Als ich ihn darauf anspreche, sagt er: "Es ist Arbeit in Nacht, deutsche Menschen schlafen in koreanische Tag. Herr Pak kommt 6 Uhr Koreanische Zeit. Ich arbeite bis 6 Uhr koreanische Zeit."

Eine Sache fällt auf: Die Postings sind meist in perfektem Deutsch geschrieben, einige der Antworten allerdings nicht. Sie klingen, als würde sich ein Deutscher vorstellen, wie ein Nordkoreaner auf Deutsch formulieren würde. Das ist auch schon anderen Usern aufgefallen. Der Seitenbetreiber hat dafür eine Erklärung. Es sind mehrere Betreiber: "Herr Pak, Frau Suk, Herr Lim." Herr Pak soll in der DDR Deutsch gelernt haben.

Ein Like für "Tiere suchen ein Zuhause"

Und noch etwas fällt mir nach dem Lesen einiger Posts auf: die Abwesenheit des Buchstaben "ß". Stets heißt es "Strassen" oder "fleissig". Ein Hinweis darauf, dass die Autoren nicht in Deutschland sitzen. Vielleicht ja im deutschsprachigen Ausland. In der Schweiz gibt es kein "ß". Ich schaue mir das Nutzerverhalten an. Der Account ist auch anderswo aktiv und liked auffällig viele Postings der Linkspartei, einmal ein Katzenfoto von "Tiere suchen ein Zuhause". Das spricht schon wieder eher für Deutschland. Jedenfalls nicht für einen Nordkoreaner. Welcher Nordkoreaner würde eine deutsche Facebook-Seite liken? Vielleicht sitzen die Betreiber in mehreren Ländern.

Ich bitte Sung-Hyung Cho, sich den Account anzusehen. Cho ist eine in Südkorea aufgewachsene Dokumentarfilmerin, die in Deutschland durch die Wacken-Doku "Full Metal Village" bekannt geworden ist. 2016 veröffentlichte sie den Film "Meine Brüder und Schwestern im Norden", für den sie mehrfach nach Nordkorea reiste. Sie sagt: "Ich halte die Seite nicht für echt." Ihr Urteil hat mehrere Gründe: Erstens bezeichnen Nordkoreaner ihr Land niemals als Nordkorea. Der offizielle Name ist "Demokratische Volksrepublik Korea". Zweitens würde ein nordkoreanischer Account Kommentare, die sich über Kim Jong Un lustig machen, sofort löschen. Zudem verweist sie auf einige völlig falsch übersetzte Videos. Und: "Wenn wirklich Nordkoreaner diesen Text verfasst hätten, müssten sie die Buchstaben Kim Jong Un größer machen."

Sie hat eine andere Vermutung, wer dahintersteckt: Deutsche Nordkorea-Fans, die sehr gut informiert sind. "In bestimmten Kreisen ist Nordkorea fast Kult, diese Leute pflegen eine ironische Sympathie für das Land."

Anfrage an die nordkoreanische Botschaft

Erst jetzt habe ich eine Idee, die so naheliegend ist, dass ich sie bisher übersehen habe: Ich schreibe eine Mail an die nordkoreanische Botschaft in Berlin. Wenn im Büro 44, Unterabteilung für ausländische Internetangelegenheiten, eine deutschsprachige Facebook-Seite betrieben wird, sollte die Botschaft Bescheid wissen. Ich rechne nicht mit einer Antwort, bekomme aber eine:

"Danke für Ihre Email mit Anfrage. Die Facebook Site "Freundeskreis" ist für uns auch unbekannt und nicht von uns betrieben. Ich hoffe, das würde erstmal für Sie ausreichen.

Mit freundlichen Grüßen

Botschaft DVR Korea"

Damit habe ich es schriftlich: Diese Facebook-Seite wird nicht durch den nordkoreanischen Staat betrieben. Dass der Botschafter mich belügt, ist eher unwahrscheinlich, denn wozu sollte dann der Betreiber der Facebook-Seite das Gegenteil behaupten? Auch er würde dann leugnen, dass der nordkoreanische Staat dahintersteckt.

Ich schicke dem "Freundeskreis Nordkorea" einen Screenshot der Botschafter-Mail und schreibe:

"Entgegen Ihrer Behauptungen ist dies kein Account, der vom nordkoreanischen Staat betrieben wird. Also frage ich mich, wer diesen dann betreibt. Es liegt nahe, dass Sie ein Deutscher sind, der ein Fan von Nordkorea ist."

Die Antwort: "Was Sie sagen, ergibt keinen Sinn."

Auf weitere Nachfragen reagiert der sonst so fixe Pseudo-Nordkoreaner nicht mehr. Ich bin verwirrter als vorher. Ein satirischer Account würde nicht plötzlich schweigen, sondern die Satire weiterdrehen, eine Antwort geben wie: "Sie imperialistischer Lügner". In diesem Fall wirkt es eher so, als fühle sich jemand ertappt, der ernsthaft für Nordkorea wirbt.

Kim Jong Un wäre stolz auf ihn.

 
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